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Jesus und das Männlichkeitsideal

Ein netter Typ in Sandalen, der zur Feindesliebe aufruft: Wie passt Jesus zu gängigen Vorstellungen von Männlichkeit?

Von Pastor Marcus Bastek

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Einmal falsch geklickt oder ein Reel zu lange angeguckt – schon bist du wieder in irgendeiner Bubble gefangen und wirst mit Videos, Tipps, Webinaren, Büchern und Coachingangeboten überhäuft.

Bei mir war es neulich die Männer-Influencer-Bubble. Eine Bubble, in der es darum geht, wie wir Männer mit den Ansprüchen der Gesellschaft, den Bedürfnissen unserer Familien, sexlosen Ehen und kriselnden Beziehungen umgehen sollten. Kernthema dabei immer wieder: Sicherheit. Es ist deine Aufgabe als Mann und Vater, Sicherheit zu vermitteln, emotionale Stabilität anzubieten und eine starke Schulter zum Anlehnen zu sein. Und da ist auch was dran.

Ich bin selbst davon überzeugt, dass es die beste und gesündeste Form von Männlichkeit ist, Sicherheit und Stabilität zu schaffen und zu erhalten. Und ich nehme diese Aufgabe gerne an, wobei ich auch weiß, dass ich an diesem Anspruch regelmäßig scheitere und dass mir darin ganz sicher viele Frauen sogar überlegen sind. Ich will gar nicht den Eindruck erwecken, dass das so ein seltsames Das-können-nur-wir-Männer-Ding ist.

Runter vom Irrweg

Die Antworten, die ich in dieser Bubble auf die Frage, wie man diese Aufgabe denn nun umsetzen kann, bekommen habe, lassen sich relativ schnell auf eine Parole reduzieren: „Du musst stark sein! Krieg dich in den Griff und sieh zu, dass du stark bist!“

Das ist nun wirklich Müll. Nicht nur wertet das alle Männer (und generell Menschen) ab, die durch (psychische) Krankheit, Behinderung oder Veranlagung keine große Stärke mitbringen – es ist auch inhaltlich einfach Unsinn. Es ist ein Irrweg, dass wir durch Stärke Sicherheit schaffen. Es ist derselbe Irrweg, wie eine Schusswaffe zu besorgen, um deine Familie zu schützen.

Die Wahrscheinlichkeit, dass sie deinem Kind oder Enkel in die Hand fällt und eine Katastrophe passiert, ist höher, als dass du einen echten Abschreckungseffekt gegen Gefahren von außen bewirkst. Wer fühlt sich in Gegenwart eines blutrünstigen Rottweilers wirklich wohl, außer Herrchen?

»JESUS, DER NICE-GUY IN SANDALEN, DER FEINDESLIEBE PREDIGT UND AUF GEWALT VERZICHTET – WIE SOLL DER DENN EINE FAMILIE BESCHÜTZEN, HM?«

Und Polizisten mit Maschinenpistolen am Bahnhof erhöhen nicht mein Sicherheitsgefühl, im Gegenteil. Dieser Irrweg lässt uns glauben, dass Gewaltandrohung und Abschottung gute Ideen wären, damit Menschen sich sicher fühlen. Niemand, wirklich niemand fühlt sich sicherer, wenn irgendein anderer seine Muskeln spielen lässt und ständig gegen irgendwen oder irgendetwas kämpfen will.

Die Frage bleibt also offen: Wie kann ich denn Sicherheit schaffen? Statt in meine Insta-Bubble habe ich in den Hebräerbrief in der Bibel geguckt und entdeckt: Da wird beschrieben, wie Jesus das macht. Für bewaffnete Muskelprotze und die Prediger männlicher Stärke wirkt Jesus ja gemeinhin eher schwach.

Jesus, der Nice-Guy in Sandalen, der Feindesliebe predigt und auf Gewalt verzichtet – wie soll der denn eine Familie beschützen, hm? Aber das ist es ja gerade. Jesus bedient keine Klischees. Er reißt nicht sein Maul auf und baut irgendein lächerliches Bedrohungsszenario auf, das bei der nächsten Brise in sich zusammenbricht wie ein Kartenhaus. Er bewaffnet sich nicht und bläht sich nicht auf. Er geht einen anderen Weg. Dieser Weg erfordert einen Mut, den – das wage ich mal zu behaupten – die meisten Männer gar nicht aufbringen.

