„Diese Herren nerven!“ – Sexismus in der Kirche

9
Bild: pixabay / Joenomias
Ausgehend von der #metoo-Debatte entwickelte sich eine weltweite Diskussion um sexuelle Gewalt, die noch eine Weile anhalten dürfte. Auch für unsere christliche Lebenswelt ist das ein Thema, mit dem wir uns beschäftigen müssen, stellt die Schweizer Sexualtherapeutin Veronika Schmidt fest.

„Diese Herren nerven“, sagte die höchste christliche Politikerin der Schweiz angesichts von Sexismusvorwürfen im Bundesparlament. Der hauptsächlich im Kreuzfeuer stehende Parlamentarier gehörte zu ihrer Partei. Der Familienvater war einst im Komitee der „Sexkoffer-Initiative“, die den Sexualunterricht im Kindergarten und der Primarschule ablehnte. Einmal mehr – je lauter die Moralapostel, desto mehr Dreck am Stecken.

Lange nicht alle Herren nerven. Viele Männer sind in den vergangenen Jahren sensibel gegenüber Diskriminierung geworden und haben längst erkannt, dass Mann und Frau ihr Potenzial nur gemeinsam sinnvoll und für die Menschheit gewinnbringend ausschöpfen können. Macht hat zwar kein Geschlecht, auch Frauen nerven, aber in unserer Gesellschaft haben mehr Männer Macht, die sie missbrauchen können. Und, Hand aufs Herz: Ist in der christlichen Lebenswelt den Männern Macht nicht per se gegeben? Ist die jahrhundertelange Ungleichstellung der Frau nicht sogar Sexismus pur? So selbstverständlich, dass es kaum einem auffallen will? Wird die Diskriminierung der Frau als gottgegeben angesehen, nicht nur von Männern? In meinem Buch „Alltagslust“ schreibe ich: „Nicht nur unerwünschte Berührungen und anzügliche Sprüche sind Sexismus, sondern ebenso die gezielte Benachteiligung eines Geschlechts, auch, indem Bibelstellen wahllos ohne kulturellen und zeitgeschichtlichen Zusammenhang und ohne den Kontext der Bibel selbst zitiert werden.“

Eine Kultur des Schweigens

Wir denken vielleicht, sexuelle Belästigung komme in der Kirche nicht vor. Doch die kirchliche Lebenswelt spiegelt die Gesellschaft wieder. Sexismus ist nicht gleich sexueller Missbrauch, aber Sexismus begünstigt sexuellen Missbrauch. Er ist eindeutig Nährboden jeglicher sexuellen Ausbeutung, gedeckt durch die Kultur des Schweigens. Religiöser Sexismus begünstigt zudem geistlichen Missbrauch. Eine Frau erzählte in einer Seelsorgewoche, sie sei missbraucht worden und erhalte ab und zu Avancen von Männern, obwohl diese wüssten, dass sie verheiratet sei. Darauf sagte einer der Seelsorger, sie sei eben eine Frau mit einer erotischen Ausstrahlung. Sprich – sie sei selbst schuld. Mit diesem Vorwurf ist beinahe jede belästigte und missbrauchte Frau konfrontiert. Auch die junge Frau, die im Anschluss an eine Ehevorbereitung in einem Einzelgespräch vom Pastor zu sexuellen Handlungen genötigt wurde. Er wusste von ihrem vorehelichen Sex. Die Philosophieprofessorin Kate Manne sagt in der ZEIT: „Sexismus ist diejenige Abteilung des Patriarchats, die für die Rechtfertigung der sozialen Ordnung verantwortlich ist: Es handelt sich um eine Ideologie, die Männer und Frauen aufgrund der ihrem Geschlecht zugesprochenen Fähigkeiten diskriminiert, obwohl die wissenschaftlich nicht belegt sind. (…) Sexismus ist eine Theorie – Frauenfeindlichkeit schwingt die Keule.“ Eine typische 90er-Jahre-Frauenkeule kenne ich aus der Beratung – und sie wurde mir selbst um die Ohren gehauen: Frauen, die sich autoritärem männlichen Gehabe entgegenstellten und sich wehrten, nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere, wurden (zum Teil sogar öffentlich) bezichtigt, vom Geist der Isebel besessen zu sein.

