Wie denken christliche Singles über Sexualität? Welche Rolle spielt ihr Glaube bei der Partnersuche? Das Institut empirica der CVJM Hochschule Kassel hat über 3.200 Singles befragt und liefert in einer Studie spannende Antworten.
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Von Tobias Künkler, Tobias Faix und Johanna Weddigen

Schon gesamtgesellschaftlich gilt, dass Singles meist nicht freiwillig Singles sind. Dies gilt auch für christliche Singles. Nur 3% gaben an, dass sie keinen Partnerwunsch haben. Vier von fünf haben einen intensiven Partnerwunsch. Viele der Singles sind daher nicht nur auf Partnersuche, sondern beten regelmäßig für einen Partner oder eine Partnerin und glauben, dass Gott diesen auch schenkt. Jemand sagte: „Ich habe eine Abmachung mit Gott, dass ich so lange warte, bis ein Mann in mein Leben tritt, bei dem ich weiß, dass er der Mann für mein Leben ist. Das ist noch nicht passiert.“

Spannend ist, dass diese Überzeugung sich im Laufe des Lebens verändert. 50% der 21- bis 25-Jährigen glauben, dass sie noch Singles sind, weil sie den Partner/die Partnerin, die Gott für sie bestimmt hat, noch nicht getroffen haben. Mit 51 Jahren glauben dies nur noch 20%. In unseren Gemeinden gibt es meist deutlich mehr Frauen als Männer. Die meisten christlichen Singles wünschen sich aber einen Partner/eine Partnerin, der/die auch Christ ist. Der Wunsch nach einem christlichen Partner kann also – nüchtern betrachtet – schon rechnerisch nicht aufgehen. Diese Erfahrung hat Auswirkung darauf, wie Singles Gottes Rolle in der Partnersuche interpretieren. Die Erfahrungswerte stimmen nicht mit der Glaubens-Überzeugung überein und verlangen neue Deutungsmuster. Bekommen sie dabei konkrete Hilfe in der Gemeinde – oder Phrasen, die es noch schwieriger machen wie: „Du musst einfach für ihr beten, irgendwann kommt er“? Das kann ja auch sein, aber muss es nicht. Singles erleben hier eine Spannung zwischen ihrem Glauben, dass Gott handelt, den Versprechen, die sie in Gemeinden hören und der Realität. Interessant dabei ist auch, welche Begründungen die befragten Singles Gott bezüglich der Gründe für ihre Partnerlosigkeit zusprechen. Dabei gab es für uns überraschende Ergebnisse: So sagten nur 4% der befragten Singles, dass sie sich zu ihrem Singlesein von Gott berufen fühlen. Dazu passt auch, dass nur 0,7% der christlichen Singles fanden, dass es als Christ*in tendenziell besser ist, ehelos zu leben als verheiratet zu sein.

Sexualität: Überzeugung – und Praxis

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Ein Spannungsfeld für christliche Singles ist das Thema Sexualität. In vielen christlichen Kreisen gilt allein die eheliche Sexualität als legitim. Wie aber gehen christliche Singles mit ihren sexuellen Bedürfnissen um? Mindestens implizit wird häufig so getan, als ob christliche Singles quasi überhaupt keine Sexualität besäßen – mit anderen Worten: Das Thema wird totgeschwiegen und die Singles mit ihren sexuellen Bedürfnissen allein gelassen.

Eine deutliche Mehrheit der Singles (62%) sind der Auffassung, dass Geschlechtsverkehr nur in der Ehe legitim ist. Werner sagt beispielhaft: „Ja, das steht halt so in der Bibel und das sehe ich auch so. Für mich gilt das. Wenn ich jetzt eine Frau kennenlernen würde, dann würde ich sie erst heiraten, bevor ich mit ihr Sex haben würde. Das steht eigentlich fest für mich.“ Eine knappe Mehrheit sieht auch in Selbstbefriedigung keinen angemessenen Umgang mit ihren sexuellen Bedürfnissen. Fasst man weitere Ergebnisse zur Sexualethik christlicher Singles zusammen, so zeigt sich, dass die größte Gruppe (43%) eher eine konservative Sexualethik haben, 27% eher eine liberale Einstellung und 30% sich genau in der Mitte zwischen beiden Positionen befinden. Wie aber sieht es mit konkreten sexuellen Erfahrungen und Praktiken aus? Für fast 94% der Männer und knapp drei Viertel der Frauen (73%) ist Selbstbefriedigung zumindest eine gelegentliche Praxis – eine deutliche Diskrepanz zur eigentlichen sexualethischen Einstellung. Selbstbefriedigung kam auch in den Interviews zur Sprache. Während Viola davon spricht, sich manchmal, wenn sie Lust hat, „freundlich zu berühren“, ist für Ralf klar: „Es gibt ja nichts anderes als nur … naja, als dann Selbstbefriedigung. Ja. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass da irgendeiner jetzt nichts macht, weil Männer sind halt so, dass sie vom Körperlichen her irgendwann mal entleert werden wollen, müssen oder so. Ja, ich will’s mal ganz einfach sagen: So hat das Gott gewollt, so hat er den Mann geschaffen … Wenn man halt keine Frau hat für die Liebe, was bleibt da anderes übrig?“

