Bischof Stefan Oster: „Ich liebe das Johannes-Evangelium“

Stefan Oster, Bischof von Passau, begegnet Gott durch das Abendmahl, das Schweigen im Gebet und die Bibel. Das Evangelium des Johannes fasziniert ihn aufgrund der einfachen Sprache, hinter der Großes steckt.

1. Was ist Ihr Lieblingsbuch aus der Bibel? Warum?

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Stefan Oster: Ich liebe das Johannes-Evangelium. Es hat für mich unglaubliche Tiefe. Die Sprache scheint einfach, aber „hinter den Worten“ erschließen sich Einsichten und Zusammenhänge, die Wesentliches vom Ganzen, von Gott und der Welt eröffnen. Es kommt mir so vor, als habe der Evangelist beinahe einen direkten Zugang ins Innenleben Jesu. Faszinierend in vielerlei Hinsicht.

2. Wenn Jesus bei Ihnen zum Essen vorbeikäme, was würden Sie kochen? Und worüber würden Sie sich mit ihm unterhalten?

Oster: Da ich ehrlicherweise in dieser Hinsicht wenig begabt bin, würde ich ihn zum Essen in ein Lokal einladen. Oder etwas nach Hause kommen lassen. Ich glaube ohnehin, dass ihm die persönliche Begegnung bei einem Essen viel wichtiger wäre. Das Sprechen und Hören von Herz zu Herz. Die Speisen wären aus meiner Sicht nicht unwichtig, aber zweitrangig.

3. Was ist Ihr Zugang zu Gott?

Oster: Zuerst die Eucharistie [Abendmahl; Anm. d. Red.], bei der ich glauben kann, dass der Herr real gegenwärtig ist. Dann das persönliche Gebet und die Schrift. Das Schweigen vor Gott in der Anbetung ist mir sehr wichtig. Erst von dort her, aus diesen Quellen bekomme ich den Blick geweitet für die Anwesenheit Gottes in der Schöpfung und in den Menschen, die mir begegnen. Will sagen: Gebet macht (hoffentlich auch mich) liebesfähig.

4. Welches Glaubensthema beschäftigt Sie in letzter Zeit? Warum?

Oster: Im Grunde viele, vor allem anthropologische Fragen und ihr Zusammenhang mit der Lehre von der Kirche. In praktischer Hinsicht dieses: Wenn der Zugang zum Glauben für die Menschen in der Volkskirche über einen sehr langen Zeitraum beinahe ein Automatismus war, so spüren wir heute, dass das fast gar nicht mehr so ist. Und wir fragen uns, wie denn dann ein Mensch heute in den Glauben findet, wenn die gängigen Wege nicht mehr greifen.

Wie wird zum Beispiel ein junger Mensch gläubig, der Kirche häufig nur von außen und dann noch skandalisiert wahrnimmt – und dann noch mit seinen eigenen Maßstäben von dem, was wichtig und nötig und gerecht ist?

Ich spüre, dass viele Jugendliche in einer Welt leben, von der her es nur wenig Anknüpfungspunkte für den Glauben unserer Kirche gibt. Und wenn es sie gibt, dann braucht es trotzdem neue Zugänge, viel Geduld und Zuwendung, sehr viel persönliche Begegnung, Räume geistlicher Erfahrung und mehr. Wie geht das heute?

5. Wofür leben Sie?

Oster: Wenn ich in meinem Dienst immer wieder erfahren darf, dass ein Mensch wirklich von Christus berührt wird – und anfängt, anders zu leben oder neue Freude und neuen Sinn findet, – dann denke ich: Genau dafür lebe ich.

Stefan Oster ist Bischof des Bistums Passau.


Dieses Interview ist Teil unserer Serie „Wie glaubt … ? 5 Fragen, 5 Antworten“. Wir haben bekannten Christinnen und Christen Fragen zum Glauben gestellt. Unter anderem Ulrich Parzany und Margot Käßmann.

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1 Kommentar

  1. Gebet öffnet uns für Gott

    „Gebet macht (hoffentlich auch mich) liebesfähig“! Dieser sehr wichtige Satz von Bischof Stefan Oster hat mich innerlich berührt. Warum ? Ich glaube, wenn wir zu Gott beten, mit ihm sprechen – zwar ehrfurchtsvoll aber vor allem zu einem unendlich Liebenden – dann können wir alle innerlich wissen: Der Schöpfer aller Dinge hat jede einzelne Person – von der Zeit des Urmenschen bis zu uns Zeitgenossen aus dem Jahr 2022 – immer schon geliebt und gewollt. Wir alle sind Unikate, jeden gibts nur einmal. Und immer wenn ich einem solchen Unikat begegne, dann wird mir klar: Ich und jeder andere sind (nicht materiell gemeint) das Eigentum Gottes. Das meint: Jeder Mensch ist Geist von Gottes Geist. Für jede und jeden ging Jesus Christus ans Kreuz, sogar für die Bösen und ganz Bösen, auch für Brudermörder wie Kain, sogar für Judas und sowie für mich selbst. Unser Wert besteht nicht darin, dass wir die Welt in Schutt und Asche legen könnten, zudem jede Form von Unfrieden stiften, uns auch in Kriegen möglichst perfekt zu töten vermögen und anderen Menschen nicht selten lieblos, oder überhaupt nicht wirklich begegnen. Der Wert eines jeden Menschen besteht darin, dass Gott ihn liebt, um seiner selbst willen. Wirkliche Zuwendung besteht darin, dass sie voraussetzungslos ist. Vielleicht sollten wir prinzipiell nicht nur mehr, sondern noch öfter gemeinschaftlich beten. Es heißt doch so schön „betet ohne Unterlass“. Das Gebet öffnet die Tür zu unserer Seele für den Heiligen Geist, und der ist der größte Tröster im ganzen Universum. Vielleicht gibt uns die Heilige Geistkraft auch an den richtigen Stellen und Stellschrauben kreative Ideen ein, wie sich auch völlig neue Zugänge zu Menschen finden lassen, denen wir gerne das Evangelium – auch durch unser Leben – schmackhaft machen dürfen. Dabei ist jede Zuwendung so furchtbar einfach und manchmal reicht bereits ein freundliches Lächeln in meinem Gesicht dafür aus, soziale Kontakte zu knüpfen. Denn die weltweite Kirche Jesu Christi, durch alle Konfessionen und Kirchen hindurch, ist auch ein weltweites (soziales) Netzwerk von allen Christinnen und Christen. Ein Netz soll allerdings niemanden gegen seinen Willen einfangen, sondern erforderlichenfalls auffangen. Menschen aufzufangen ist Aufgabe aller Kirchen und Jesusnachfolger*innen. Dazu gibt es eine wunderbar sinnhafte Gemeinschaftsübung: Lasse dir ein Tuch über die Augen binden, und spring dann von einem Bock. In der Gewissheit und dem Vertrauen: Dort unten stehen Geschwister, denen du auf jeden Fall in die Arme fällst. Wenn wir dieses sinnbildhaft leben, dann eifern wir Gott nach. Er fängt uns alle auf. Glaube kann manchmal beginnen mit einem solchen „existenziellen Akt: Ich springe bildlich gesehen wie in einen Abgrund, wenn ich mich für Jesus entscheide, aber ich falle nicht ins Bodenlose, sondern Gott in die Arme. Menschen haben dies bisweilen ausprobiert.

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