Einen Sack voll Flöhe zu hüten ist leichter, als eine Gemeinde zu leiten. Ideen und Vorschläge gibt es viele. Und ebenso viele ver­heißungsvolle Konzepte für Leitung werden vom Gemeinde­alltag wieder verschluckt. Umso wichtiger ist die Frage: Worin sollte ich meine Kraft als Leitender wirklich investieren?

Von Matthias Störmer

Darauf verzichten kann man nicht wirklich. Gemeindeaufbau funktioniert nicht nach dem Zufallsprinzip. Ob man jetzt das biblische Bild vom „Hirtendienst“ im Hinterkopf hat oder das moderne Denken eines Managers: Leitung ist ein wichtiger Teil jeder Gemeindearbeit. Die Konzepte und Ideen sind allerdings kaum zu überblicken. Pastoren und Kirchenvorstände können heute wahrlich aus dem Vollen schöpfen. Gutes Handwerkszeug findet man zuhauf. Umso wichtiger ist es, immer wieder mal die Grundsatzfrage zu stellen, was Leitung eigentlich tun sollte – und welche Art von Leitung für die Gesundheit einer Gemeinde entscheidend ist.

Ich selbst beschäftige mich schon seit über 25 Jahren mit dem Ansatz von NCD (Natural Church Development bzw. Natürliche Gemeindeentwicklung). Hervorgegangen aus den Gemeindeaufbau-Ideen des ehemaligen Herner Superintendenten Fritz Schwarz hat sein Sohn Christian A. Schwarz diesen Ansatz in jahrelanger Forschungsarbeit immer weiter entwickelt und mittlerweile zu einem international vielbeachteten Konzept aufgebaut. Was NCD auszeichnet, ist in erster Linie der empirische Ansatz, der versucht, aus vielen tausend Gemeindeprofilen diejenigen Prinzipien abzuleiten, die gemeinde- und kulturübergreifend als die zentralen Bausteine für gesunde Gemeinden gelten können.

Seine Lebensberufung erkennen

Anfang der 90er-Jahre, als die ersten Gemeindeaufbau-Materialien von Christian A. Schwarz auf den Markt kamen, war die Überschrift für das Thema Leitung noch der „zielorientierte Pastor“. Aber bald schon verschob sich der Fokus von dem Einzel-Leitenden auf das Leitungs-Team. So wurde daraus die „zielorientierte Leitung“. Aber auch die Frage nach Ziel und Vision war – so wichtig sie ist – nicht so elementar wie zunächst vermutet. Stattdessen deuteten die Daten von NCD darauf hin, dass eine Gemeinde gesünder und vitaler wird, wenn die Leitung „bevollmächtigend“ ist. Aber Achtung: Dieses Wort hat es in sich. Man muss es genau lesen. Nicht einfach nur „vollmächtig“ soll Leitung sein, sondern „bevollmächtigend“. Diese Schwerpunktverschiebung ist der entscheidende Impuls, den NCD aufgegriffen hat: „Bevollmächtigend“ – das heißt: Statt die Christen nur für die eigenen Ziele zu begeistern, soll die Gemeindeleitung jedes einzelne Gemeindeglied anleiten, seine individuelle Lebensberufung zu erkennen und zu verfolgen.

Wer schon einmal mit NCD gearbeitet hat, weiß, dass es dort fast immer darum geht, aus einem einfachen Schwarz-Weiß- Denken herauszukommen und die Thematik des Gemeindeaufbaus im Spielfeld verschiedener sich ergänzender Pole zu sehen. Ein typisches Problem ist beim Thema Leitung zum Beispiel der einseitige Blick auf „die“ eine, bestimmende Vision der Gemeindeleitung. Das ist ein unheimlich wichtiges Thema – keine Frage! Schwierig wird es aber, wenn die ehrenamtlich Mitarbeitenden der Gemeinde vor allem dazu geschult und gefördert werden, diese eine Vision der Gemeindeleitung (oder eines einzelnen Leitenden) zu verwirklichen. Damit kann man durchaus großartige Projekte hervorbringen – es begrenzt die Möglichkeiten der Gemeinde aber auf die Ziele der Leitung und ihre Fähigkeit zur Delegation. Und wer weiß – vielleicht fühlen sich auch manche Mitarbeitende ausgenutzt oder ausgebremst, weil sie in ein vorgegebenes Konzept passen müssen, statt ihre eigenen Ideen umsetzen zu können.

