Josua 2
Doch jemand hatte dem König von Jericho zugetragen: „Heute Nacht sind israelitische Männer gekommen, um das Land auszuspionieren.“ Deshalb ließ der König von Jericho Rahab sagen: „Schick die Männer heraus, die in dein Haus gekommen sind. Sie wurden gesandt, um das Land auszuspionieren!“ Rahab, die die beiden Männer versteckt hatte, entgegnete: „Die Männer waren tatsächlich hier, aber ich wusste nicht, woher sie kamen. Sie haben die Stadt bei Einbruch der Dunkelheit, kurz bevor die Stadttore geschlossen wurden, wieder verlassen, und ich weiß nicht, wohin sie gegangen sind. Wenn ihr euch beeilt, holt ihr sie vielleicht noch ein.“ Sie hatte die beiden aber auf das Dach des Hauses gebracht und unter einigen Flachsbündeln versteckt, die dort aufgeschichtet waren. Da suchten die Männer des Königs die Straße ab, die zu den flachen Jordanübergängen führte. Gleich nachdem sie die Stadt verlassen hatten, wurden die Tore geschlossen.
An sich ist die Geschichte mit Rahab ja ziemlich erfreulich, ist sie doch eine für die Israeliten unverhoffte Verbündete in Jericho. Dennoch ist es eigenartig, dass ausgerechnet eine Dame aus dem horizontalen Gewerbe zur Erfüllungsgehilfin Gottes wird. Fast noch merkwürdiger: Sie hilft den Israeliten durch eine platte Lüge aus der Bredouille. Wie geht denn das mit dem Willen Gottes zusammen?
Man darf sich dieser Geschichte nicht vom moralisch hohen Ross her nähern und die Nase rümpfen. Entscheidend ist nicht der Beruf der Rahab, sondern die Solidarität mit Gottes Volk. Entscheidend ist auch nicht, dass sie gelogen hat, sondern dass sie sich in dem, was sie tat, zu Gott gestellt hat. Hätte sie sich einem abstrakten Wahrheitsgebot verpflichtet, hätte sie menschlich ja keine Schwierigkeiten bekommen. Doch sie ahnte schon, dass hinter dem Gott Israels mehr steckte als hinter den Göttern aus ihrem bekannten Umfeld.
Es gibt Situationen, in der man sich zwischen der formalen Wahrheit und der Lüge aus Treue zu Gott entscheiden muss. Rahab hat übrigens trotz ihres anstößigen Berufes in der Bibel einen weiteren Ehrenplatz bekommen: in der Linie der Vorfahren Jesu (Matthäus 1,5).