Blöde Kommentare

Latenter Sexismus in der christlichen Lebenswelt bedeutet oft einfach, dass du ignoriert wirst, weil du eine Frau bist. Du wirst für eine wichtige Aufgabe nicht gefragt, auch, weil du Konkurrentin werden könntest. Dein Name wird trotz deiner Verdienste nicht erwähnt, aus Versehen. Du hörst blöde Kommentare, wirst gönnerhaft behandelt und unnötig belehrt. Oh ja, und auch gläubige Männer machen Sprüche zu Figur, Dekolleté und Beinen. Die Kleidung, nur der Frauen, ist ein Thema. In meiner Jugendgruppenzeit wurden wir Mädchen in wirklich hässliche Diskussionen darüber verwickelt. Das war Ende der 70er-Jahre, und die uns kritisierenden Herren trugen hautenge weiße Jeans, unter denen sich ihr Penis deutlich abzeichnete.

Veronika Schmidt

Einst als Jungscharleiterin konfrontierte mich ein Ausbilder ungefragt mit einem sexuellen Geständnis. Er wollte wissen, was ich dazu meine, dass er sein kleines Patenkind-Mädchen mit Zunge küsse, ob das wohl okay sei. Damals realisierte ich erstmals die christliche Doppelmoral, mit der ich schlicht nicht umzugehen wusste. Was ich heute darüber denke? Dieser Mann wusste ganz genau, dass er Unrecht tat. Männer, welche (verbal) belästigen, angrapschen, vergewaltigen und ihre Frauen zu Dingen zwingen, die diese nicht wollen, wissen um das Unrecht. Aber sie denken, sie hätten ein Recht darauf.

Das Schweigen brechen

Wir leben in einer Welt, in der mächtige (geistliche) Männer ihre Position ausnutzen. Das wollen heute viele Frauen zu Recht nicht mehr hinnehmen und brechen ihr Schweigen. Ausgehend von #metoo entwickelte sich eine weltweite Debatte um sexuelle Gewalt, die so schnell nicht wieder verschwinden dürfte. Sie wird auch die christliche Lebenswelt erfassen. Noch zu oft werden Frauen, welche sexuellen Missbrauch in der christlichen Lebenswelt anprangern, als psychische Wracks diffamiert. Zu oft werden Familien vom Gemeindevorstand zum Schweigen genötigt und von Anzeigen abgehalten, wenn diese den Missbrauch ihrer Kinder öffentlich machen wollen. Noch wird der Ruf der Gemeinde oder der Mission über das Einzelschicksal gestellt. Noch werden skrupellos staatliche Gesetze unter dem Vorwand und Vorzug der Beichte umgangen. Je geschlossener und abgeschotteter eine Gemeinschaft ist, desto größer ist die Gefahr von Sexismus, Missbrauch und Schweigen. Diese Gefahr richtet sich ganz klar gegen Frauen und Kinder. Die religiöse Diskriminierung der Frau kann geschichtlich hergeleitet werden. Thomas von Aquin (1225-1275) („Die Frau ist eine minderwertige Fehlkonstruktion“) führte das Entstehen der Frau beispielsweise auf eine Schwäche des Samens zurück. Noch immer wird auch in freikirchlichen Kreisen theologisch ausgebildeten Frauen die Ordination verweigert, wird darüber gestritten, ob Frauen leiten, „lehren“ oder nur „unterrichten“ dürfen. Mit der Bibel Argumentierende beschwören zwar die Schöpfung durch Gott, nehmen sich aber nicht die Mühe, von der Schöpfung selbst zu lernen. Denn sonst wüssten sie, dass unsere Genitalien bis zur 7. Schwangerschaftswoche alle gleich sind, nämlich weiblich(!). Die Bibel selbst bestätigt, indem sie Paulus sagen lässt: „Da ist nicht Jude noch Grieche, da ist nicht Sklave noch Freier, da ist nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus“ (Galater 3,28). Nicht nur in der Gesellschaft, auch innerhalb der Kirche beenden wir sexuelle Gewalt nur, wenn auf Gleichheit bedachte Rollen- und Familienmodelle zur Normalität werden. Denn patriarchale Strukturen bildeten den Nährboden für Sexismus und Gewalt. Deshalb ist es wichtig, dass auch Frauen innerhalb christlicher Gemeinschaften über negative Erfahrungen nicht mehr schweigen. Und es ist ebenso wichtig, dass Frauen lernen, Einfluss zu wollen, klare Ansagen zu machen und Grenzen zu setzen. Dass sie nicht erwarten, sondern handeln. Dass sie sich selbst und laut sagen: „Ich werde reden – ich werde gehört werden!“


Die Paar-, Familien und Sexualberaterin Veronika Schmidt lebt in CH-Schaffhausen und ist Autorin der beiden Bücher „Liebeslust – Unverschämt und echt genießen“ und „Alltagslust – Ganz entspannt zum guten Sex“ (jeweils SCM). Der obige Artikel ist zuerst in der Zeitschrift JOYCE erschienen.

