Gedanken zur Jahreslosung 2021 von Pastor Bernd Siggelkow, Gründer des christlichen Kinder- und Jugendwerks „Die Arche“.

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Was ist Barmherzigkeit? Bei meinen vielen Versuchen, eine Erklärung dazu zu finden, bin ich immer wieder darauf gestoßen, dass Barmherzigkeit beziehungsweise „barmherzig sein“ grundsätzlich immer etwas mit Gott zu tun hat oder seinen Ursprung in der Bibel findet. Es gibt so viele Aussagen und so viel Mutmachendes, was die Bibel uns über den barmherzigen und liebenden Gott sagt, der uns auffordert, so barmherzig zu sein, wie er es ist.

Worte und Taten

Vor einigen Wochen sprach ich mit einer Journalistin über verschiedene Hilfsangebote und Hilfsorganisationen. Während unseres halbstündigen Interviews unterhielten wir uns darüber, dass Taten oft mehr zählen als Worte und Versprechungen. Spontan antwortete ich: „Das unterscheidet die Menschen, die aus Mitleid handeln, von denen, die es aus Barmherzigkeit tun.“ Dieser Satz rutschte mir so spontan heraus, dass ich selbst darüber erstaunt war. Wie aus der Pistole geschossen kam die Frage der Redakteurin: „Das verstehe ich jetzt nicht. Barmherzigkeit ist doch ein christliches Wort. Wo liegt denn der Unterschied zu Mitleid?“

Puh, manchmal ist der Mund schneller als der Kopf! Ich versuchte zu erklären, dass die eine Handlung eher dem Kopf und die andere eher dem Herzen entspringt. Natürlich könnten selbst Menschen, die nichts mit dem christlichen Glauben am Hut hätten, barmherzig sein.

Barmherzigkeit schreitet zur Tat

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Allerdings ließ mich dieses Gespräch und auch die Definition der Begriffe nicht mehr los und so bat ich einen befreundeten Pastor, mir den Unterschied zwischen Mitleid und Barmherzigkeit einmal aufzuschreiben. Der Pastor erklärte es so: „Nach meinem Verständnis ist Mitleid ein Gefühl, das durch das Leid eines anderen ausgelöst wird. Mitleid kann entweder lediglich traurig machen oder auch zu einer Aktion führen, um das Leid des anderen zu verringern. Barmherzigkeit ist eine Eigenschaft Gottes und von Menschen, die anderen überdurchschnittlich viel Verständnis entgegenbringen. Barmherzigkeit ist eine Motivation, die für andere das Beste will.“

In der Bibel lesen wir viel über den einen barmherzigen Gott, der die Welt erschaffen und den Menschen als sein eigenes Gegenüber gemacht hat. In einer Predigt sagte ich einmal, dass Gott so egoistisch war, den Menschen als sein persönliches Gegenüber zu schaffen, ohne dass das Wort egoistisch hier negativ klingen soll. Gott liebt seine Schöpfung. Der Mensch sollte in Harmonie, Einklang und Gemeinschaft mit Gott leben. Gott gab ihm göttliche Handlungsfähigkeiten.

Gott ist nicht geprägt von Mitleid

Doch der Mensch missbrauchte sie und kehrte seinem Schöpfer den Rücken zu. Anstatt sich von seinen Geschöpfen abzuwenden, versuchte Gott immer wieder, seine Menschen zurückzugewinnen, auch wenn er oft enttäuscht und scheinbar verbittert über ihre Taten war. Meiner Meinung nach war Gott nie geprägt von Mitleid, was nur oberflächlich und kopfgesteuert wäre. Der einzigartige Schöpfer ist von Liebe motiviert. Spätestens, wenn wir im Neuen Testament forschen, erkennen wir deutlich, wie groß Gottes Liebe ist: Sie war sogar bereit, das Größte für die Schöpfung zu tun, nämlich den eigenen Sohn zu opfern. Gott zeigt nicht ein bloßes Mitgefühl für die Schandtaten der Menschen, sondern er lässt in sein Herz blicken. Liebe, das ist die prägende Eigenschaft des Gottes, der nichts anderes vor Augen hat als seine „Kinder“.

Diese Liebe mündet in Barmherzigkeit, die die Grundlage seines Handels ist. Würde Gott nur aus Mitleid handeln, würde es bereits keine Menschen mehr geben. Weil er aber aus Barmherzigkeit agiert, schlägt sein Herz auch dann für jeden Einzelnen, wenn dieser immer noch seine eigenen Wege geht.

Lassen wir uns von der Liebe Gottes inspirieren, dann werden aus Worten Taten. Lieben wir ihn, dann können wir nicht mehr achtlos an unseren Mitmenschen vorbeigehen. Vertrauen wir Gott, wird kein Weg zu anstrengend und keine Hürde zu hoch sein.

Angesteckt von Gottes Barmherzigkeit

Barmherzigkeit ist für mich mehr, als verzweifelt zu helfen. Barmherzigkeit heißt, mit den Augen Gottes zu sehen. In vielen Bibelversen macht Gott uns deutlich, dass wir von ihm lernen sollen. Sein Beispiel soll unser Antrieb sein. Jesus sagte einmal: „Wer mich sieht, der sieht den Vater“ (Johannes 14,9). Da Jesus geprägt war von Mitgefühl, Warmherzigkeit und Liebe, können wir anhand seines Lebens das barmherzige Wesen Gottes erkennen. Unser Auftrag ist es, zuerst durch Jesus das Herz Gottes zu erkennen und dann entsprechend ebenso zu handeln. Somit darf Gottes Liebe die Grundlage unseres Handelns sein.

