Trotz Videobeweis und intensiven Schulungen sagt Ex-Schiedsrichter Lutz Wagner: Hundertprozentige Gerechtigkeit gibt es im Fußball nicht. Und auch keinen Fußballgott.

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Herr Wagner, geht es im Fußball gerecht zu?

Nein! (lacht) In allen Sportarten, die man nicht messen kann, kann es nicht zu 100 Prozent gerecht zugehen, weil Bewertungen eines Schiedsrichters immer auch etwas Subjektives haben. Wenn der eine fünf und der andere sechs Meter springt, steht der Gewinner fest. Wenn der Schiedsrichter im Fußballspiel eine Aktion bewerten muss, kommt auch seine eigene Meinung, sein Empfinden hinzu.

Sie sagen, es gibt keine absolute Gerechtigkeit?

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Richtig! Auch nicht durch den Videoschiedsrichter. Lediglich bei der Torerzielung funktioniert dies: drin oder nicht drin. Das ist heute technisch feststellbar.

Kann man es im Fußball und auch im Leben jedem recht machen?

Wenn man dies probiert, wagt man die Quadratur des Kreises. Da ist das Scheitern vorprogrammiert. Es gibt einen Unterschied zwischen „recht“ und „richtig“. Ich probiere immer, es richtig zu machen und damit hoffe ich, dass ich es vielen recht mache, aber wenn ich dran gehe, es jedem recht zu machen, lege ich eine Bauchlandung hin.

Wie viel Zeit haben die Schiedsrichter in der Bundesliga im Schnitt für eine Entscheidung?

0,7 Sekunden!

Das ist nicht viel. Kann dabei überhaupt eine faire Entscheidung rauskommen?

Manchmal ist die Kürze der Zeit ein Vorteil. Wenn ich einen Spieler verwarnen muss, aber einen langen Weg zu ihm habe, kommen mir auf dem Weg alle möglichen Gedanken: Ob ich ihn sympathisch finde, was wir schon für Begegnungen hatten. Dadurch wird die Entscheidung nicht besser oder leichter, sondern plötzlich wird sie von ganz subjektiven Eindrücken geprägt, die nichts mehr mit der Tat zu tun haben. Deswegen sage ich: Je kürzer der Weg zum Delinquenten, desto besser die Entscheidung.

Hat das Schiedsrichtersein Ihnen den Glauben an Gerechtigkeit nähergebracht oder Sie sogar weiter davon entfernt?

Eher nähergebracht. Im Endeffekt passiert auf dem Fußballplatz nichts anderes als im normalen Leben, nur unter erschwerten Bedingungen, hier müssen Entscheidungen in einer relativ kurzen Zeit unter dem Druck der Öffentlichkeit getroffen werden. Wenn man es aber da gut hinbekommt, kann man vieles mit rübernehmen in den normalen Alltag.

Ist der Schiedsrichter heute im Vergleich zu früheren Jahren mehr gefährdet? Hat sich da aus Ihrer Sicht etwas verschoben?

Ja, ich denke schon, dass die Wertschätzung gegenüber dem Schiedsrichter nicht mehr so vorhanden ist, wie sie das noch vor einigen Jahren war. Hier stehen wir vor einem gesellschaftlichen Problem, das Polizisten, Sanitäter, Feuerwehrleute und andere täglich zu spüren bekommen. Es mangelt hier an Akzeptanz und Achtung. Früher waren es der „Herr Polizist“, der „Herr Schiedsrichter“. Heute sind es leider der „Bulle“ oder der „Drecksschiri“.

Was kann man tun, damit das Klima wieder freundlicher wird?

Bei Vorträgen im Bereich der Wirtschaft wage ich mit den Teilnehmern den Rollentausch. Dort, wo die Meckerer in die Rolle der Entscheider wechseln, merken sie in der Regel schnell, wie schräg und falsch sie mit ihrer Sichtweise liegen. Allgemein würde ich sagen: Jeder sollte nur vor der eigenen Haustür kehren. Einfach immer mal wieder für einen Moment innehalten und sich sagen: Mensch, ich mag doch den Fußball und will ja auch, dass es für uns alle die schönste Nebensache der Welt bleibt. Was kann ich in meinem Bereich dafür tun? Ich kann den anderen nicht ändern, sondern jeder kann das nur für sich selbst. Hier kommt auch wieder der Gerechtigkeitssinn ins Spiel, denn es ist auch eine Frage des Willens, einfach mal ein klares Foul-Spiel der eigenen Mannschaft, einen gemachten Fehler in der Firma zuzugeben.

Wie ging der Schiedsrichter Lutz Wagner mit Fehlentscheidungen um? Gab es die überhaupt? Wie werden Sie die Last los?

An Fehlentscheidungen habe ich schon ziemlich rumgeknabbert. Gerade wenn ich einen zu Unrecht rausgestellt hatte oder durch meinen Fehler eine Mannschaft verloren hat. Ich wusste aber auch: Ich kann es nicht ändern, sondern beim nächsten Mal nur versuchen, es besser zu machen. Wesentlich finde ich: Wenn ich gefragt werde, rede ich nicht um den Fehler herum, sondern stehe dazu. Ehrlichkeit hat etwas Befreiendes. Zudem hört der andere auch auf, zu meckern, wenn er merkt: Mensch, der ist auch ein fehlerhafter Mensch.

Glauben Sie an den Fußballgott?

(lacht herzlich) Auf keinen Fall! Der wird ja oft beschworen, doch mir ist dies zu banal. Fußball ist und bleibt ein Spiel. Alle Beteiligten glauben hoffentlich an einen Gott, aber dass Gott die Zeit hat, sich um jedes Fußballspiel zu kümmern, wage ich anzuzweifeln. Ich glaube, dass es Gerechtigkeit gibt, einen Gott gibt, der für Gerechtigkeit sorgen wird, aber das er sich um jeden Abstoß und Einwurf kümmern wird, glaube ich nicht.