Der Blick auf vermeintlich „starke“ Leitende hat sicher schon manche, die sich nicht für typische Leitertypen halten, frustriert oder verunsichert. Was macht zum Beispiel jemand, der keine solche „Frontsau“ ist? An dieser Stelle schlägt das NCD-Konzept einen Blickwechsel vor, der durch die Forschung auch untermauert wird: Viele „starke“ Leitende, die allzu oft im Rampenlicht stehen, entpuppten sich im Laufe der Untersuchungen als erschreckend einseitig. Viele setzten zwar ihre eigenen Ideen um und spannten zahlreiche Mitarbeitende für ihre Ziele ein, aber sie waren oft nur mäßig in der Lage, anderen Christen in ihrer persönlichen Entwicklung zur Seite zu stehen. Sie waren zwar „vollmächtig“ (zumindest sah es so aus), aber nicht „bevollmächtigend“.

„Bevollmächtigen heißt:
Ich werde der größte Fan
meiner Mitarbeitenden!“

Das Potenzial aller entfalten

Bevollmächtigende Leitung verfolgt das Ziel, das geistliche Potenzial aller Gemein- deglieder umfassend zu entfalten. Statt Menschen also nur für das eigene Ziel zu gewinnen, stellt man hier die Frage, was denn jede Christin und jeder Christ für eine Lebensberufung hat – und wie man ihnen helfen kann, diese zu erreichen. Nicht nur eine Vision für die Gemeinde soll verfolgt werden, sondern es sollen viele Visionen freigesetzt werden.

Bevollmächtigende Leitung – dieses Prinzip kann unheimlich entlastend sein. Es eröffnet den Blick auf die geistliche Kraft der ganzen Gemeinde. Aber es erfordert auch ein Umdenken, wo bisher alles Planen, Organisieren und fast das ganze Gemeindeleben nur in der Hand der Gemeindeleitung (oder in der Hand des Pastors) lag. Bevollmächtigen heißt auch: loslassen. Anderen mehr zutrauen. Bevollmächtigen heißt: Ich werde der größte Fan meiner Mitarbeitenden!

Fällt NCD jetzt aber von der anderen Seite vom Pferd? Soll jetzt jeder Mitarbeitende nur das machen, was gerade individuell gewünscht ist? Das könnte tatsächlich eine Gefahr sein, wenn man diese Idee verabsolutiert. Jedes Konzept – auch NCD – birgt die Gefahr, auf seine eigene Weise einseitig zu werden. Gut finde ich, dass Schwarz an diesem Punkt auch das nötige Gegengewicht thematisiert: Eine Gemeindeleitung muss auch selbst mit gutem Beispiel vorangehen, die Gemeinde dirigieren und eine gute Vision vermitteln. Sie soll durchaus leiten, aber auch freisetzen. Entscheidend ist letztlich die richtige Balance. Wer mit dem Konzept arbeiten will, sollte also darauf achten, dass man damit nicht nur seine persönliche Schwäche, Passivität oder Einseitigkeit entschuldigt.

