2. Samuel 13
Da erzählte Amnon ihm: „Ich liebe Tamar, die Schwester meines Bruders Absalom.“ Jonadab riet ihm: „Leg dich ins Bett und stell dich krank. Wenn dein Vater nach dir sieht, bitte ihn, deine Schwester Tamar zu schicken und dir etwas zu essen zu bringen. Sag ihm: ,Sie soll es vor meinen Augen zubereiten, damit ich es sehe. Dann werde ich mir von ihr etwas davon geben lassen.‘“ Also legte Amnon sich hin und stellte sich krank. Als der König ihn besuchte, bat Amnon ihn: „Lass doch meine Schwester Tamar kommen und vor meinen Augen einen oder zwei Kuchen backen. Sie soll sie mir zu essen geben.“ Da schickte David Tamar ins Haus von Amnon, damit sie ihm etwas zu essen zubereite. Tamar ging ins Haus ihres Bruders Amnon. Während er im Bett lag, konnte er zusehen, wie sie den Teig knetete. Dann backte sie daraus ein paar Kuchen für ihn. Doch als sie ihm die Kuchen auf einem Teller brachte, weigerte er sich zu essen. „Geht alle hinaus“, befahl er seinen Dienern. Sie verließen das Zimmer. … Aber Amnon wollte nicht auf sie hören; und er überwältigte und vergewaltigte sie. Danach schlug seine Liebe in Hass um, und er hasste sie mehr, als er sie je geliebt hatte. „Hinaus!“, herrschte er sie an. „Nein, nein!“, schrie Tamar. „Mich jetzt zurückzustoßen, ist ein größeres Unrecht als das, das du mir bereits angetan hast!“ Aber Amnon wollte nicht auf sie hören. Er rief nach seinem Diener und befahl: „Schaff diese Frau hinaus und verriegle die Tür hinter ihr!“
Noch ein düsteres Kapitel zum Thema Sex. Und mindestens genauso skandalös: Diesmal geht es um Inzest. Davids Sohn Amnon ist aus unglücklichem Verlangen nach seiner Halbschwester völlig neben den Schuhen. Sein Freund gibt ihm nun einen verhängnisvollen Rat, wie er seine Halbschwester ins Bett bekommt. Vor ihm Kuchen backen soll sie, was damals wohl weniger schräg aufgefasst wurde als heute. Dann soll sie ihm den im Schlafzimmer servieren. Und dann … na ja.
In der Umgebung Amnons müssen allerdings auch eine ganze Reihe Leute Scheuklappen getragen haben. Das lag wohl daran, dass das Ungeheuerliche, was dann geschehen sollte, niemand auf dem Schirm hatte. Sicher sollten wir auch nicht gleich jeden böser Motive verdächtigen, aber eine allzu große Leutseligkeit hat nichts mit Nächstenliebe zu tun, sondern damit, dass unser Harmoniewunsch stärker ist als unser Realitätssinn. Und das kommt in den besten Familien (und Gemeinden!) bis heute vor.
Die Vergewaltigung war eine Schande für Tamar. Erinnern wir uns: Vor noch nicht allzu langer Zeit lag in so einem Fall die Schande auch in unseren Breiten genauso auf dem Opfer wie auf dem Täter. Tamar zerreißt ihr Jungfrauengewand, und ab da lebt sie als einsame Frau im Haus ihres Bruders Absalom. Und obwohl dieser seine Schwester zunächst beschwichtigt, wird er sie zwei Jahre später blutig rächen.
