Johannes 5
Als Jesus ihn sah und erfuhr, wie lange er schon krank war, fragte er ihn: „Willst du gesund werden?“ „Herr, ich kann nicht“, sagte der Kranke, „denn ich habe niemanden, der mich in den Teich trägt, wenn sich das Wasser bewegt. Während ich noch versuche hinzugelangen, steigt immer schon ein anderer vor mir hinein.“ Jesus sagt zu ihm: „Steh auf, nimm deine Matte und geh!“ Im selben Augenblick war der Mann geheilt! Er rollte die Matte zusammen und begann umherzugehen. Doch dies geschah an einem Sabbat, und das wollten die führenden Männer des jüdischen Volkes nicht dulden. Sie sagten zu dem Mann, der geheilt worden war: „Du darfst am Sabbat nicht arbeiten! Es ist gegen das Gesetz, diese Matte herumzutragen!“
Bethesda, der Ort des Geschehens, war so eine Mischung aus Lourdes und Bad Salzuflen – teils Wallfahrts-, teils Kurort. Man erwartete sich von dem Wasser Wunderdinge, manche hatten dabei offensichtlich ein langes Stehoder wie in diesem Fall Liegevermögen. 38 Jahre lang hatte der Kranke am Teich Bethesda gelegen. Nicht dass er noch an ein Wunder geglaubt hätte – er hatte nur keine Alternativen.
Und nun kommt Jesus und stellt ihm die scheinbar überflüssige Frage: „Willst du gesund werden?“ Und der Kranke sagt nicht: „Ja, super“, auch nicht: „Was soll die blöde Frage?“ Er sagt nur: „Es ist ja keiner da, der mich ans Wasser trägt.“ Ganz abgesehen davon, dass man sich schwer vorstellen kann, dass 38 Jahre lang niemand bereit gewesen sein soll, den Armen zum Wasser zu tragen: Er sieht auf seinen Mangel und entdeckt (noch) nicht die Möglichkeiten.
Jesus bringt hier eine neue Perspektive hinein. Er trägt ihn zwar nicht zum Wasser, sagt dem Mann aber, er solle aufstehen. Verblüffenderweise funktioniert das auch. Alles schön und gut, wären da nicht wieder die religiös Hyperkorrekten im Anmarsch. Diese hat es keinen Deut gekümmert, dass der Mann geheilt wurde. Mit ihrem „Mattenschleppen am Sabbat verboten“-Ruf kommen sie einem wie die Buchhalter des Bösen vor. Doch verhält sich auch der geheilte Mann nicht loyal und verpetzt Jesus bei den religiösen Führern, was wieder zeigt, was für Augenblicksmenschen wir sein können.
