Matthäus 27
Nun stand Jesus vor Pilatus, dem römischen Statthalter. „Bist du der König der Juden?“, fragte dieser ihn. Jesus antwortete: „Ja, es ist, wie du sagst.“ Doch als die obersten Priester und die Ältesten ihre Anklagen vorbrachten, schwieg Jesus. „Hörst du nicht die Anschuldigungen gegen dich?“, fragte Pilatus. Doch sehr zum Erstaunen des Statthalters sagte Jesus nichts.
Der Prozess gegen Jesus ist nach unseren heutigen westlichen Maßstäben ein Justizskandal. Wenn wir uns aber in der Weltgeschichte umschauen, kann man den Eindruck gewinnen, dass solcherlei Rechtsbeugung statistisch gesehen eher die Regel als die Ausnahme ist. Wenn der Mensch die Möglichkeit hat, das Recht zu verdrehen, um selbst davon zu profitieren, tut er es oft auch. Es ist zu optimistisch gedacht, wenn wir dem Menschen zutrauen, ein hehres Rechtsideal konsequent durchzuziehen. Das klappt vielleicht bei schönem Wetter. Wenn es aber ans Eingemachte geht und die falschen Leute an die Macht kommen, verwandeln sich wackere Rechtsstreiter oft in opportunistische Rechtsbrecher. Da kann man nur darauf hoffen, dass uns Gott mehr Standfestigkeit schenkt.
Jesus selbst bleibt bemerkenswert ruhig. Jedenfalls hält er keine großen Verteidigungsreden. Es ist ja auch zwecklos, gegen das Böse zu argumentieren. Der Teufel lässt sich durch Argumente nicht überzeugen. Und auch wir neigen dazu, die Macht der Argumente gründlich zu überschätzen. Da hat Jesus uns andere Verhaltensweisen gelehrt, wie wir nach der Wahrheit leben können.
