Nach tausenden Jahren schafft es die Arche Noah wieder in die Schlagzeilen. Es wird eifrig gegraben. Was hätte Jesus dazu gesagt?
Eine Kolumne von Tim Bergen
„100 % bewiesen!“, „Endlich gefunden!“, „Kritiker widerlegt!“, „Arche Noah gefunden!“ und auf der anderen Seite: „Evangelikale Spinner!“ So begegnen mir die Meldungen seit einigen Tagen auf Instagram. Zurzeit wird die Arche Noah auf dem Ararat gesucht – nicht das erste Mal. Eine dieser Nachrichten hat mein Interesse geweckt. Haben sie wirklich die Arche gefunden? Ein Klick auf solch eine Meldung und mein Feed war geradezu verseucht. Das Artikelbild zeigt die Grabungsstätte. Sieht das für euch wie die Arche aus?
Eine kurze Recherche zeigt mir: Einen bestätigten Fund gibt es bislang nicht. Zwischen „Wir untersuchen etwas“ und „Die Arche ist gefunden“ liegt eben doch ein Unterschied. Trotz der Faktenlage scheinen sich zwei Lager aufgetan zu haben: Die einen preisen vehement die Echtheit und die vermeintlichen Beweise an. Die anderen weisen alles zurück. Dazwischen wird einander Unehrlichkeit oder fehlender Glaube vorgeworfen. Nach dem Faktencheck war das Thema für mich eigentlich abgehakt.
Und dann schon wieder Noah
In den kommenden Tagen passierten aber einige „Zufälle“, die mich immer wieder auf diese Geschichte brachten. Einmal war es das Buch, das ich meinem Kind unbedingt vorlesen sollte. Aus ungefähr hundert Büchern griff es ausgerechnet zu dem über Noah und die Arche. Das lesen wir sonst eigentlich nie. Dann fiel mir bei der Arbeit mein Desktop-Hintergrund auf: Das ist doch der Ararat! Es zeigt das schneebedeckte Gebirge mit einem Kloster im Vordergrund. Das Bild hatte ich vor einem halben Jahr herausgesucht.
Heute Morgen am Frühstückstisch packte ich meine Sachen zusammen. Meine Frau las unserem Kind eine Geschichte vor. Im Nebensatz fielen wieder Noah und der Regenbogen. Das Thema ließ mich einfach nicht los und ich habe viel darüber nachgedacht. Ich habe mich gefragt: Was erhoffen wir uns eigentlich davon, wenn die Arche gefunden wird? Würde das unseren Glauben verändern? Oder hoffen wir, damit andere von Gott und der Bibel überzeugen zu können?
Was hätte Jesus dazu gesagt?
Als Jesus lebte, kamen Menschen mit theologischen, persönlichen, aber auch mit Streitfragen zu ihm. Deshalb habe ich mich irgendwann gefragt: Was hätte Jesus gesagt? Schwierig. Schon seine Jünger wussten oft nicht, was Jesus im nächsten Moment antworten würde. Das Gute ist: Jesus hat selbst die Geschichte von Noah aufgegriffen:
„Denn wie es in den Tagen Noahs war, so wird es sein beim Kommen des Menschensohns. Denn wie sie waren in den Tagen vor der Sintflut – sie aßen, sie tranken, sie heirateten und ließen heiraten bis an den Tag, an dem Noah in die Arche hineinging; und sie beachteten es nicht, bis die Sintflut kam und raffte sie alle dahin –, so wird es auch sein beim Kommen des Menschensohns.“
Matthäus 24,37–39
Angesichts dieses Bibeltextes hätte er vielleicht so geantwortet:
„Ihr investiert so viel Kraft darin, zu beweisen, dass die Geschichte über die Arche Noah wahr ist. Ihr streitet in den Kommentaren und verteidigt euren Glauben mit Satellitenbildern und Ausgrabungen. Aber meint ihr wirklich, dass ein Stück versteinertes Holz aus den Bergen die Herzen der Menschen verändern kann? Viel wichtiger ist, wovor die Geschichte euch heute warnt: Zur Zeit Noahs haben die Leute von Gott überhaupt nichts mehr wissen wollen, bis das Wasser ihnen bis zum Hals stand. Die Katastrophe war, dass sie völlig getrennt von Gott lebten. Die Geschichte ist ein Sinnbild für die heutige Zeit und ihre Gesellschaft.“
Zumindest stelle ich mir vor, dass er so ähnlich geantwortet hätte. Ihm wäre sicher die sinnbildliche Deutung der Geschichte wichtiger. Die Gottesferne der heutigen Gesellschaft hätte er in den Mittelpunkt gestellt.
Ich glaube an die Geschichte von Noah und der Arche, auch ohne ihre Überreste gesehen zu haben. Wichtiger ist für mich auch die sinnbildliche Bedeutung der Geschichte. Da muss ich nicht mit dem Finger auf die böse Gesellschaft zeigen. Ich erkenne selbst, wie leicht ich Gott im Alltag ausgrenze. Für diese Erkenntnis hätte ich nicht am Ararat graben müssen. Aber offenbar brauchte es dafür ein paar Meldungen auf Social Media, ein Kinderbuch und meinen Desktophintergrund.
Die Kolumne „Was hätte Jesus gesagt“ ist ein Beitrag in unsere Zeit, mal humoristisch – mal tiefsinnig. Die Texte sollen zum Denken anregen: über Jesus, uns Christinnen und Christen, die Welt und wie alles in Verbindung steht. Die Texte werden im Wechsel von den Redakteuren Tim Bergen und Johannes Schwarz verfasst.
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