Lukas 15
Oft kamen Steuereintreiber und andere, die als Sünder galten, um Jesus lehren zu hören. Die Pharisäer und Schriftgelehrten nahmen Anstoß daran, dass er sich mit so verrufenen Leuten abgab und sogar mit ihnen aß! Deshalb erzählte Jesus ihnen folgendes Gleichnis: „Wenn jemand hundert Schafe hätte, und eines würde weglaufen und sich in der Wüste verirren, würde er dann nicht die neunundneunzig Schafe zurücklassen, um das verlorene zu suchen, bis er es wiedergefunden hätte? Und dann würde er es voller Freude auf seinen Schultern nach Hause tragen. Wieder daheim, würde er alle Freunde und Nachbarn zusammenrufen, damit sie sich mit ihm darüber freuen, dass er sein verlorenes Schaf wiedergefunden hat. Genauso ist im Himmel die Freude über einen verlorenen Sünder, der zu Gott zurückkehrt, größer als über neunundneunzig andere, die gerecht sind und gar nicht erst vom Weg abirrten! “
Jesus spricht hier mitten aus der Alltagswelt. Natürlich würde kein Hirte um eines abhanden gekommenen Schafes willen 99 andere zurücklassen, wenn er nicht wüsste, dass diese im Schafspferch sicher sind. Eigentlich könnte er sich ja trösten, dass 99 Prozent der Schafe sich noch wohlbehalten bei ihm befinden. Doch solche Art positiven Denkens ist den um die Existenz kämpfenden Hirten fremd. Sie gehen dem einen Schaf nach – und können sich von Herzen freuen, wenn sie es dann wiedergefunden haben.
Auch Gott könnte ja mit den verbliebenen „Schafen“ mehr als zufrieden sein. Schwund ist doch überall. Nein, so ist Gott nicht. Er geht jedem Individuum nach. Gott ist hier viel moderner, als wir vermuten. Dass ein lebendiger Gott sich für Einzelschicksale interessiert, ist ohnehin eine biblische Grundbotschaft, deren Tragweite wir heute im Zeitalter des Individualismus gar nicht mehr ermessen können. Nicht (nur) der Stamm, die Familie, das Volk, der Staat, die Religionsgemeinschaft sind Gott wichtig – sondern jeder Einzelne! Das eröffnet uns erst die Möglichkeit, mit diesem Gott auch sehr persönlich umzugehen.
