Die Bundesregierung diskutiert über Rückführungen nach Syrien. Vertreter christlicher Minderheiten warnen: Die Gefahr für Christen im Land wird in der politischen Debatte oft unterschätzt.
Charli Kanoun ist assyrischer Christ und Vorsitzender des Assyrischen Kulturvereins Saarlouis. Während in Deutschland wieder verstärkt über Abschiebungen nach Syrien diskutiert wird, warnt er im Gespräch mit C-Heute eindringlich vor den Gefahren, denen insbesondere Christinnen und Christen im Land weiterhin ausgesetzt sind.
Herr Kanoun, welche konkreten Schwierigkeiten haben Christinnen und Christen in Syrien?
Kanoun: Wenn uns jemand sagt: „Syrien ist jetzt sicher“, fragen wir: Sicher für wen? Das Auswärtige Amt führt für Syrien weiterhin eine Reisewarnung und weist auf die instabile und unübersichtliche Sicherheitslage hin. Auch der sogenannte Islamische Staat ist weiterhin aktiv. Gleichzeitig wird in Deutschland über Rückkehr und Abschiebungen gesprochen. Für mich stellt sich deshalb eine einfache Frage: Wenn Deutschland seinen eigenen Bürgern von Reisen nach Syrien abrät, wie kann Syrien dann für einen Christen sicher sein, der dorthin zurückgeschickt werden soll?
„Die jihadistische Bedrohung besteht weiterhin.“
Charli Kanoun
Es geht nicht nur um Anschläge, es geht um den Alltag: Kann ich mein Kreuz offen tragen? Kann ich meine Kirche sicher besuchen? Kann ich meine Kinder christlich erziehen? Können Frauen sich frei und ohne Angst bewegen?
Für uns Assyrer ist diese Frage besonders schmerzhaft. Wir haben unter ISIS und anderen jihadistischen Gruppen erlebt, was Verfolgung bedeutet: Menschen wurden getötet, verschleppt und vertrieben, Kirchen zerstört und Familien auseinandergerissen. ISIS ist nicht einfach verschwunden. Die jihadistische Bedrohung besteht weiterhin.
… der syrische Interimspräsident Ahmed al-Scharaa hat selbst einen jihadistischen Hintergrund.
Ja, die Vergangenheit der heutigen Führung darf nicht ignoriert werden. Ahmed al-Scharaa war als Abu Mohammed al-Dscholani in jihadistischen Strukturen aktiv und führte die Al-Nusra-Front. Er hat sich später von Al-Qaida losgesagt. Für Menschen, die unter diesen Strukturen gelitten haben, bleibt diese Vergangenheit dennoch relevant.
Besonders kritisch sehen wir die Eingliederung ehemaliger Kämpfer in syrische Sicherheits- und Militärstrukturen. Wer garantiert Christen Schutz, wenn Menschen, die gestern mit jihadistischen Gruppen gekämpft haben, heute Teil staatlicher Sicherheitsstrukturen sind? Wie kann Deutschland Christen nach Syrien zurückschicken, wenn gleichzeitig Menschen mit jihadistischem Hintergrund dorthin abgeschoben werden sollen? Wir dürfen nicht die Täter von gestern zurückschicken und gleichzeitig deren Opfer von damals ebenfalls zur Rückkehr zwingen.
„Wir dürfen nicht warten, bis erneut Kirchen brennen.“
Charli Kanoun
Die Bundesregierung hat Erkenntnisse über mehr als 1.150 deutsche beziehungsweise aus Deutschland stammende Islamisten, die seit 2011 nach Syrien oder in den Irak gereist sind. Bei einem erheblichen Teil bestehen Hinweise auf Verbindungen zu IS, al-Qaida oder nahestehenden terroristischen Gruppen. Deshalb fordern der Assyrische Kulturverein Saarlouis und die Assyrische Autonomie Bewegung Deutschland einen sofortigen Abschiebestopp für syrische Christen.
Es geht um Menschen, die bereits Verfolgung, Vertreibung, Entführung und Gewalt erlebt haben. Unsere klare Einschätzung lautet: Syrien ist für Christen derzeit eine Zeitbombe. Wir dürfen nicht warten, bis erneut Kirchen brennen, Familien fliehen oder Menschen getötet werden.
Hat das Christentum in Syrien eine Zukunft?
Ich wünsche mir nichts mehr, als dass Christen in Syrien bleiben können. Aber derzeit sehe ich keine verlässliche langfristige Perspektive. Die entscheidende Frage ist nicht, was auf dem Papier steht. Entscheidend ist, ob Christen ihren Glauben tatsächlich frei und ohne Angst leben können.
Werden Kirchen geschützt? Werden christliche Familien geschützt? Werden Angriffe konsequent verfolgt? Können Frauen sicher leben? Solange diese Fragen nicht überzeugend beantwortet sind, kann ich nicht von einer sicheren Zukunft sprechen.
Die christliche Bevölkerung ist durch Krieg, Verfolgung, Entführungen und Flucht bereits massiv geschrumpft. Wenn die verbliebenen Christen erneut das Gefühl bekommen, dass niemand ihre Sicherheit garantieren kann, werden weitere Familien gehen. Wir dürfen nicht erst reagieren, wenn die letzten Christen Syrien verlassen haben.
Sie engagieren sich seit vielen Jahren. Gibt es auch Erlebnisse, die Ihnen Mut machen?
Im Jahr 2015 wurden mehr als 200 assyrische Christen durch ISIS aus ihren Dörfern am Khabur-Fluss verschleppt. Unser Assyrischer Kulturverein Saarlouis startete damals eine Aktion, um ehemalige IS-Geiseln ins Saarland zu holen. Wir wandten uns an die saarländische Landesregierung und den Landtag. Schließlich konnten ehemalige Geiseln ins Saarland kommen. Unser Verein half bei ihrer Unterbringung und Betreuung. Diese Erfahrung werde ich niemals vergessen. Ich möchte deshalb ausdrücklich sagen: Wir sind dem saarländischen Landtag und allen Verantwortlichen, die damals geholfen haben, bis heute sehr dankbar.
Als Assyrischer Kulturverein unterstützen wir Familien und Jugendliche, fördern Integration und setzen uns für den Erhalt unserer Kultur und Identität ein. Gleichzeitig arbeiten wir mit Kirchen und anderen gesellschaftlichen Einrichtungen zusammen. Wir stehen mit Betroffenen und Familien in Kontakt, hören ihre Berichte und informieren gemeinsam mit der Assyrischen Autonomie Bewegung Deutschland Politik, Kirchen und Medien über die Situation syrischer und insbesondere assyrischer Christen.
Dabei unterstreichen wir ganz klar: Wir wollen Schutz für alle. Wir stehen gegen Christenfeindlichkeit genauso wie gegen Antisemitismus und jede andere Form religiös motivierter Verfolgung.
Vielen Dank für das Gespräch.
Die Fragen stellte Daniel Wildraut
