Es ist kalt und eine Schicht aus Schnee bedeckt die Straßen und Dächer von Ennepetal. Friedlich liegt die kleine Stadt mit ihren knapp 31.000 Einwohnern da und nichts deutet am Ortseingang darauf hin, was sich in den nächsten zwei Tagen hier abspielen wird.
Denn der verschlafene Ort am Rande des Ruhrgebiets lädt wie in jedem Dezember seit 1980 zur Christmas Rock Night, einem der größten christlichen Festivals in Europa. Angefangen haben die Gründer vor 30 Jahren mit nur drei Bands, alle aus Deutschland. Heute kommen die Musiker aus ganz Europa sowie den USA – genauso wie die Besucher.
In der langen Schlange am Karten-Schalter frieren sie alle gemeinsam. Die Kälte ist zu diesem Zeitpunkt noch das vorherrschende Thema, alle schlottern und bibbern und wünschen sich nichts sehnlicher, als endlich ins „Haus Ennepetal“ zu kommen.
Allein schon ein Blick auf die Besucher der Christmas Rock Night ist eine Reise zum Festival wert. Vom Normalo in Jeans und Band-T-Shirt über den in schwarz gekleideten, langhaarigen Goth bis hin zum Biker mit komplett tätowierten Armen ist alles dabei. Auch wenn der Großteil des Publikums zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt ist, sieht man ein paar vereinzelte Altrocker und einige Kinder, die bis spät in den Abend mit durch die beiden Konzertsäle springen.
Doch trotz aller Unterschiede ist die Atmosphäre entspannt, der Ton untereinander respektvoll. Alle freuen sich auf die Bands, auf Gleichgesinnte und ein gemeinsames Fest – jeder nach seiner Façon. Denn die Musik ist nicht stilgebunden, wie es auch auf der Homepage der Christmas Rock Night heißt. Klar, rockig muss es sein, aber der Rock hat viele Facetten. Wer das noch nicht wusste, lernt es spätestens hier.
„Das Line-up ist in diesem Jahr eindeutig besser als letztes Jahr“, sagen Tom (22) und Marcus (20), die aus Rostock und Wismar angereist sind. Besonders freuen sich die beiden auf Fireflight, eine Rock-Band aus Florida. „Die sind live wirklich gut.“
Es dauert ein bisschen, bis die Party im „Haus Ennepetal“ so richtig losgeht. Erstmal ankommen und warmwerden. Sacrety, von der Veranstalterin Martina Westermann als „die beste deutsche Liveband“ angekündigt, versuchen sich als Eisbrecher. Und tatsächlich: Sie bringen die Zuschauer zum Springen. Da fliegen die Haare, Arme und Beine. Das alles gehört dazu und die Leute sehen aus, als hätten sie Spaß dabei.
Später. Die US-amerikanische Band Kutless, die an diesem Abend ein Spezial-Lobpreis-Konzert geben, betreten die Bühne. Plötzlich wird der Saal, in dem das Publikum eben noch wild herumgetanzt hat, ruhig – obwohl es jetzt richtig voll ist. Viele haben die Augen geschlossen, heben die Hände und singen die Anbetungslieder mit. „Ich möchte, dass wir uns bei diesem Festival immer wieder daran erinnern, um was es eigentlich geht“, sagt Kutless-Front-Mann Jon Micah Sumrall, „nämlich darum, Gott die Ehre zu geben“.
Diese Einstellung teilen auch die Schotten von The Electrics, die Punkrock mit Elementen aus der traditionellen schottischen Volksmusik mischen. Celtic Punkrock nennen sie das und stehen so nicht nur mit Gitarren und Schlagzeug auf der Bühne, sondern auch mit Akkordeon. Der Violinist sei leider in England eingeschneit. Das komme davon, wenn man in England wohnt.
Dann legt die Band los – genau wie das Publikum. Alle tanzen, springen, lachen und irgendwo im Raum startet jemand eine Spontan-Polonaise. Lead-Sänger Sammy Horner meint: „Ich weiß, viele sind am Anfang ein bisschen irritiert, wenn sie uns ältere Herren auf die Bühne kommen sehen. Aber dann fangen wir an zu spielen und die Leute fangen an zu tanzen, sodass sie danach vollkommen fertig sind.“
Ob The Electrics daran Schuld sind oder eine der anderen Bands – je später die Stunde, desto deutlicher steht den Besuchern die Erschöpfung ins Gesicht geschrieben. Trotzdem gucken viele an den Ständen vorbei, an denen die verschiedenen Bands ihre CDs und T-Shirts verkaufen. Dort stehen auch oft die Musiker und unterhalten sich mit ihren Fans. „Das ist für mich das Besondere an der Christmas Rock Night, dass sich die Bands so unter die Teilnehmer mischen und bereit sind, sich Zeit für sie zu nehmen“, sagt Marius (21) aus Heidelberg, der am Kutless-Stand die Produkte der Band verkauft.
Gegen zwei Uhr neigt sich der erste Teil der Christmas Rock Night seinem Ende. Die Bässe hören auf zu wummern, nach und nach leert sich das Gebäude und es kehrt Ruhe ein. Ein Mitarbeiter weist die letzten verbliebenen Gäste darauf hin, dass es jetzt Zeit wird, zu gehen. Wieder hinaus in die Kälte, ins friedliche nachtschlafende Ennepetal. Doch Samstag ist ja auch noch ein Tag voll Gesang und Geschrei und allem dazwischen. Jannik (17) aus Kassel meint: „Ich bin gespannt, wie es hier noch so weitergeht“.