Wenn wir uns Gott als theoretisches Vorbild nehmen, dann können wir natürlich seinem Beispiel folgen, müssen es aber nicht zwingend. Doch sind wir einmal von seiner Liebe angesteckt, können wir gar nicht anders, als so zu handeln wie er.

Menschen aus der Sicht Gottes sehen

Vor einigen Jahren habe ich angefangen zu beten, dass Gott mir zeigt, wie er liebt. Ich wollte erkennen, was es bedeutet, Menschen aus der Sicht Gottes zu sehen und zu lieben. Ich wollte ihn besser verstehen können. Manchmal wünschte ich, dass ich dieses Gebet niemals ausgesprochen hätte. Denn ich bin schon das ein oder andere Mal in Situationen gekommen, in denen mir die Tränen wie Wasserfälle über die Wangen geflossen sind. Persönliche Enttäuschungen, vergeblicher Einsatz für Menschen, Ablehnung, Verachtung, Zerbruch und vieles andere haben mich in Situationen geführt, die mich an den Rand meiner Kraft gebracht haben. Am Ende solcher Tage lag ich oft im Bett und hatte das Gefühl, dass Gott mir sagt: „Siehst du, solche Dinge erlebe ich tausendfach – und hunderttausendfach ist meine Bereitschaft zu vergeben. Du wirst enttäuscht, ich werde millionenfach enttäuscht.“

Auch wenn jede dieser Erfahrungen leidvoll war, erkenne ich doch, dass ich durch das Kennenlernen der Barmherzigkeit Gottes nur profitiert habe. Sie half mir, einen eigenen Lebensstil der Barmherzigkeit zu entwickeln, der mein Tun motiviert.

Glückliche Kindergesichter

Vor rund 25 Jahren, als ich die Arche gegründet habe, war meine Motivation, glückliche Gesichter von Kindern zu sehen, die in das Wohnzimmer meiner Familie kamen, um zu essen, zu spielen und natürlich, um über ihre Probleme und Sorgen zu sprechen. Und das ist heute immer noch so, bis auf das Wohnzimmer. Das würde die zahlreichen Kinder und Jugendlichen gar nicht mehr fassen können.

Damals – in den Anfängen der Arche – habe ich mir nicht vorstellen können, dass wir einmal über 25 Arche-Häuser in Deutschland und sogar in Polen und der Schweiz haben würden. Ich habe mit der Arbeit der Arche wirklich in meinem Wohnzimmer angefangen. Das war nicht immer einfach für meine Frau, meine Kinder und natürlich für mich. Heute kommen täglich bis zu 4.500 Kinder in die Archen und das macht mich sehr glücklich.

Der Herzschlag, der uns aufwecken will

Für Gott ist Barmherzigkeit kein Zeichen von blankem Mitgefühl. Sie ist vielmehr seine unbeschreibliche Liebe, seine Sehnsucht, die großartige Güte und vor allem die Gnade, die er jedem Menschen entgegenbringt, ohne Ausnahme. Selbst als er das Wichtigste geben muss, um seiner Schöpfung zu beweisen, wie ernst er es meint, nimmt er auch dieses Opfer für uns in Kauf.

Er schickt seinen Sohn auf die Welt, um zu zeigen, wie er selbst ist. Er bringt Vergebung, Liebe und Hoffnung auf und in diese Welt. Er wird klein, um für uns verständlich zu sein. Er scheint schwach, um uns stark zu machen. Er scheint verloren, um uns zu gewinnen. Er stirbt, damit wir leben können. Gott hat nichts anderes vor Augen als uns. Seine Liebe ist der Herzschlag, der uns aufwecken will.

Pastor Bernd Siggelkow ist Gründer des christlichen Kinder- und Jugendwerks „Die Arche“. Er gründete das Hilfswerk 1995 in Berlin-Hellersdorf, um für Kindern aus prekären Familien eine Anlaufstelle zu schaffen. Die Arche bietet Hausaufgabenbetreuung an, gestaltet Freizeitaktivitäten, gibt kostenlose Mahlzeiten aus und unterstützt Eltern. Die Arbeit finanziert sich größtenteils aus Spenden. Für seine Arbeit mit Kindern aus sozial benachteiligten Familien erhielt Siggelkow das Bundesverdienstkreuz.


Die Jahreslosung wird von der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen ausgesucht, die mit katholischen, evangelischen und freikirchlichen Delegierten besetzt ist. Nicht zu verwechseln ist die Jahreslosung mit den täglichen Losungen der Herrnhuter Brüdergemeine. Diese sind deutlich älter.

Jahreslosung 2021Buchtipp: Bernd Siggelkow: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist„. Das Buch zur Jahreslosung 2021.

Weitere Infos und Auslegungen zu den Jahreslosungen haben wir in einem Themendossier zusammengestellt > zum Dossier „Jahreslosungen“

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