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Ich oder die anderen – Wer ist für meinen Lebensweg verantwortlich?

Andere Menschen und äußere Umstände prägen unsere Persönlichkeit von Kind an. Verantwortlich für unser Handeln bleiben wir trotzdem. Wie können wir das eigene Leben konkret gestalten, auch in Hinblick auf die Beziehung zu Gott?
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Von Dorothee Bahr

Biografien haben mich schon immer interessiert. Wie entwickelte sich der Lebensweg eines Menschen? Welche Umstände haben ihn geprägt und seine Entscheidungen beeinflusst? Welche Ereignisse bildeten den Rahmen dazu? Hätte alles auch ganz anders verlaufen können?
Hinzu kommt die Frage nach Gott. Wie wirkt er in den Umständen unseres Lebens oder in persönlicher Führung? Was heißt das für Menschen, die nicht danach fragen oder ihn nicht kennen? Was bedeutet das für mein Handeln und dessen Folgen, auch im Leben anderer?
Mittlerweile habe ich mich anhand meines bisherigen Lebensverlaufs und sehr persönlicher Erlebnisse, die ich als Reden Gottes empfunden habe, mit diesem Thema beschäftigt. Hinzu kommen Erfahrungen aus der therapeutischen Arbeit mit Menschen und unterschiedliche Auslegungen zu Aussagen der Bibel.

Wurzeln in der Kindheit

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Meine Lebenssituation setzt mir den Rahmen für die Möglichkeiten, die ich habe: Hier gibt es Potenzial, ebenso wie Grenzen, die ich akzeptieren muss.
Während unserer Kindheit sind diese Grenzen weitgehend vorgegeben: Kinder, die adoptiert wurden oder in Pflegefamilien aufwachsen, leben unter anderen Lebensbedingungen als ihre Geschwister in der biologischen Herkunftsfamilie. Erstaunlicherweise ähneln sich ihre Lebensläufe und persönlichen Vorlieben dennoch. Selbst wenn Kinder seit dem frühen Säuglingsalter in der Pflege- oder Adoptivfamilie aufwuchsen und kein Kontakt zur Herkunftsfamilie bestand. Genetische und soziale Faktoren haben bei der Entwicklung eines Kindes jeweils einen Anteil von 50 Prozent: Das hat die Forschung mit eineiigen Zwillingen herausgefunden.
Wenn Kinder durch Krieg und Fluchterfahrungen geprägt wurden, hat das Auswirkungen auf ihr Leben, auch auf ihre späteren Beziehungen und die Ausübung ihrer Elternschaft. Gravierende Folgen für ein Kind entstehen durch emotionale Vernachlässigung und Missbrauchserfahrungen. Das geht aus Studien der Trauma- und Bindungsforschung hervor.
Neben genetischer Ausstattung, Kultur und sozialer Situation gibt es dann zunehmend unsere eigenen kleinen und großen Entscheidungen, die sich auf unser Leben auswirken. Doch wo bleiben Fürsorge und Verantwortung Gottes angesichts der katastrophalen Lebensbedingungen vieler Menschen?

Die Frage nach Gott

In allen Kulturen wird ein Zusammenhang hergestellt zwischen dem Leben des Menschen und dem göttlichen Willen. Das scheint in uns angelegt, auch wenn die Religionen es unterschiedlich interpretieren. Die biblische Schöpfungsgeschichte erzählt von der Ebenbildlichkeit des Menschen zu Gott und dass er in Beziehung zu ihm geschaffen wurde. Sie berichtet aber auch, dass diese Beziehung getrennt wurde – und dass für diese Entscheidung die Menschen verantwortlich waren. Gott hat den Menschen als entscheidungsfähiges Wesen geschaffen und akzeptiert selbst diese Wahl.
In der Folge berichtet die Bibel immer wieder von den Konsequenzen dieser menschlichen Entscheidung und dass Gott darunter leidet: Er leidet unter dem Verlust der ungetrübten Beziehung zum Menschen. Er leidet unter den schwerwiegenden Folgen unseres Verhaltens. Und er bietet schließlich mit dem Tod seines Sohnes einen Ausweg an. Ob wir diesen annehmen, überlässt er unserer Entscheidung. Auch darin liegt unsere Verantwortung.

