Psalm 137
An den Flüssen Babylons saßen wir und weinten, wenn wir an Jerusalem dachten.
An die Äste der Weiden hängten wir unsere Harfen. Denn die uns gefangen hielten, wollten, dass wir singen, und die uns peinigten,
wollten Freudenlieder hören:
„Singt doch eins der Lieder von Jerusalem!“
Doch wie können wir in einem
fremden Land
die Lieder des Herrn anstimmen?
Wenn ich dich jemals vergesse, Jerusalem,
soll meine rechte Hand gelähmt werden.
Meine Zunge soll mir am Gaumen kleben,
wenn ich nicht mehr an dich denke,
wenn Jerusalem nicht mehr meine höchste Freude ist.
Herr, denk doch daran, was die Edomiter an dem Tag taten, als die babylonischen Heere Jerusalem eroberten.
Sie schrien: „Zerstört es!
Macht es dem Erdboden gleich!“
Babylon, du selbst wirst zerstört werden.
Glücklich ist der, der Vergeltung an dir übt für das, was du uns angetan hast.
Glücklich ist der, der deine kleinen Kinder an den Felsen zerschmettert!
Dieser Psalm gibt uns einen Einblick in die Gemütslage der Menschen, die ins Babylonische Exil verschleppt wurden. Wir kennen ja aus der Geschichte – in Deutschland aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs – auch das Problem der Heimatvertriebenen. Viele Menschen wurden aus ihren angestammten Gebieten verjagt und haben die Heimat nie wiedergesehen oder aber erst viele Jahrzehnte später. Sie mussten irgendwo anders Fuß fassen. Das hat nicht jeder gleich gut verkraftet. Viele ältere Menschen denken heute noch wehmütig an ihre verlorene Heimat zurück.
So auch die Israeliten. Schlimm genug, dass sie in dieser für sie deprimierenden Situation offenbar noch für das Unterhaltungsprogramm ihrer Gefangenenwächter sorgen mussten.
Vielleicht wollten diese nicht nur die Israeliten sadistisch quälen, sondern hatten ein echtes Faible für israelitische Folklore. Wie dem auch war: Danach stand den Gefangenen der Sinn nun gar nicht.
Mehr als alle anderen Heimatvertriebenen haben die Israeliten ihren Tempel vermisst. Dafür gab es zunächst keinen Ersatz. Erst später hat man sich im Exil aus der Not heraus zu Leseund Gebetsversammlungen getroffen, woraus die Synagogen entstanden. Aber der Wechsel von einem sehr sinnlichen, pompösen und das Auge erfreuenden Tempelgottesdienst zum eher kargen Stil der Synagogen war sicherlich hart. Auf der anderen Seite hatte es auch sein Gutes. Nun konnte man sich ganz auf Gottes Wort konzentrieren!
