Tag 246

0

Lukas 4

Man reichte ihm die Schriftrolle des Propheten Jesaja, und als er sie aufrollte, fand er die Stelle, an der steht: „Der Geist des Herrn ruht auf mir, denn er hat mich gesalbt, um den Armen die gute Botschaft zu verkünden. Er hat mich gesandt, Gefangenen zu verkünden, dass sie freigelassen werden, Blinden, dass sie sehen werden, Unterdrückten, dass sie befreit werden und dass die Zeit der Gnade des Herrn gekommen ist.“ Er rollte die Schriftrolle zusammen, gab sie dem Synagogendiener zurück und setzte sich. Alle in der Synagoge sahen ihn an. Und er sagte: „Heute ist dieses Wort vor euren Augen und Ohren Wirklichkeit geworden!“ Alle Anwesenden äußerten sich anerkennend über ihn und wunderten sich zugleich über seine Worte. „Wie kann das sein?“, fragten sie. „Ist das nicht Josefs Sohn?“ Da sagte er: „Bestimmt werdet ihr mir das Sprichwort vorhalten: ,Arzt, hilf dir selbst‘ – und damit meinen: ,Warum tust du hier in deiner Heimatstadt keine Wunder wie in Kapernaum?‘ Wahrhaftig, kein Prophet gilt etwas in seiner Heimatstadt. Zur Zeit Elias gab es in Israel bestimmt viele hilfsbedürftige Witwen, als es dreieinhalb Jahre lang nicht regnete und Hunger im Land herrschte. Dennoch wurde Elia zu keiner von ihnen geschickt, sondern nur zu einer Witwe aus Sarepta – einer Fremden im Gebiet von Sidon. Oder denkt an den Propheten Elisa, der den Syrer Naaman heilte und nicht die vielen Aussätzigen in Israel.“ Als die Leute in der Synagoge das hörten, wurden sie zornig. Sie sprangen auf und trieben ihn hinaus an einen steilen Abhang des Berges, auf dem die Stadt erbaut war. Sie wollten ihn hinunterstürzen, doch er schritt mitten durch sie hindurch und ging fort.

Inzwischen eilt Jesus der Ruf eines Wundertäters voraus. Nun kommt er wieder in seine Heimatstadt und geht in die Synagoge – so weit alles völlig normal. Befremdlich für seine ExNachbarn wird es allerdings, als der Zimmermannssohn plötzlich Worte aus dem Propheten Jesaja auf sich persönlich bezieht. Einerseits wundert man sich über seine Souveränität, andererseits kann man sich das Ganze nicht erklären.

Jesus kennt aber ihre Gedanken. Was er jetzt sagt, liest sich auf den ersten Blick ganz harmlos, birgt aber ungeheuren Zündstoff: Natürlich fragen sich die Leute aus Nazareth, warum Jesus keine Wunder bei ihnen tut. Und er gibt ihnen die Antwort: Der große Prophet Elia hat in Zeiten einer allgemeinen Krise den Israeliten auch nicht geholfen, Wunder tat er nur unter den Heiden: Er half einer Frau aus der phönizischen Stadt Sidon und dem Aramäer Naaman. Da man wusste, dass es sich damals um die gottloseste Zeit Israels handelte, reagierte das Publikum allergisch. Sie mussten das – zu Recht – als Herabsetzung ihrer Frömmigkeit verstehen. Also wollte man Jesus kurzerhand lynchen, doch – man weiß nicht wie: Jesus konnte sich ihnen entziehen.

Wir reden viel von Nachfolge Jesu, aber eins wird selten bedacht: wie wir als Christen wie Jesus zu einer souveränen Haltung zu unseren Mitmenschen (auch den Mitchristen!) kommen können.