„Meine Entscheidungen beeinflussen meinen Lebensverlauf und andere Menschen, die direkt oder indirekt davon betroffen sind.“

Die Verantwortung jedes Einzelnen ist unterschiedlich – je nach Alter, gesellschaftlicher oder beruflicher Position, Geschlecht und Kultur. Bin ich bereit, Entscheidungen zu treffen und die damit verbundenen Folgen zu tragen? Kann ich mir selbst verzeihen, wenn eine Entscheidung sich als falsch oder ungünstig erweist? Kann ich Mitmenschen verzeihen, deren Entscheidung weitreichenden Einfluss auf mich hatte?

Unsichere Kindheit

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Zurück zu den Grundlagen in der Kindheit, einer sehr wichtigen Lebensphase: Ein Kind braucht verlässliche Bezugspersonen, die ihm einen guten Entwicklungsrahmen setzen, in dem es altersentsprechende Entscheidungen treffen kann. Gelingt dies nicht, sind die Folgen für seine Persönlichkeitsentwicklung weitreichend. Die Verantwortung hierfür tragen Eltern oder andere Bezugspersonen.
Mir fällt eine Familie ein, die zwei Kinder aus dem gleichen Entwicklungsland adoptiert hatte. Eines der Kinder war direkt aus einer Herkunftsfamilie gekommen, in der es liebevolle Annahme erlebt hatte – und wechselte nur zwischen zwei liebevollen und sicheren Bindungsorten. Mit dem anderen Adoptivkind, das zwei Jahre in einem Heim verbracht hatte, gab es große persönliche Schwierigkeiten, obwohl sich die Adoptiveltern auch diesem Kind liebevoll zuwandten. Weder die Adoptiveltern noch das betroffene Kind waren verantwortlich dafür. Auch die Menschen in den zuständigen Behörden waren es nur eingeschränkt, denn strukturelle Probleme und eine Naturkatastrophe machten ihnen zu schaffen.

Mit fortschreitender Reife wachsen unsere Handlungsspielräume.

Wenn Erwachsene die ihnen anvertrauten Kinder vernachlässigen, sind sie für die Folgen verantwortlich. Das gilt umso mehr bei schuldhaftem Verhalten wie Gewaltanwendung oder Missbrauch. Auch, wenn die Täter selbst durch ungute Bedingungen geprägt waren. Für ihre ehemaligen Opfer bedeutet das eine große persönliche Entlastung. Denn allzu oft wurde ihnen eingeredet, sie seien selbst schuld an dem, was ihnen passiert ist.
Ich trage Verantwortung dafür, wenn ich Kindern Schaden zugefügt habe oder diesen Schaden nicht verhindern konnte: Dann brauche ich Gottes Vergebung. Und es ist wichtig, die betroffenen Kinder um Vergebung zu bitten. Gestörte Beziehungen können heilen und Neues kann entstehen.

Gott tröstet – und verändert

Mit fortschreitender Reife wachsen unsere Handlungsspielräume. Es steht zunehmend in unserer Verantwortung, welche Entscheidungen wir innerhalb unserer konkreten Möglichkeiten treffen. Selbst wenn diese durch das Versagen anderer beeinflusst wurden: Bin ich bereit, mich dem zu stellen und ungute Erfahrungen gegebenenfalls in einem seelsorgerlichen oder therapeutischen Prozess anzuschauen? Dann können Aussöhnung mit der eigenen Vergangenheit und Vergebungsbereitschaft entstehen. Dann kann die Macht unguter Prägungen überwunden werden. Ebenso kann ich mich entscheiden, erlerntes Verhalten abzulegen und durch neue Verhaltensweisen zu ersetzen.
Meine Entscheidungen beeinflussen meinen Lebensverlauf und andere Menschen, die direkt oder indirekt davon betroffen sind. Bin ich bereit, diese Verantwortung wahrzunehmen, mitsamt den daraus resultierenden Möglichkeiten und Grenzen?
Gott leidet darunter, wenn Menschen anderen Schaden zufügen – in ihrer eigenen Verantwortung und durch ihre Abkehr von Gott. Das erkenne ich, wenn ich therapeutisch mit Opfern arbeite. Mitunter erlebe ich, wie Gott diesen Betroffenen Auswege eröffnet und Heilung ermöglicht.