9 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Es ist erschreckend das man versucht #meetoo unkritisch auch in den christlichen Bereich zu ziehen. #meetoo ist gelebte Scheinheiligkeit, weil es nur darum geht Männer anzuprangern und um nichts anderes.
    Das viele der angeprangerten Männer nichts getan haben, das es oft harmlose Missverständnisse sind oder ähnliches, wird in dem Artikel natürlich verschwiegen. Das #meetoo komplett die Rechtstaatlichkeit aufhebt, Anklägerin und Richterin in einem ist ist ebenfalls kein Thema.

    Ja, es gibt Sexismus, aber bei Männer und Frauen und viele von uns haben so ihre Erlebnisse. Zum Beispiel bei der Partnersuche wenn die Signale des Mannes bei der falschen Frau landen. Oder zum Beispiel wenn Frauen es falsch verstehen wenn ein Mann einfach nur nett ist ohne etwas zu wollen. Oder auch, wenn zum Beispiel Frauen sich entblößen oder ähnliches machen und man als Mann aufpassen muss definitiv das richtige zu sagen, weil man nichts will von der Frau und Mann weiß das nur der Frau geglaubt wird … wie mir passiert st.

    Aber für mich und andere Männer gibt es kein #meetoo, obwohl es, liebe Frauen, auch mal sehr ekelhaft sein kann mit euch.
    Nein, ich will da keine Frau hinhängen, weil diese Frauen selber nicht auf der Spur waren und ich es für alle beteiligten gut lösen konnte. (Vermutlich handeln auch viele Frauen auch so, jetzt nicht weil sie meinen sie sind die Schwachen, sondern weil frau wegen einem Ausrutscher nicht gleich den ganzen Menschen vernichten will.)
    Ja, eigentlich braucht es kein #meetoo, es braucht Verständnis und Anstand. Ja Anstand, und zwar für beide. Aber auch Vorsicht, denn auch ich als Mann weiß das ich Abends in einer Kneipe von einer betrunkenen Frau schon mal betatscht werden kann. Abstand halten hilft.

    #meetoo ist außerdem verlogen. Man sieht es an der Schauspielerin Merly Streep. Ihre Worte gegenüber Weinstein, „er sei ein Gott“, sind noch nicht verhallt. Aber kaum haben sich die Fronten verändert ist aus der anbetenden die Anklagende geworden. Es ist nicht nur Merly Streep, sondern auch Hillary Clinton, Oprah Winfrey und viele andere Frauen. Weinstein hat Hillary Clinton massiv unterstützt und war ein bekannter Feminist. Davon will nun niemand mehr etwas wissen … so wie niemand zugibt das man an den Sexualpraktiken in der Branche nicht teilgenommen hat….

    #meetoo ist verlogen und eines Christen unwürdig.

    PS: Durch die Beichte kann kein Gesetz umgangen werden, sondern die Beichte ist immer ein Gespräch mit Gott. Und führt oft die Beichte dazu das Unrecht gestanden wird. Denn Beichte ohne Vergebung vor Gott funktioniert nicht und Vergebung vor Gott bedeutet immer das man versucht den Schaden wieder gut zu machen und sich der Verantwortung zu stellen. Frau Veronika Schmidt sollte sich zuerst einmal informieren was die Beichte ist und dann erst darüber reden.

  2. Der Artikel bedient wieder mal jedes Vorurteil. Der Mann ist in jedem Fall der Böse, die Frau ist immer das Opfer. Ein bischen mehr Differenzierung wäre schon schön. Schade, hat leider wohl nicht funktioniert. Und das von einer Paar-, Familien- und Sexuaberaterin…

  3. Liebe Frauen,

    wenn Ihr wollt, dass wir Männer Euch ernst nehmen, dann schreibt bitte nicht so einen Müll. Wir sind an ernsthaften und differenzierten Disskussionen sehr interessiert, aber nicht an pauschalen Vorverurteilungen.

    Vielleicht bekommt Ihr den nächsten Artikel ja besser hin.