Endgegner Tod

Die größte Unsicherheit unseres Lebens ist der Tod. Er steht unweigerlich bevor, niemand kann ihm aus dem Weg gehen. Er ist bedrohlich und kann jederzeit zuschlagen. Keiner ist gefeit davor. Wir tragen eine tiefe Angst vor unserem eigenen Ende und dem unserer geliebten Menschen in unserem Herzen.

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Diese Angst vor dem Tod ist der Endgegner unserer Sicherheitsbedürfnisse. Jesus schlägt sich nicht mit Kleinigkeiten und Alibi Unsicherheiten herum, sondern geht direkt in die Konfrontation mit dem Tod.

Davon handelt der Abschnitt im Hebräerbrief, aus dem wir lernen können, was wirklich Sicherheit schafft. Und wie wir Sicherheit schaffen können, die aus der Kraft Gottes kommt und nicht aus unserer eigenen: „Da Gottes Kinder Menschen aus Fleisch und Blut sind, wurde auch Jesus als Mensch geboren. Denn nur so konnte er durch seinen Tod die Macht des Teufels brechen, der Macht über den Tod hatte. Nur so konnte er die befreien, die ihr Leben lang Sklaven ihrer Angst vor dem Tod waren. Wir wissen ja, dass Jesus kam, um den Nachkommen Abrahams zu helfen, nicht den Engeln. Deshalb musste er in allem seinen Brüdern gleich werden, damit er vor Gott unser barmherziger und treuer Hohepriester werden konnte, um durch sein Opfer die Menschen von ihrer Schuld zu befreien. Da er selbst gelitten und Versuchungen erfahren hat, kann er denen helfen, die in Versuchungen geraten.“ (Hebräer 2,14-18, Neues Leben. Die Bibel).

Menschlich sein, nicht supermenschlich

Gott hat sich in Jesus Christus das Ziel gesetzt, den Tod zu besiegen. Und den ersten Move, den er macht: Er wird schwach. Er wird Mensch.

Als Erstes legt er alle göttlichen Waffen ab. Er geht volles Rohr in die Unsicherheit. Bereitet man sich so etwa für die größte Schlacht aller Zeiten vor? Zuvor, als Gottessohn auf dem himmlischen Thron, war der Tod keine Bedrohung für ihn.

Wäre göttliche Macht nicht das Mittel der Wahl gewesen, wenn man den Tod besiegen will? Nein. Der Schlüssel für diesen Sieg liegt darin, sich selbst mit dem Tod zu konfrontieren. Und die eigentliche Waffe für diese Konfrontation sind nicht göttliche Feuerblitze und Donnerschläge, sondern Schwäche.

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Jesus wird kein Supermensch, um Sicherheit zu schaffen. Er wird Mensch.

Und darum ist der erste Schritt, den wir tun können, wenn wir Sicherheit schaffen wollen, ganz Mensch zu werden. Das bedeutet, der eigenen Schwäche zu begegnen und sich seiner Hilflosigkeit bewusst zu werden. Als Mose in den furchteinflößenden Thronsaal des Pharaos trat, tat er das nicht als stolzer Feldherr, sondern völlig eingeschüchtert und schwach. Er hatte nichts zu bieten. Aber er sagte: „Lass mein Volk gehen!“ – der legendäre Satz, der die Sklaverei beendete.

So etwas machst du nicht aus eigener Kraft. Dafür braucht es unfassbares Vertrauen auf Gottes Kraft. Das ist es, was Jesus vormacht. Und das ist es, was den Tod besiegt, uns die Angst davor nehmen kann und uns so wirklich frei macht.

Barmherzigkeit und Treue

Jesus ist ein barmherziger und treuer Hohepriester. Barmherzigkeit und Treue sind gerade nicht die Eigenschaften, die man sich für einen Sicherheitsbeauftragten vorstellt, oder?