Doch Menschen, die in Beziehung zu Gott leben, haben Zugang zur Dimension Gottes und damit ungeahnte Möglichkeiten.

Die Bibel berichtet aber auch, dass Gott in die Lebensgestaltung von Menschen wie Mose und Esther eingreift, indem er persönlich zu ihnen spricht oder ihre Lebensumstände verändert. Vermutlich gibt es solche Erfahrungen auch in Ihrem Leben. Ich selbst kenne Erlebnisse, die ich als persönliches Reden und Einwirken Gottes wahrgenommen habe. Etwa Bibelworte, die für mich zum persönlichen Zuspruch wurden oder auch geistliche Impulse, die ich deutlich von meinen eigenen Gedanken und Überlegungen unterscheiden konnte. Entscheidungssituationen, in denen bestimmte Möglichkeiten verschlossen, andere geebnet wurden.

Die Beziehung zu Gott pflegen

Ist die Frage nach dem Einfluss Gottes auf unser Leben eine Beziehungsfrage? Gott hat uns als eigenverantwortliche Wesen geschaffen. Menschen können viel Gutes tun, aber sie fügen einander auch immer wieder Leid zu, ihr Tun hat teilweise sogar globale Auswirkungen. Doch Menschen, die in Beziehung zu Gott leben, haben Zugang zur Dimension Gottes und damit ungeahnte Möglichkeiten.
Das habe ich in meiner therapeutischen Arbeit und Seelsorge erlebt: Menschen konnten im Licht Gottes Perspektiven entwickeln, die vorher nicht denkbar waren. Ich habe es erlebt in Grenzsituationen meines eigenen Lebens. Warum sollten wir freiwillig auf dieses Potenzial verzichten und alles selbst machen wollen? Auf Gottes Möglichkeiten zu vertrauen, steht nicht im Widerspruch zu unserer eigenen Verantwortung.

Gott hat uns Menschen als sein Gegenüber geschaffen – mit eigenem Willen und eigener Verantwortung für unser Tun.

Wie kann das konkret aussehen? Jede Beziehung braucht Pflege. Das gilt auch für unsere Beziehung zu Gott. Beziehungspflege äußert sich unter anderem in gemeinsam verbrachter Zeit, im Austausch miteinander, in gemeinsamen Aktivitäten und in wachsendem Vertrauen. Wieviel Zeit verbringe ich in der Gemeinschaft mit Gott? Empfinde ich Mangel, wenn sie zu kurz gekommen ist? Wie sehen gute Zeiten mit Gott für mich aus? Komme ich bei meiner persönlichen Bibellese mit Gott ins Gespräch – oder eher, während ich einen Spaziergang mache, im Garten arbeite oder künstlerisch tätig bin? Gott wünscht sich die Gemeinschaft mit uns! Je mehr wir diese Beziehung pflegen, desto besser lernen wir Gott kennen, in seinem Wesen, aber auch in seinem konkreten Reden zu uns. Dafür können wir uns bewusst entscheiden.

Ein roter Faden

Gott hat uns Menschen als sein Gegenüber geschaffen – mit eigenem Willen und eigener Verantwortung für unser Tun. Diese sollten wir annehmen und gestalten. Er ist bereit, uns immer neu zu vergeben, auch wenn er uns manche Folgen unseres Tuns lieber erspart hätte. Wie steht es mit unserem Vertrauen zu ihm? Ganz besonders, wenn wir unter belastenden Erfahrungen leiden oder sein Handeln nicht nachvollziehen können. Austausch heißt hier: Ich bringe meine Erfahrungen zu Gott. Auf die Frage Gottes, ob ich ihm dennoch vertraue, finde ich ein „Ja“ – mitsamt meinen Zweifeln und Unsicherheiten.
Doch wie ist es mit einem Plan Gottes für unser Leben? Manchmal erkennen wir im Rückblick einen roten Faden unserer Lebensgeschichte, einzelne Ereignisse erscheinen in der Gesamtschau stimmig. Wie ein verborgener Plan, der sich entwickeln konnte aus der Abfolge unserer Lebensumstände und unserer Entscheidungen. Dostojewski drückt es so aus: „Habe dein Schicksal lieb, denn es ist der Weg Gottes mit deiner Seele.“


Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift Lebenslauf erschienen, die wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.

 

 

 

 

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