„Follow JC Go“: Was taugt der katholische „Pokémon Go“-Klon?

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Screenshot: Follow JC Go
Was macht eine Kirche, deren Image gerade schwer angeschlagen ist? Korrekt: Ein Spiel programmieren. So geschehen mit der App „Follow JC Go“ aus der katholischen Spieleschmiede von Fundación Ramón Pané, Inc . Da der „Pokémon Go“-Klon mittlerweile auch auf Englisch verfügbar ist, haben wir mal einen kleinen Blick hinein gewagt und schnell gemerkt – die 500.000 Dollar an Entwicklungskosten wären wo anders wohl besser aufgehoben gewesen.

Von Nathanael Ullmann

Schon die Anmeldung ist ein kleines Minispiel. Denn das Programm verrät mir nur, dass ein bestimmter Benutzername oder ein spezielles Passwort nicht verwendet werden darf, nicht warum. Was stimmt wohl am Benutzernamen „shadow“ nicht? Ist es die Länge? Fehlen Sonderzeichen? Ist der Name schon vergeben? Ich weiß es nicht. Und so hilft nur raten.

Richtig spaßig ist auch der Charaktereditor. Wobei „Editor“ eine eher euphemistische Bezeichnung ist, denn wählen lassen sich nur vorgefertigte Avatare. Ich entscheide mich schließlich, mit der netten Dame im Hausmädchen-Outfit die Welt der App zu entdecken.

Bei der Charaktererstellung können wir uns zwischen vielen globigen Charakteren entscheiden. Die folgende Dame ist noch eine der hübscheren Vertreterinnen. Screenshot: Follow JC Go

Im Grunde funktioniert die wie ihr großes Vorbild „Pokémon Go“ – nur in schlechter. Auf dem Display sehe ich die Straßen meiner Umgebung. Überall warten Heilige oder biblische Personen darauf, von mir „eingefangen“ und meinem E-Team (E für Evangelisation) hinzugefügt zu werden. So eine Reise durch die Landschaft ist natürlich ordentlich anstrengend. Deswegen verbrauchen sich meine Ressourcen, Brot und Wasser, mit der Zeit. Glücklichweise liegt jedoch überall in der digitalen Spielwelt Nachschub parat. Eine dritte Ressource, Spiritualität, verbraucht sich bei besonders heiligen Aktionen wie dem Gebet.

Kein Tutorial

Das alles muss ich mir mehr oder weniger selbst erschließen. Denn die App verzichtet fast gänzlich auf ein einführendes Tutorial. Die wichtigsten Tasten werden kurz erläutert, den Rest muss ich selbst herausfinden. Vielleicht haben die Entwickler hier auf göttliche Eingebung gehofft. Weniger erleuchtete Spielanfänger wie ich finden die Hilfe versteckt irgendwo als Untermenü.

In den ersten Spielminuten ist das Glück mir direkt hold: Unmittelbar vor mir ploppt ein „Akt der Barmherzigkeit“ auf. Was ich tun muss? Ich habe keine Ahnung, denn so englisch, wie das Spiel zu sein behauptet, ist es nicht. Der Anleitungstext ist auf spanisch verfasst.

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Ist es englisch, ist es spanisch? Man weiß es nicht. Screenshot: Follow JC Go

Der Charakter ist erstellt, die erste gute Tat getan (denke ich, es war ja auf Spenglisch). Nun ist es an der Zeit, mit meiner tapferen Begleiterin loszustapfen. Wer nicht einfach so loslaufen will, der kann sich im Spiel zahlreiche besondere Orte wie Kirchen, touristische Besonderheiten oder Tankstellen anzeigen lassen. Die Ökumene hat bei „Follow JC Go“ allerdings noch nicht Einzug erhalten: Evangelische Kirchen werden geflissentlich ignoriert. Dafür zeigt das Spiel den Weg und die Entfernung zu einzelnen Gebäuden an. Die naheliegendste Kirche ist schnell gewählt, los geht es.

Und schon nach wenigen Minuten begegnet uns der erste Heilige. Den müssen wir nun nicht mit Pokébällen bewerfen (das wäre ja auch ein wenig albern), sondern wir müssen eine Aussage über ihn als richtig oder falsch beurteilen. Die Antwort kann mal auf der Hand liegen (War Elija nun der Bruder von Mose?), mal ist die korrekte Wahl weniger offensichtlich. Liegen wir richtig, wandert die Person in unsere Sammlung, bei falscher Antwort müssen wir weitersuchen. Wer zu den einzelnen potentiellen Teammitgliedern nicht wandern möchte, für den gibt es übrigens noch eine bequemere Möglichkeit: Heilige auf dem Bildschirm außer Reichweite lassen sich für einen kleinen Obolus direkt zu uns holen. Ein Schelm, wer da Böses denkt.

