Lukas 22
Er hatte noch nicht ausgeredet, da näherte sich eine Menschenmenge, angeführt von Judas, einem der zwölf Jünger. Judas ging auf Jesus zu und begrüßte ihn mit einem Kuss. Aber Jesus sagte: „Judas, wie kannst du den Menschensohn mit einem Kuss verraten?“ Als die anderen Jünger begriffen, was die Menge vorhatte, riefen sie: „Herr, sollen wir kämpfen? Wir haben die Schwerter mitgebracht!“ Und einer von ihnen griff den Diener des Hohen Priesters an und schlug ihm das rechte Ohr ab. Doch Jesus sagte: „Leistet keinen Widerstand mehr.“ Und er berührte das Ohr des Mannes und heilte ihn. Dann wandte er sich an die obersten Priester, die Befehlshaber der Tempelwache und die Anführer der Gruppe. „Bin ich ein Schwerverbrecher“, fragte er, „dass ihr mit Schwertern und Knüppeln bewaffnet anrückt, um mich zu verhaften? Warum habt ihr mich nicht im Tempel verhaftet? Ich war doch jeden Tag dort. Aber dies ist eure Stunde, die Zeit, in der die Macht der Finsternis die Oberhand hat.“
Jetzt wird es endgültig ernst. Der Verräter ist auf dem Plan, und Jesus wird gefangen genommen. Mindestens zwei Dinge fallen auf: Die Jünger sind zwar kampfbereit, aber Jesus verzichtet nicht nur auf den Kampf, sondern tut dem Gegner auch noch Gutes. Das ist nun wirklich praktizierte Feindesliebe. Aber die religiösen Führer scheinen das überhaupt nicht zur Kenntnis zu nehmen. Und die Jünger haben noch nicht begriffen, dass Jesus andere Waffen einsetzen möchte – und in dieser speziellen Situation sogar gar keine.
Das Zweite: Jesus geht hier schon mit großem Zynismus gegen seine Feinde vor und rückt sie damit in die Ecke von Kriminellen. Eine Aktion in der Dunkelheit hätten sich die Leute bei der öffentlichen Präsenz Jesu auch sparen können. Natürlich wäre das insofern kritisch geworden, da das Volk ja nur kurz vorher Jesus quasi zu Füßen gelegen hatte. Aber man kann von diesen Leuten Transparenz und einen fairen Prozess nicht erwarten, obwohl gerade sie für die Juden die Vorbilder im Glauben sein sollten …
