Klagelieder 3
Denk doch an mein Leid und an meine Verlassenheit, an die Bitterkeit und an das Gift! Immer wieder erinnert sich meine Seele daran und ist niedergeschlagen. Dennoch will ich mir dies zu Herzen nehmen, das will ich hoffen: Die Gnade des HERRN nimmt kein Ende! Sein Erbarmen hört nie auf, jeden Morgen ist es neu. Groß ist seine Treue. Meine Seele spricht: „Der HERR ist mein Anteil, auf ihn will ich hoffen.“
Die Klagelieder sind relativ kurz und schmerzensreich, tragen also ihren Namen völlig zu Recht. Von daher mag man auch gar nicht mehr als in kleiner Dosierung in ihnen lesen. Dennoch ist Klage nicht ganz das, was wir uns möglicherweise darunter vorstellen.
Wir denken bei Klage zum Beispiel an einen juristischen Begriff: Wir führen Klage gegen jemanden. Oder wir klagen über Steuererhöhungen. Das heißt: Wir jammern darüber, dass uns Unheil geschieht. Und mit der Vorstellung einer solch diffusen Mischung zwischen rebellisch-juristischer Klage und resignativem Gejammere lesen wir dann die Klagelieder. Aber Klage heißt eigentlich: sein Herz vor Gott ausschütten. Die juristische Klage richtet sich an und gegen andere und die Jammer-Klage ist ein weinerliches Selbstgespräch. Doch die Klage, wie sie in der Bibel praktiziert wird, bespricht die Angelegenheiten mit Gott. Und obwohl in den Klageliedern schlimmste Zustände beschrieben werden (als Gipfelpunkt gar Kannibalismus), schafft der Klagende doch den Durchbruch zu Gott.
Wenn wir vor Gott ausschütten, was uns bedrückt, werden auch wir dieses wunderbare und befreiende Erlebnis erfahren.