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Überall auf der Welt gibt es etwas zu tun – wenn es denn richtig angezeigt wird. Screenshot: Follow JC Go

Neben Brot, Wasser, Spiritualität und Heiligen finden sich gelegentlich auch Werbebanner auf der sonst recht kahlen Spielfläche. Mit Klick darauf können wir einen Werbefilm ansehen und dafür Ruhmespunkte bekommen. Eines der uns vorgeschlagenen Videos ist ganze sechs Minuten lang. Das belastet nicht nur die mobilen Daten, sondern auch die Nerven. Auch darüber, wofür die Ruhmespunkte nun gut sein sollen, schweigt das Game sich aus.

Nur ein Neustart hilft

Ein paar hundert Meter weiter bemerke ich das nächste Problem: Meine Karte ist leer, vollkommen leer. Es scheint, als mieden mich die Heiligen fortan. Nur bei meiner Begleiterin leuchtet es noch überall voll Brot und Wasser. Aber schon die englische Serie IT-Crowd hat uns gelehrt: Aus- und anschalten behebt fast jedes Computerproblem. So auch hier: Nach einem Neustart warten wieder zig fromme Menschen darauf, von mir eingesammelt zu werden.

Nur macht jetzt mein Akku schlapp – einen Kilometer von zuhause entfernt. Dieses Problem hatte schon das große Vorbild „Pokémon Go“, allerdings scheint das geistliche Äquivalent noch stromintensiver zu sein. Zum Glück hilft hier eine Powerbank aus. Wenn die Performance des Spiels dafür wenigstens überragend wäre, könnte ich den Stromhunger noch verstehen. Aber die App kommt in etwa so agil daher wie eine Oma samt Rollator.

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Mit der richtigen Antwort erhält man eine weitere Sammelfigur. Screenshot: Follow JC Go

Nach einer halben Stunde haben wir unser großes Ziel trotz allem erreicht: vor uns steht virtuell wie real eine katholische Kirche. Hochgespannt, was uns nun für Möglichkeiten offenstehen, klicken wir auf das sakrale Gebäude. Und erhalten eine einfache Infobox, die wir mit „Yes!“ oder „Close“ schließen können – mehr nicht. Keine Punkte gibt es für unseren Marsch zur Kirche, nicht einmal besonders viele Heilige für unser E-Team. Das ist enttäuschend.

Hier liegt wohl auch einer der größten Kritikpunkte am Spiel: Es gibt fernab vom Heiligensammeln schlichtweg nichts zu tun in „Follow JC Go“. Zwar wirbt das Spiel damit, bald Missionen implementiert zu haben. Begegnet sind die uns bisher aber nicht (mit Ausnahme der einen guten Tat zu Beginn). Wieso ich mir ein E-Team aufbauen soll, erschließt sich nicht so recht. Und so ist die App am Ende vor allem eines zu wenig: Spiel.

Wie Pokémon, nur ohne Kämpfe

Bei Pokémon Go liegt der Langzeitspaß auf der Hand: Später können Spieler die Monster gegeneinander antreten lassen. Bei „Follow JC Go“ wäre es natürlich sinnfrei, Bibelcharaktere und Geistliche gegeneinander kämpfen zu lassen. Dadurch fällt eine wichtige Komponente des Spiels weg.

Für Menschen, die partout nicht auf Monsterjagd gehen wollen, mag die kirchliche Alternative eine Option sein. Schließlich kann auch „Follow JC Go“ wie „Pokémon Go“ einen langweiligen Spaziergang versüßen. Für alle anderen wird das Spiel ein paar amüsante Stunden bieten, mehr aber auch nicht. Dafür ist es zu fehleranfällig, zu schlecht erklärt und bietet schlicht zu wenig Inhalt.

Dabei ist die Idee, religiöse Inhalte in die moderne Zeit zu übersetzen, gar nicht so verkehrt. Nur haben sich die Entwickler damit übernommen, dem Platzhirsch Konkurrenz machen zu wollen, statt etwas eigenes zu wagen.

3 DIREKT-KOMMENTARE

  1. So sinnlos die App auch sein mag: Ein bisschen weniger Sarkasmus hätte der evangelischen Glaubensschwester sicher nicht geschadet. Das fällt unter die Kategorie: unnötiges Katho-Bashing.

    • Lieber Herr Wannhoff,
      es tut mir sehr leid, wenn der Sarkasmus Sie verärgert haben sollte. Mit „Katho-Bashing“ sollte das allerdings wenig zu tun haben. Hätte die evangelische Kirche eine solche App herausgebracht, wäre ich wohl ebenso sarkastisch-kritisch gewesen.
      Das Ende meine ich allerdings durchaus ernst: Der Ansatz, mit Spielen zu evangelisieren, ist lobenswert. Nur die Art und Weise ist eben kritisch zu sehen.

      Beste Grüße
      der frei-evangelische Glaubensbruder Nathanael 😉

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