Tag 291

0

Lukas 10

Der Mann wollte sich rechtfertigen; deshalb fragte er Jesus: „Und wer ist mein Nächster?“ Jesus antwortete: „Ein Mann befand sich auf der Straße von Jerusalem nach Jericho, als er von Räubern überfallen wurde. Sie raubten ihm seine Kleider und sein Geld, verprügelten ihn und ließen ihn halb tot am Straßenrand liegen. Zufällig kam ein jüdischer Priester vorbei. Doch als er den Mann dort liegen sah, wechselte er auf die andere Straßenseite und ging vorüber. Dann kam ein Tempeldiener und sah ihn ebenfalls dort liegen; doch auch er ging auf der anderen Straßenseite vorüber. Schließlich näherte sich ein Samariter. Als er den Mann sah, empfand er tiefes Mitleid mit ihm. Er kniete sich neben ihn, behandelte seine Wunden mit Öl und Wein und verband sie. Dann hob er den Mann auf seinen eigenen Esel und brachte ihn zu einem Gasthaus, wo er ihn versorgte. Am nächsten Tag gab er dem Wirt zwei Denare und bat ihn, gut für den Mann zu sorgen. ,Sollte das Geld nicht ausreichen‘, sagte er, ,dann werde ich dir den Rest bezahlen, wenn ich das nächste Mal herkomme.‘ Wer von den dreien war nun deiner Meinung nach der Nächste für den Mann, der von Räubern überfallen wurde?“, fragte Jesus. Der Mann erwiderte: „Der, der Mitleid hatte und ihm half.“ Jesus antwortete: „Ja. Nun geh und mach es genauso.“

„Wer ist mein Nächster?“ – was hat der Schriftgelehrte wohl als Antwort erwartet? Seine Frau, seine Mutter, Nachbar Schulze, Kollege Müller? Nein, er wollte sich rechtfertigen, nach dem Motto: „Ich weiß ja gar nicht, wer mein Nächster ist, also kann ich das Gesetz gar nicht erfüllen.“

Das ist allerdings eine etwas lendenlahme Grundauffassung, die Jesus in seinem Gleichnis vom barmherzigen Samariter gründlich korrigiert. Da geht die werte Geistlichkeit, ohne mit der Wimper zu zucken, an einem Schwerverletzten vorbei.

An so etwas wollen sich die beiden Herren nicht die Finger schmutzig machen. Vielleicht warteten ja auch dringende geistliche Angelegenheiten auf sie. Da muss ein Mann aus dem Volk in die Bresche springen, und zwar beschämenderweise einer aus dem Volk der Samariter – seit Nehemias Zeiten der Feind im eigenen Land. Dieser erweist sich nicht nur als williger Ersthelfer, sondern zudem noch als überaus spendabel. Zwei Tageslöhne ist ihm die Pflege des Kranken wert – bei Bedarf noch mehr.

Da muss nun Jesus eigentlich gar nicht mehr fragen, wer hier der Nächste ist. Der, der mir über den Weg läuft, ist mein Nächster. Ihn soll ich lieben und ihm Gutes tun – auch wenn es ein völlig Fremder ist. Nächstenliebe ist eine Lebensaufgabe und nicht durch die Nennung eines bestimmten Personenkreises abzuarbeiten. Prinzipiell kann ich von der Liebe zum Nächsten jedenfalls niemanden ausschließen.