Der Fall Locher: Von Affären und Grenzverletzungen

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Gottfried Locher 2019
Gottfried Locher, Foto: picture alliance/KEYSTONE/ANTHONY ANEX
Die evangelisch-reformierte Kirche in der Schweiz ist in einen handfesten Skandal geraten. Denn nachdem kurz hintereinander Ratsmitglied Sabine Brändlin und Präsident Gottfried Locher zurückgetreten sind, werden jetzt immer mehr Details bekannt.
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Von Nathanael Ullmann

Was in den vergangenen Monaten in den Leitungsgremien der Schweizer Landeskirche vorgefallen ist, klingt ein wenig nach Groschenroman. Und: Gänzlich abgeschlossen ist das Tohuwabohu noch lange nicht. Fakt ist: Am 24. April tritt Sabine Brändlin aus dem Rat der Evangelischen Kirche Schweiz (EKS) zurück. Die Gründe sind schon damals unklar. In einer Mitteilung ihrerseits, die von mehreren Medien zitiert wird, heißt es, die Entscheidung erfolge „aus persönlichen Gründen und wegen unüberbrückbarer Differenzen“. Die Kirche selbst vermeldet indes, der Rücktritt des Ratsmitglieds stehe „im Zusammenhang mit einem laufenden Geschäft“ und einer möglichen Befangenheit.

Die widersprüchlichen Stellungnahmen sorgen für Unmut. Die vier großen Kantonalkirchen Zürich, Aargau, Bern und Waadt verlangen Transparenz zu den Vorgängen. Auch stellen sie die Frage, ob die EKS und deren Präsident Gottfried Locher noch handlungsfähig seien. Zwölf Theologinnen und Theologen, darunter unter anderem frühere „Wort zum Sonntag“-Sprecherinnen, veröffentlichen einen Offenen Brief. Darin sprechen sie von Hinweisen darauf, das es bei dem „laufenden Geschäft“ um sogenannte „Grenzverletzungen“ ginge. Andere Quellen bringen diese Grenzverletzungen sogar direkt in Zusammenhang mit dem Präsidenten. Eine seiner ehemaligen Angestellten solle eine Beschwerde gegen ihn beim Rat eingereicht haben.

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Tatsächlich legt am 27. Mai auch Gottfried Locher sein Amt nieder. Die Handlungsfähigkeit des Präsidenten sei seit einigen Wochen „wegen eines Geschäfts“ eingeschränkt gewesen, schreibt die Kirche erneut schwammig.

Vorwurf: Machtmissbrauch

Die Lage spitzt sich weiter zu, als am 15. Juni die Synode tagt. Tatsächlich gibt es gegen den Kirchenoberen den Vorwurf der Grenzverletzung. Anzeige gegen ihn wurde jedoch nicht erstattet, auch sind die Vorwürfe nicht offiziell bestätigt. Nach Angaben des Aarauer Kirchenratspräsidenten Christoph Weber-Berg soll Locher jedoch seine Macht missbraucht haben, um sich „Frauen mehrfach ungebührlich zu nähern, auch gegen ihren Willen.“ Den Angaben von ref.ch nach haben wohl insgesamt sieben Frauen von solchen Erfahrungen berichtet.

Nach dem 15. Juni ist ebenfalls bekannt: Sabine Brändlin soll eine Affäre mit Gottfried Locher gehabt haben. Sie saß allerdings auch in dem Team, das sich mit dieser Grenzverletzung befasst hat. Diesem kleinen Team hat sie ihre Affäre nach Angaben der Geschäftsprüfungskommission (GPK) wohl auch schon vorab offengelegt. Alle Beteiligten hätten eine Befangenheit von Sabine Brändlin ausgeschlossen. Zu dem Zeitpunkt wusste der Rat jedoch noch nichts von der Beziehung. Die Frage nach der eventuellen Befangenheit soll Sabine Brändlin dem Rat erst am 17. April gestellt haben. Und der sah sie sehr wohl als befangen an. Das Ratsmitglied Ulrich Knoepfel forderte sowohl Brändlin als auch Locher zum Rücktritt auf. Am 24. April, und da schließt sich der Kreis, trat Brändlin tatsächlich zurück.

Brändlin forderte Suspendierung

Wie jetzt bekannt wurde, sieht sie den Grund für ihren Rücktritt jedoch nicht in der Affäre mit dem ehemaligen Kirchenoberen. Zumindest, glaubt man einem Brief, den der Aargauer Kirchenratspräsident Christoph Weber-Berg an die Kirchensynode geschickt hat. Demnach habe sich Sabine Brändlin wegen der mutmaßlichen Grenzverletzung dafür ausgesprochen, Locher zu suspendieren und das auch zu kommunizieren. Der Rat hat jedoch nur eine Untersuchung angeordnet, Locher nicht freigestellt und auch die Öffentlichkeit nicht informiert. „Ein Verbleib im Rat war Sabine Brändlin in dieser Situation nicht mehr möglich“, heißt es in dem Schreiben nach Angaben von ref.ch.

Ob damit um die evangelisch-reformierte Kirche Ruhe einkehrt, ist fraglich. Dafür gibt es noch zu viele offene Fragen. Allen voran die, welche Ergebnisse die Untersuchungen rund um die Grenzüberschreitungen Lochers bringen.

