Tag 323

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Matthäus 27

Während Pilatus auf dem Richterstuhl saß, schickte ihm seine Frau eine Nachricht: „Lass diesen unschuldigen Mann in Ruhe; ich hatte letzte Nacht seinetwegen einen schrecklichen Traum.“ In der Zwischenzeit hatten die obersten Priester und die Ältesten das Volk aufgehetzt: Es sollte die Freilassung von Barabbas und die Hinrichtung von Jesus fordern. Als der Statthalter noch einmal fragte: „Wen von diesen beiden soll ich freilassen?“, rief die Menge: „Barabbas!“ „Aber wenn ich Barabbas freilasse“, fragte Pilatus, „was soll ich dann mit Jesus machen, der Christus genannt wird?“ Und alle schrien: „Kreuzige ihn!“ „Warum?“, wollte Pilatus wissen. „Was hat er denn verbrochen?“ Aber die Menge schrie nur noch lauter: „Kreuzige ihn!“ Pilatus sah, dass er so nicht weiterkam und dass sich ein Tumult anbahnte. Da ließ er sich eine Schüssel mit Wasser bringen und wusch sich vor den Augen der Menge die Hände mit den Worten: „Ich bin unschuldig am Blut dieses Mannes. Die Verantwortung liegt bei euch!“

Wie ist so etwas nur möglich? Vor wenigen Tagen hatte das Volk Jesus doch noch zugejubelt, jetzt fordert es seinen Tod und ist sogar bereit, dafür einen Großkriminellen auf freien Fuß setzen zu lassen. Abgesehen davon, dass solche basisdemokratischen Anwandlungen wie hier im Text natürlich ein juristischer Witz sind, zeigt es auch, dass der große Jubel über Jesus eben keine große Erweckung war. Begeisterung kann innerhalb kurzer Zeit zur Begeisterung vom Gegenteil umschlagen.

Man darf nicht vergessen, dass das Volk nicht die Informationen hatte, die wir aufgrund der Berichte der Evangelien haben. Sie haben Jesus zugejubelt, und dann kommen die Gerüchte auf, dass Jesus ein Betrüger, Revoluzzer, Gotteslästerer und was weiß nicht alles sei. Und die religiöse Führung macht ernste Gesichter und spart nicht mit Hinweisen, was für ein schrecklicher Mensch Jesus ist. Kann man sich da nicht mit gewissem Recht auch selbst betrogen fühlen?

Wir Menschen tragen eine große Sehnsucht in uns, unseren Hass von höherer Stelle legitimiert auszuleben. Darauf bauen Unrechtregimes und manche religiösen Hetzprediger, und das ist täglich in den Weltnachrichten zu beobachten. Nur die Nähe zu Gott und ein bewusstes Leben in der Liebe Gottes kann verhindern, dass auch wir zu denen gehören, die voller innerer Überzeugung eine Blutspur hinter uns herziehen.