Mann von hinten beim Sonnenaufgang
Chalabala / iStock / Getty Images Plus

Wie sieht es aber mit Geschlechtsverkehr aus? Von den christlichen Singles, die noch niemals verheiratet waren, aber schon mal eine feste Partnerschaft hatten, hatten 40% noch nie Geschlechtsverkehr. Klammert man sexuelle Dienstleitungen aus, so wird deutlich: Von denen, die überhaupt eine Gelegenheit dazu gehabt hätten, die Norm „Kein Sex außerhalb der Ehe“ nicht einzuhalten, ist es die Minderheit, die sich an diese Norm auch hält. Auch der Gang zu Prostituierten ist für manche der christlichen Singles kein Tabu. Sexuelle Dienstleistungen gegen Geld haben schon einmal 2% der weiblichen christlichen Singles und 11% der männlichen christlichen Singles in Anspruch genommen. Auch hier zeigt sich also bei nicht wenigen eine deutliche Kluft zwischen Einstellung und Praxis. Betrachtet man all dies, ist nicht verwunderlich, dass fast drei Viertel der christlichen Singles tendenziell unzufrieden mit ihrer Sexualität sind. Dies liegt sicher zum einen daran, dass für viele der Befragten grundlegende Bedürfnisse nicht befriedigt werden, zum anderen aber auch daran, dass für viele die Befriedigung ihrer Bedürfnisse ein Verstoß gegen ihre Überzeugungen oder zumindest die ihres Umfelds darstellt – was sich unter anderem darin zeigt, dass nur ein Drittel von ihnen die eigene Sexualität ohne Schuldgefühle genießen kann. Am unzufriedensten mit ihrer Sexualität sind spannender Weise diejenigen, die in Bezug auf ihre Sexualethik eher unentschieden sind, also irgendwo zwischen konservativer und liberaler Sexualethik verortet sind. Auch mit diesem Spannungsfeld fühlen sich Singles in unseren Gemeinden alleingelassen. So sagt Viola: „Ich würde es schön finden, wenn mit dem Thema Sexualität offen umgegangen werden könnte. Dass zum Beispiel jemand, der Single ist und da Mangel empfindet und Probleme hat, auch Ansprechpartner findet und dass das nicht so ausgeklammert wird.“ Wenn in Gemeinden überhaupt über Sexualität jenseits einer spezifischen Sexualethik gesprochen werde, dann – dies erwähnen einige Interviewpartner*innen – nur für Ehepaare, oft in Ehevorbereitungskursen. Nur 4% der Singles gaben an, dass die Sexualität von Singles in Gemeinden thematisiert wird.

Freiheitsliebe und Freiheitsanstrengung

Wie Singles glauben und lieben haben wir nun auszugweise gesehen, doch wie leben christliche Singles? Singles werden oftmals als entweder sehr frei angesehen und beneidet – oder aber als einsam und bemitleidet. Die von uns befragten christlichen Singles kennen beides. Sie gestalten ihren Alltag größtenteils sehr aktiv. Freunde, kulturelle Veranstaltungen, Sport oder auch die Arbeit sind nur einige Aspekte ihres Alltags.

Zwei Elemente sind für christliche Singles besonders wichtig: Gemeinde und das Ehrenamt. Hauskreise, Gottesdienste und weitere Angebote der Gemeinde sind wichtiger Bestandteil der Freizeitgestaltung. Christliche Singles zeigen sich zudem engagiert, und das in unterschiedlichsten Kontexten innerhalb und außerhalb der Gemeinde. Für einige Singles ist dieses Engagement sehr zeitfüllend, so erzählt Elisabeth: „Einmal im Monat treffe ich mich mit der Arbeitsgruppe für die Kenia-Arbeit. Ich habe so viele Arbeitskreise, in denen ich bin, das könnte ich Ihnen jetzt gar nicht so schnell alles aufzählen. Und es ist eben nicht, dass ich jede Woche den gleichen Ablauf habe, sondern dass das völlig unterschiedlich ist. Und ich versuche einmal die Woche, wenn ich Glück habe, einen Abend alleine zu Hause zu verbringen, aber das klappt eher selten.“ Trotz der hohen Eingebundenheit der Singles gibt es Momente, in denen sie ihren Alltag als mühsam oder einsam empfinden. Die Interviewten gaben an, dass sie es als angenehm empfinden, das Wochenende frei gestalten zu können. Zugleich ist es aber auch eine Belastung, so sagt Werner: „Wenn man mit jemandem reden will, wenn man mit jemandem was unternehmen will, man muss sich halt immer kümmern, man muss dranbleiben, sich Leute suchen. Zum Beispiel wenn man am Wochenende nicht allein sein möchte und außerhalb der Familie irgendetwas machen will, dann muss man sich kümmern.“ 47% der Singles empfinden ihr Singlesein daher besonders intensiv an Wochenenden ohne Veranstaltungen oder geplante Unternehmungen. Wo andere eine*n Partner*in haben, mit der/dem Wochenendaktivitäten geplant werden oder sich auch spontan ergeben können, müssen Singles sehr proaktiv vorgehen und vorausplanen. Dies gilt auch für Urlaub oder Feiertage. Singles befinden sich also oftmals in der Spannung zwischen dem Genuss der freien Entscheidung und einem andauernden Entscheidungszwang, um den Alltag nicht allein zu verbringen und alle Herausforderungen des Alltags zu meistern.