    Liebe Grüße

    Ein Freund

  4. Frau Schmidt hat recht! Es gibt Missbrauch in christlichen Kreisen und er wird gerne mal mit frommen Argumenten vertuscht. Manchmal missbraucht man auch Jesu Forderung nach Vergebung um das zu tun. Ist mir zumindest schon begegnet. In unseren Kreisen darf Sexualität nicht Thema sein, es sei denn man behandelt es theologisch korrekt. Ich bin nun über 50. Als ich mit 17 zum Glauben kam und Hilfe suchte, wie ich meine Sexualität gut leben hätte können, da bekam ich von Leuten, die damals mein heutiges Alter hatten nur Regeln und Bibelsprüche. Geholfen hat das nicht. Heute ist das nicht viel besser. Wir behandeln Sexualität immer noch schamhaft und haben nicht gelernt, ehrlich und liebevoll darüber zu reden.
    Ein solches Reden hätte ich damals gebraucht. Ich bin selbst Seelsorger und erlebe gelegentlich, das von mir erwartet wird im Bereich Sexualität vordefinierte Positionen einzunehmen, die ich nicht teile, weil sie nicht biblisch sondern nur stockkonservativ sind. In zukunft nehme ich meinen Mut zusammen und werde mich dem nicht beugen.

    • Niemand bestreitet, dass es Missbrauch in christlichen Kreisen gibt. Hier brauchen wir in jedem Fall mehr Offenheit und Ehrlichkeit, außerdem eine Kultur der gesunden Aufarbeitung.
      Die Formel Mann=Täter und Frau=Opfer stimmt aber so nicht. Ich bin 30 Jahre freikirchlicher Christ und habe genug Täter-Frauen erlebt.

  5. Schade. Schade – wenn Herren wie „Dirk“ oder „Ein Freund“ oder „EinFragender“ nichts besseres zu tun haben, als mit gespitzten Lippen etwas mehr „Differenzierung“ einfordern und sich im selben Satz auf peinliche Weise selbst entlarven.

    Dass der obige Artikel nicht nur sehr differenziert geschrieben ist („Lange nicht alle Herren nerven. Viele Männer sind in den vergangenen Jahren sensibel gegenüber Diskriminierung geworden und haben längst erkannt, dass Mann und Frau ihr Potenzial nur gemeinsam sinnvoll und für die Menschheit gewinnbringend ausschöpfen können.“, usw.), wird dabei glatt ignoriert, weil man(n) den Text offenbar schon mit vorgefertigter Meinung nach Bausteinen durchsucht hat, die das eigene Vor-Urteil bestätigen. Eine Diskurstechnik, die ihre eigene Unzulänglichkeit und Scheinheiligkeit offen zur Schau trägt.

    Dieser Artikel ist bitter nötig, und es wird längst Zeit, dass die #metoo-Debatte im kirchlichen Raum anfängt, die alten, verkrusteten Strukturen des Schweigens aufzubrechen. Männer, deren einzige Reaktion auf die Offenlegung solcher Verletzungen und Machtmissbräuche lediglich ist, weiter auf ihr angebliches Geschlechtervorrecht zu pochen, oder die wegen angeblicher Diskriminierung nur herumjammern können, entlarven meines Erachtens gleich drei Schwächen ihres eigenen Standpunktes. Erstens läuft diese Haltung auf eine Bestätigung der Anklage des sexistischen Machtmissbrauchs hinaus, wenn die erste Reaktion ein umso bissigeres Beharren auf eben jener kritisierten Machtposition ist. Zweitens ist es schlicht und ergreifend schlechter christlicher Stil, wenn man(n) es nicht schafft, eigene, liebgewonnene Denkfiguren auch einmal kritisch hinterfragen zu lassen (da man das scheinbar selbst nicht zustande bringt). Und drittens enthüllt das ganze Gewinsel und Gemaule – mit Verlaub, ich kann’s einfach nicht mehr hören – ein im Kern schwaches, weinerliches und haltungsloses Männerbild, das offenbar immer noch breite Bevölkerungsschichten verinnerlicht haben.

    Männer, wacht bitteschön mal auf. Wenn inzwischen eines klar ist, dann doch dies: So kann es nicht mehr weitergehen! So oder so. Und je eher wir anfangen, die Diskussion über ein neues, gelingendes, positives Männerbild in die Hand zu nehmen und ehrlich und offen voranzubringen, umso besser für uns alle, Männer und Frauen. Das jedenfalls wünsche ich mir.

Comments are closed.