Matthäus 12
Etwa um diese Zeit ging Jesus am Sabbat durch die Kornfelder. Seine Jünger hatten Hunger; sie rissen sich unterwegs ein paar Weizenähren ab und aßen die Körner. Einige Pharisäer sahen es und empörten sich: „Deine Jünger dürfen das nicht! Es verstößt gegen das Gesetz, am Sabbat Korn zu ernten.“ Doch Jesus hielt ihnen entgegen: „Habt ihr schon einmal in der Schrift gelesen, was König David tat, als er und seine Begleiter Hunger hatten? Er ging in das Haus Gottes, und sie aßen die Brote, die den Priestern vorbehalten waren. Sie haben auch das Gesetz gebrochen. … Ihr hättet nicht Unschuldige verurteilt, wenn ihr den Sinn des Schriftwortes verstanden hättet: ,Ich will, dass ihr barmherzig seid; eure Opfer will ich nicht.‘
Denn der Menschensohn herrscht auch über den Sabbat.“
Da sind sie wieder, die Buchhalter! Und diesmal geht es um den Sabbat. Das Ausraufen von Ähren auf der Wanderschaft wird als Arbeit interpretiert, die am Sabbat verboten war. Und die Heilung des Mannes mit der verkrüppelten Hand soll eine unzulässige ärztliche Tätigkeit am Sabbat sein. Aber obwohl unsere Sympathien natürlich Jesus gelten, fragt man sich tatsächlich: „Warum musste er denn unbedingt am Sabbat heilen? Er wusste doch, dass er damit die Schriftgelehrten auf die Palme brachte.“
Natürlich wusste er das, darum hat er es ja gerade getan. Er hat eben keinen Kotau vor der religiösen Prominenz veranstaltet, nicht einmal diplomatische Rücksichtnahme geübt, sondern voll provoziert. Ihm ging es darum, den Teufelskreis zu durchbrechen, den die Geisteshaltung in Gang hält, die hinter diesen Spitzfindigkeiten steht. Was die Pharisäer wollen, konterkariert den eigentlichen Gotteswillen. Auch David hat den Sabbat gebrochen, auch Priester dürfen am Sabbat arbeiten, und man würde ja auch ein verunglücktes Tier am Sabbat retten. Diesem seelenlosen Formalismus, der offensichtlich nur darauf aus ist, die eigene (Macht-)Position zu zementieren, erteilt der Herr eine klare Absage. Er ist auch der Herr des Sabbats. Jesu souveräne Kritik an den Pharisäern führt zu den ersten Mordplänen dieser religiösen Oberschicht.
Jesus nahm Gottes Wort ernst, aber es war eben Gottes Wort für den Menschen und kein seelenloser Vorschriftenkodex.