Die aktuelle Version von NCD bietet ein interessantes Instrumentarium, um als Leitender diese ideale Balance zwischen „Leiten“ und „Bevollmächtigen“ zu finden. In dem bereits 2012 erschienenen Buch „Die 3 Farben der Leiterschaft“ beschreibt Christian A. Schwarz die wesentlichen Facetten dieser beiden Schwerpunkte. In bewährter NCD- Manier kann man auch hier einen Test machen, um wirklich praktisch und individuell an die Sache heranzugehen. Gemeindeleitungen, die sich darauf einlassen, finden eine wahre Fundgrube an Stoff zum Weiterdenken. Der Test hilft, nicht einfach „irgendwas“ auszuprobieren, sondern gezielt an den Punkten zu arbeiten, wo Leitung neu in die richtige Balance gebracht werden muss. Für die gezielte Begleitung und Schulung von Gemeindeleitenden eignen sich die vielen gut durchdachten Fragen aus dem Praxisteil des Buches, mit denen man individuelle Stärken und Schwächen in den Fokus nehmen kann. Allerdings ist es kein „Instant“-Rezept. Es ist offensichtlich, dass dieser Ansatz ein hohes Maß an Bereitschaft fordert, sich darauf einzulassen. Das ist vielleicht auch die größte Schwäche von NCD.

Ein hilfreicher Ansatz gerade im Kleinen

Was macht diesen Ansatz für mich so interessant? Gerade als Pastor einer kleinen Landeskirchlichen Gemeinschaft ist es oft nicht sehr erbaulich, sich mit den erfolgreichen Konzepten von „Megachurches“ oder hippen Jugendgemeinden zu messen. Die Motivation, die man sich auf den zahlreichen Kongressen abholen kann, verdunstet doch recht schnell, wenn der Alltag wieder eingekehrt ist. Mir ging es oft so, dass die großen Ideen und Visionen, die ich als Impulse mitbrachte, in meinem Gemeindeumfeld nicht besonders einfach zu realisieren waren.

Wenn ich mir heute Gedanken mache, was wohl die „große Vision“ für meine Gemeinde ist, dann gehe ich mittlerweile immer weniger von mir selbst aus. Stattdessen frage ich mich: Wie kann ich das Potenzial, das Gott jeder Frau und jedem Mann in meiner Gemeinde geschenkt hat, wirklich zur Geltung bringen? Welche Vision spiegelt das gemeinsame Potenzial wohl am besten wider? Und wie können wir gemeinsam eine Vision entwickeln?

Für mich ist dieses Konzept ermutigend und befreiend! Es ist unabhängig von bestimmten Gemeindemodellen und lässt sich daher auch gut überkonfessionell einsetzen. Vor allem lenkt es den Blick weg von den eher organisatorischen Aufgaben hin zu den geistlichen Aspekten einer Gemeindeleitung: Wie kann ich vorbildhaft vorangehen und trotzdem Menschen mitnehmen? Wie finde ich eine gute Balance zwischen mutigen Sprüngen ins kalte Wasser und alltäglichen kleinen Schritten in die richtige Richtung? Wie kann ich eine eigene Vision haben und gleichzeitig die Vision meiner Mitarbeitenden freisetzen? Wie finde ich einen guten Ausgleich zwischen den Stärken und Schwächen der Gemeinde – und wie schaffe ich es, Fehler zu erlauben und trotzdem aus ihnen zu lernen? Diese Dynamik zwischen genauer Analyse und ermutigendem Neuaufbruch macht die „Bevollmächtigende Gemeindeleitung“ so kraftvoll.

Als Spielertrainer mittendrin

Bin ich heute immer noch für große und mutige Ziele und Visionen zu begeistern? Durchaus! Doch NCD hat mir geholfen, mich selbst besser als Teil des Ganzen zu verstehen und meine Rolle als Leiter anders zu definieren. Heute ist es mir ein viel größeres Anliegen, den Weg frei zu machen für das Potenzial, das Gott in meine ganze Gemeinde gelegt hat – und nicht nur für meine eigenen Ideen und Zielvorstellungen.

Matthias Störmer arbeitet als Gemeinschafts­pastor
in Schwetzingen und Mannheim .


Mehr Informationen über das Konzept der „Natürlichen Gemeindeentwicklung“, zum Beispiel das Webinar Radikal leiten,   findet ihr hier.

Kirchenzeitschrift 3EDieser Artikel über Gemeindeleitung ist zuerst in der Kirchenzeitschrift 3E erschienen, die wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.

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