Da wollen wir viel lieber Kraft und Standhaftigkeit, Größe und Kampfeswillen sehen. Aber Jesus setzt auf Barmherzigkeit und Treue. Das sind die großen Stärken der Schwachen. Es sind die Eigenschaften, die du zuletzt brauchst, um irgendwen umzuhauen. Aber umso mehr, um dem Tod das letzte Wort zu nehmen.

Barmherzigkeit und Treue sind die Schlüssel zu einer Beziehung zu Gott, in der wir aus seiner Kraft handeln. Deswegen auch „Hohepriester“ – Jesus stellt uns so den besten Zugang zu den Kraftquellen Gottes vor.

Ein starker Held, der anderen Sicherheit verschaffen will, ist der, der barmherzig und treu ist – also empathisch, mitfühlend und voller Einsatz für die, denen es nicht gut geht, sowie verlässlich in seinen Beziehungen und loyal zu seinen Mitmenschen und Werten. Passt wahrscheinlich nur so medium zu den Vorstellungen der Menfluencer in der Insta-Bubble.

Echte Leidenschaft

Das Wort „Passion“ beschreibt einen tief sitzenden, unfassbar starken Antrieb in unseren Herzen, der uns in unserem Handeln motiviert und leitet. Wer passioniert irgendetwas tut, der tut es ernsthaft und begeistert, konsequent und beharrlich. Und er empfindet dabei Genugtuung, Sinn und Durchhaltevermögen.

Passion bedeutet aber auch Leiden. Und das ist kein Zufall. Denn Leiden ist nicht immer sinnlos. Oft wächst aus meinem persönlichen Leid eine große Kraft. Im besten Fall dient diese große Kraft anderen Menschen, die auch leiden müssen. Ich habe das so erlebt. Meine Angst- und Panikstörung ist furchtbar. Nichts Schönes ist daran. Und ich durchlitt sie nicht heldenhaft, sondern sehr gekrümmt und jämmerlich. Aber die Tatsache, dass ich sie erlebt und erlitten habe, befähigt mich heute dazu, Menschen zu helfen, die auch von psychischen Problemen betroffen sind. Nicht, indem ich sie heile – ich bin kein Therapeut! Sondern, indem ich lebendiges Beispiel dafür bin, dass man aus tiefer Dunkelheit zu Lebensglück zurückfinden kann.

»JESUS WIRD KEIN SUPERMENSCH, UM SICHERHEIT ZU SCHAFFEN. ER WIRD MENSCH.«

Und dieses Beispiel kann ich nur sein, weil Jesus mir diesen Weg gezeigt hat, indem wiederum er gelitten hat. Ich kann leiden, weil für mich gelitten wurde. Darum können wiederum andere mit ihrem Leiden ganz anders umgehen. Darin steckt ein wahnsinnig starkes Geheimnis.

Sei ein Mensch!

Wie also kann ich Sicherheit schaffen für die Menschen um mich herum? Nicht durch einen seltsamen Helden-Habitus, nicht durch Machtdemonstration und Stärke und schon gar nicht, indem ich anderen Menschen Leid zufüge.

Sondern indem ich ganz Mensch bin in all meiner Schwäche und Hilflosigkeit. Indem ich barmherzig und treu bin – wo auch immer ich gerade stehe. Und indem ich leidensbereit bin und Schmerz trage – für andere und weil einer für mich gelitten hat. Menschen, die diese Grundsätze wirklich leben, sind echte Felsen, auf die Verlass ist und auf die ich jederzeit all mein Erspartes setzen würde – und nicht auf die bedrohlichen Muskelprotze, die am Ende des Tages doch nur Pusteblumen sind.

Marcus Bastek (44) ist Pastor, Autor von »Der Angst entkommen« (Neufeld-Verlag) und Podcaster (»Heilige Scheiße«). Im Herbst erscheint sein Buch »Schwache Kirche – warum wir Gott finden, wenn wir Macht loslassen« (Neukirchener).



Dieser Artikel ist im Männermagazin MOVO erschienen. MOVO wird vom SCM Bundes-Verlag herausgegeben, zu dem auch Jesus.de gehört.

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