Dies sind nur einige der Spannungsfelder, die christliche Singles erfahren. Zu betonen ist aber, dass die Singles unserer Umfrage zwar in einem Spannungsverhältnis leben, trotz der beschriebenen Punkte grundsätzlich aber mit ihrem Leben zufrieden sind, einen guten Selbstwert haben und gut vernetzt sind. Es ist also wie so oft im Leben: äußerst vielschichtig und komplex. Für Gemeinden sehen wir die Herausforderung, die Gruppe der Singles neu zu entdecken – sowohl das große Potenzial als auch ein Eingehen auf die besagten Spannungsfelder. Denn von einer singlefreundlichen Kirche profitieren alle.

Tobias Künkler ist Professor für interdisziplinäre Grundlagen der Sozialen Arbeit und Leiter des Institutes empirica an der CVJM-Hochschule
Tobias Faix ist Professor für Praktische Theologie an der CVJM-Hochschule in Kassel
Johanna Weddigen ist Referentin bei Alpha Deutschland

— Teil 1 des Artikels ist hier zu finden. —

Links:


Aufatmen Cover 2_20Der vollständige Artikel ist zuerst im Magazin AUFATMEN erschienen. AUFATMEN wird vom SCM Bundes-Verlag herausgegeben zu dem auch Jesus.de gehört.

 

 

 

4 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Vieles, was in dem Artikel benannt wird, kann ich voll unterschreiben….In den Gemeinden wird eher von Familien her gedacht und „Singles“ müssen äußerst aktiv sein…..

  2. Hallo,
    herzlichen Dank für diese toll dargestellte Studie, die auf treffende Weise die Lebenssituation von Singles wahrgenommen und thematisiert hat.
    Sie hat zwar meiner persönlichen Situation nur sehr teilweise getroffen – doch Studien geben ja auch ein zusammengefasstes Bild der erforschten Sachlage wieder.
    Ich selbst bin 50 Jahre, war 13 Jahre verheiratet und bin beziehungserfahren, inzwischen aber seit 8 Jahren Single. Nach langem Ringen, fühle ich mich momentan mit der Situation wohl, dass ich nicht in einer Gemeinde eingebunden und aktiv bin, wohl aber persönlich fest im Glauben an Jesus getragen. Glaube und Religion ist auch Teil meines beruflichen Lebens, gelebter Glaube Teil meines familiären Lebens.
    Lange Jahre fand ich es sehr belastend, mit meinen Bedürfnissen in Gemeinde und Hauskreis – trotz bewusster eigener Signale und Kommunikation – nicht wahrgenommen und ernstgenommen zu werden.
    Für mich ist Sexualität außerhalb der Ehe nie ein Problem gewesen – wobei sie für mich immer an eine feste, verbindliche Beziehung gebunden war.
    Ich bin im Moment nicht aktiv auf Partnersuche und weiß, dass ich in jeder Lebenssituation unglücklich oder glücklich sein, allein oder von Beziehungen getragen sein kann. Mit einer Vielzahl an Lebensaufgaben, an Beziehungen unterschiedlichster Art (außer eben einem Partner, was auch ich immer wieder vermisse) empfinde ich mein Leben als erfüllt.
    Also: Toller Artikel, der mich sehr berührt ha. Ich bin am Überlegen, wie ich ihn weiter nutzen kann, ob ich mir Buch oder Zeitschrift kaufe.
    Mit freundlichem Gruß Silvia SSchwaderer

  3. Es ist für mich wichtig, dass Christen über dieses Thema reden. In meiner Gemeinde lebe ich nur am Rande und abgelegen in einem kleinen Dorf.
    Es beruhigt mich, nun zu wissen : selbstbefriedigung ist normal.
    Seither habe ich es unterdrückt.
    Es freut mich Aufgaben zu übernehmen, um andere zu unterstützen innerhalb der Gemeinde.

    • Lieber Wolfgang Boehme,

      ich finde deine Ehrlichkeit gut und den Mut in einer Ich-Botschaft über das Thema Sexualität zu schreiben. Über Sexualität unter uns Christen auch konkret – und nicht akademisch – zu sprechen, wäre sicherlich hilfreich. Das S-Thema wird häufig als heikel empfunden. In filmischer Darstellung von Religionen – also was wir oder andere glauben – wurde dann auch als herausragendes Merkmal der Christen geschildert, daß sie so ihre Probleme mit dem Thema Sexualität haben. Wir fliegen bald wieder zum Mond und sogar zum Mars, aber mit unserem ach so fremden Seelen- und Innenleben haben wir uns wenig befasst.

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