3 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Schweizer Kirchenskandal . ethische Inventur notwendig

    Wir müssen über unser Menschsein nachdenken und die Wichtigkeit von Sexualität als gottgewollt endlich akzeptieren. Denn wer seine Sexualität nicht versteht und missdeutet, gebraucht sie als Macht, die leider oft die Seele schlimm verletzt.
    Es gibt kaum ein Thema das gravierender ist als der Mißbrauch von Macht. Aber auch der weitergehende Hinweis, es handele sich um Grenzverletzungen macht die Sache schwieriger, insbesondere wenn im Nebel von Hörensagen und Wissen aus zweiter und dritter Hand, verbleibend bei Andeutungen und Phantasieanreizungen, niemand Butter bei die Fische tut. Ich denke, wer etwas weiß und es anzeigt, verdient hohe Achtung und Anerkennung. Wer es nicht tut, sollte lieber schweigen. Was weiter richtig ist: Es gilt die Unschuldvermutung, solange nicht ein Gericht jemand schuldig gesprochen hat. Dies ist sicherlich schwer durchzuhalten und für journalistisch arbeitende Menschen fast die Quadratur des Kreises, denn in allen öffentlichen Medien dürfen in der Luft liegende Probleme nicht verschwiegen werden. Wenn Menschen ihre Macht vorallem gegenüber Machtloseren missbrauchen – mit Sexualität hat das nur redumentär zu tun – dann sollten wir in unseren Kirchen,
    Konfessionen und Gemeinschaften unter uns Christen unsere persönliche Stellungnahme zur Sexualität dringend in Form eines Dialoges klären. Das fatale am großen Missverständnis früherer Zeiten ist die Aussagedeutung von Adam und Eva,
    die durch den Sündenfall erkennen, daß sie nackt sind: Nackt und Sexualität also ist gleich Sünde. Ich wünschte mir einen Diskurs, der unter der Zugrundelegung offenbarer Gefühlsverklemmtheiten unter uns Jesusnachfolgern zu einer gesunderen und unangestrengteren Begegnung mit einem wesentlichen Teil unser aller Persönlichkeit führt: Der Sexualität. Damit wird man nicht alle Grenzverletzungen, sexuelle Übergriffe oder jeden Mißbrauch verhindern, aber man kann das vermummte Gesprenst etwas verschrecken, daß uns quer durch alle gesellschaftliche Schichten verfolgt. Wenn auch die Menschen die sich Christinnen und Christen nennen, diese Klärung, die nicht auf die Schnelle geht, nicht vorzunehmen gedenken, kommt man möglicherweise schon bei Umarmungen in eine persönliche Missdeutungsgefahr. Bei den einfachen Dingen des Lebens ist es – wen wunderts – wesentlich einfacher. So kann man mit Hilfe eines Messers schmackhafte Nahrung zubereiten, operieren und viele andere Tätigkeiten vollbringen. Niemand würde ein solches materielles Werkzeug als gut oder böse bezeichnen. Bei der Sexualität ist dies aber mit eher Böse- als Gutbewertung belegt. Und dies ist das eigentliche Problem. Wenn wir andere Lebewesen nur noch als Nahrung betrachten und als Dinge, dann setzt sich diese miserable Einordnung in unsere Ethik gleichwohl fort, wenn der Mitmensch zu einem Subjekt wird, mit dem ein anderer Mitmensch umgeht wie mit einem Spielzeug. Wie wir miteinander umgehen ist – glaube ich – das eigentliche Problem. Ethik und Moral komnen aus ihrer Gegensätzlichkeit heraus, wenn sie nur zwei Sichtweisen bzw. Perspektiven einer Angelegenheit werden. Das funktioniert aber nur, wenn wir mit Liebe, Empathie und Verantwortungsbewusstsein miteinander kommunizieren. In den Chefbüros von Kirchen sollte das auch so sein. Sonst ist unser Evangelium nicht wert, daß man es weitersagt.Unser christlicher Glaubwürdigkeitsverlust und die vielen Kirchenaustritt, auch durch die schwarzen Schafe des Bodenpersonal, tun alles dazu, daß manche lieber Zuhause eine Privatreligion praktizieren oder einfach den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Und wir wundern uns über den sogenannten Traditionsabbruch. Wenn Gott Liebe ist, gilt das für wirklich alle Lebensbereiche. Aber Liebe ist grundsätzlich etwas sehr verantwortungsvolles. Denn in jedem Menschen wohnt auch Gott.

    • Einfach Bibel lesen, Gottes Gebote halten-
      und den kleingemachten „lieben Gott“ gibt es nicht.
      Gott ist der allmächtige Herrscher und Schöpfer des Universums, vor dem wir alle Rechenschaft schuldig sind.
      Doch auch ein liebevoller Vater, bei dem ich Heilung, Trost und meinen ganzen Halt finde!

      • Liebe Kerstin,

        ich würde einerseits deinem Kommentar inhaltlich voll zustimmen. Andererseits ist das Thema Grenzüberschreitung/sexuelle Übergriffe/-missbrauch nicht so einfach abzuhandeln. Meines Erachtens ist sowohl unsere (kollektiv) oft ungeklärte Stellung zu unserer eigenen Körperlichkeit als auch das Problem „Gewalt“ Ursachen. Jede Christin und jeder Christ sollte nach dem guten Spruch ora et labora immer beten und arbeiten. Beten ist mit Gott kommunizieren. Arbeiten ist das Gleiche mit Menschen. Wir müssen alle an uns selbst arbeiten. Auch als die (vielleicht vermeintlich) anständigten Leute sind wir bei vielen Themen und Problemen immer ein Teil des Problems oder ein Teil der Lösung. Die Nachfolge Jesu ist in einer komnplizierten Welt nicht so ganz einfach gewickelt wie vielleicht vor 2000 Jahren. Wenn mehr Liebe unter uns herrrschen würde, wären die genannten und noch einige andere Problembereiche weitaus geringer

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