Danke für das Gespräch!

Lutz Wagner ist ein ehemaliger Bundesligaschiedsrichter. Seit seinem alterbedingten Ausscheiden ist er Mitglied und Lehrwart in der DFB-Schiedsrichter-Kommission.


Das Interview führte Rüdiger Jope, Chefredakteur von MOVO. Es erschien in einer längeren Version in der Ausgabe 04/2020. Das Männermagazin erscheint regelmäßig im SCM Bundes-Verlag, zu dem auch Jesus.de gehört. 

 

 

1 DIREKT-KOMMENTAR

  1. Es gibt keine Götter im Fußball oder unter uns

    Es gibt keine Götter im Fußball, aber es sollte sie auch unter uns Menschen nicht geben – jedenfalls nicht gefühlt. Denn auf Erden gibt es nur eine subjektive Wahrheit. Durch meine Augen gesehen, mit dem Gehirn bewertet und einkatalogisiert, neigen wir alle dazu, Menschen in Schubladen einzuordnen. Es ist eine gute Methode, sich einer Relativierung eigener Wahrheit anzunähern, in dem man versucht, sich in den Anderen und seine Sichtweise hinein zu versetzen. Ich denke, die Weisheit der Jesusworte aus der Bergpredigt sind auch diesbezüglich zeitlos: Zuerst den Balken aus dem eigenen Augen zu ziehen und dann den Stachel im Augen des Mitmenschen zu kritisieren. Oder über niemanden endgültig zu urteilen, weil wir dann mit dem Urteil über einen Mitmenschen mit dem gleichen Maßstab (von Gott) gemessen werden. Nicht zu urteilen bedeutet daher eher, nicht endgültig über einem Menschen den Stab zu brechen: Ich kann mich auch in gegenständlichen Alltagsfragen völlig irren. Aber in einem nicht: Wenn ich anderen nicht etwas antue, was ich selbst mir nicht zumuten würde.

    Alleine Gott selbst besitzt die absolute Wahrheit, Weisheit und Liebe. Er verkörpert sie mit seinem Wesen und mit seinem Angesicht, welches wir in dem Menschen und Gottessohn Jesus Christus erkennen. Meines Erachtens kann niemand die Wahrheit Gottes quantitativ und qualitativ vermessen, genauso wie es nicht funktioniert, seine Schöpfung von Innersten her zu erklären oder die Ausdehnung des fast unendlichen Universums zu begreifen. Dies alles erschuf Gott – bzw. es ist die Verkörperung seiner Gedanken. Gottes Gedanken sind höher als unsere, und seine Weg anders als die von Menschen.

    Dann ist trotzdem mein Glauben – auch im Sinne eines (erwünscht fast unendlichen) Vertrauens – vom Denken her subjektiv. Allerdings löst sich dies dann auf, wenn wir Gott in unserem Leben und in unserer Seele begegnen. Der Glaube wäre in diesem Sinne etwas wie das (geistliche) Sehen des (gläubigen) Menschen insbesondere der Farben, die der (geistlich) Blinde nicht wahrnehmen kann. Aber hier wäre dringend darauf zu achten, eine Begegnung mit Gott, unser Zum-Glauben-Kommen, nicht zur frommen Überheblichkeit werden zu lassen. Der Glaube ist insofern ein Geschenk, so wie es für den Saulus vor Damaskus ein Geschenk – also die große verzeihende Liebe Gottes – war, dass er ein großes Licht in seiner Seele wahrnahm und vom Saulus zum Paulus generierte. Glaube ist insofern eine Leistung Gottes, der das verirrte Schaf ohne dessen Zutun unter den Dornen aufsammelt und es heimträgt. Dafür verlässt er die 99 Gerechten, die es zu sein glauben.

    Wir sind dazu da, den unterschiedlichsten Menschen den Glauben zu erklären, ihn möglichst vorzuleben und sie einzuladen. Aber diese Form der Kommunikation sollte sich nach Möglichkeit an der Demut und Geschwisterlichkeit Jesu messen, der seinen Jünger die Füße gewaschen hat. Es bleibt vielleicht noch zu erwähnen, dass aus all diesen Gründen es auch keine absolute Wahrheit bezüglich Ethik und Moral gibt und daher hier immer unterschiedliche Anschauungen existieren. Dies ist legitim, wenn man seine eigene Auffassung begründen kann und andere Überzeugungen toleriert, auch wenn sie einem nicht gefallen.

    Beim Schiedsrichter ist dies eine ganze andere Angelegenheit: Er fällt Tatsachenentscheidungen. Christinnen und Christen sollten Liebesentscheidungen treffen. Ich glaube ja nicht deshalb, weil es philosophische Gottesbeweise gibt, so ähnlich wie man sich vorstellt dass es beim Schiedsrichter Tatsachenentscheidungen gibt. Ich glaube, weil ich Vertrauen habe. Der ungläubige Thomas wünschte sich Beweise (also Tatsachen). So kann man sich Gott nicht aneignen, er ist keine Sache.

    Ich habe mir sagen lassen, dass niemand beispielsweise das Universum bzw. alles Existierende wirklich begreifen kann, es sei denn, er könnte dies alles gewissermaßen von außen betrachten. Wir sind aber alle Teil eines unendlichen Großen, also Geist von Gottes Geist, aber nicht allwissend. Eine endgültige Einweihung in alle Geheimnisse gibt es erst im Himmel.

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