Sich eine Runde mit dem himmlischen Vater zu unterhalten, muss nicht heißen, dass jede Bitte erhört wird oder jeder Wunsch in Erfüllung geht. Da kann die Frage aufkommen – hört Gott mir überhaupt zu?

Von Andi Bachmann-Roth

Die meisten Menschen beten. Dann, wenn sich unlösbare Probleme vor ihnen auftürmen, wie Krankheiten oder Katastrophen. Manchmal geht es auch um Kleinigkeiten, wie einen Parkplatz oder gutes Wetter. Man erwartet nichts und wenn dann doch etwas passiert, ist die Freude groß. Ich bete seit ich denken kann – ein Leben ohne das Gespräch mit Gott kann ich mir gar nicht mehr vorstellen. Aber gerade, wenn man etwas schon länger tut, rücken manchmal unerwartet große Fragen ins Bewusstsein: Warum bete ich überhaupt? Rede ich hier mit einer Wand oder bringt das echt etwas?

Unerhört

Monika erfuhr während ihrer Schwangerschaft, dass sie Brustkrebs hat. Sie startete eine Chemotherapie und konnte den Krebs zurückdrängen. Ihr drittes Baby kam gesund auf die Welt. Unsere Freude über die erhörten Gebete und das neue Leben war groß. Als die Ärzte nach der Geburt die Untersuchungen intensivierten, stellten sie Krebsableger im ganzen Körper fest. Monika habe nur noch ein paar Monate, vielleicht ein paar Jahre, zu leben.

Szenenwechsel. Ich sitze in einem großen christlichen Jugendcamp am Boden und lausche, wie junge Menschen von ihren Gebetserhörungen berichten: Von zerstrittenen Geschwistern, die wieder zueinander fanden und Krankheiten, die geheilt wurden. Ich bin berührt davon, wie Gott Menschen innerlich und äußerlich berührt. Und gleichzeitig frage ich mich: Warum ist Gott so launisch? Wenn er eingreifen kann, warum tut er es dann nicht immer, dort wo es wirklich zählt – wie bei den Krebszellen in Monikas Körper. Warum stoppt er nicht den Orkan, der den Ärmsten das Wenige, was sie haben, auch noch entreißt? Was soll das mit dem Beten, wenn Gott uns zwar einen Parkplatz bescheren kann, aber Völkermorde nicht verhindert?

Nicht schweigen

„Gott, schweige doch nicht! Gott, bleib nicht so still und ruhig!“ (Psalm 83,2). „Wach auf, Herr! Warum schläfst du? Werde wach und verstoß uns nicht für immer!“ (Psalm 44,24). Ich lese diese Klagepsalmen und bin überrascht, wie zudringlich und schamlos die Psalmisten Gott alles an den Kopf werfen und vor Wut mit den Fäusten trommeln. Offenbar trauen sie Gott zu, dass er mit ihrer Trauer und Empörung umgehen kann. Und sie konfrontieren ihn mit ihrem Unverständnis: Warum lässt du das Böse gewähren? Wie Ringkämpfer streiten sie mit ihm. Und vielleicht ist das die beste von allen Reaktionen.

“Gebete voll Zorn und Frust zeugen von großem Glauben an einen guten Gott.“

Wer so kämpft, hat noch nicht aufgegeben. Denn nur wer an einen guten und allmächtigen Gott glaubt, ist empört über das, was auf der Welt offensichtlich falsch läuft. Das sollte uns aufhorchen lassen: Gebete voll Zorn und Frust zeugen von großem Glauben an einen guten Gott. Der Autor Philipe Yancey schreibt: „Schweigen ist schlimmer als Kämpfen. Bei einem Ringkampf hat man wenigstens Körperkontakt mit dem anderen.“ Also: Bleib um Himmels willen in Verbindung mit Gott. Nimm deine Fragen und mache daraus Gebete.

Wenn ich mit Gott im Gespräch bin, realisiere ich, dass mein Schmerz über die Krankheit von Monika nur ein Abklatsch von dem ist, was Gott über die Zerbrochenheit seiner Schöpfung empfinden muss. Ja, ich hätte manchmal gerne, dass er triumphierend eingreift – so wie damals am roten Meer (2. Mose 14) oder bei Elia auf dem Berg Karmel (1. Könige 18). Aber Gott hat sich für einen (für ihn wie für uns) schmaleren, dunkleren, mühsameren Weg der Erlösung entschieden. Einen Weg, auf dem er sich selbst dem Bösen stellt und es für uns mitträgt. Jesus erfuhr am eigenen Leib, wie es sich anfühlt, wenn man betet und keine Antwort bekommt (Matthäus 27,46). Wir sind einander näher als ich manchmal denke, Gott und ich.

Beten lernen

Trotzdem finde ich es schwer, beten zu lernen. Außerhalb der Bibel fehlen mir häufg die Vorbilder. Wenn ich mit Freunden bete, klingt das ganz anders als in den Psalmen. Wie Tobi Künkler und Tobi Faix in „Generation Lobpreis“ aufzeigen, scheint unsere Gebets- und Anbetungskultur nur ein beschränktes Spektrum an „heiligen“ Erfahrungen zu kennen. Wir formulieren Ergriffenheit, Hingabe, Dankbarkeit oder Staunen. Viele Erfahrungen, die uns als Menschen auch ausmachen, kommen hingegen gar nicht vor: Wut, Zweifel, sexuelles Verlangen oder Aggression. Kein Wunder, dass unser Gebetsleben so eintönig wird oder zur emotionalen Überforderung führt.

“Aber zum Glück geht es beim Beten eben nicht darum, bestimmte „fromme“ Gefühle zu produzieren, sondern darum, das vor Gott zu bringen, was wirklich in uns ist.“

Aber zum Glück geht es beim Beten eben nicht darum, bestimmte „fromme“ Gefühle zu produzieren, sondern darum, das vor Gott zu bringen, was wirklich in uns ist. Und gerade indem ich Gott meine dunklen Seiten hinhalte, vertieft sich die Beziehung zum himmlischen Vater. Gott braucht keine neuen Infos von mir, als liebender Vater interessiert er sich für mich. Darum geht’s beim Beten: um Beziehung. Und zwar keine Beziehung wie jede andere. Gott ist der Ursprung und die Quelle allen Lebens. Wenn wir beten, bleiben wir mit dieser Quelle verbunden, und dadurch selbst lebendig und frisch.

Aktiv werden

Noch mehr passiert, wenn ich mit Gott betend ins Gespräch komme. Während ich zum Beispiel um Frieden in meiner Familie bitte, höre ich, wie Christus mich einlädt, selbst ein Teil der Lösung zu werden. Beim Beten geht es eben nicht um spirituelle Wellness – darum, dass wir uns etwas besser fühlen. Die Begegnung mit Gott setzt eine Fliehkraft frei, die mich geradewegs in die Welt hinausschleudert. Ich komme mit meinen Anliegen zu Gott, und merke dann, wie Gottes Anliegen immer mehr zu meinen werden. Beten darf keine faule Ausrede sein, um nichts Konkretes tun zu müssen. Es spornt zum Handeln an und gibt uns die Kraft, in unserem Dienst an der Welt nicht auszubrennen oder zu verzweifeln.

„Warum beten?“, habe ich am Anfang gefragt. Weil gerade Menschen, die keine irdische Macht haben, mit ganzem Ernst glauben, dass Gebet ihnen Zugang zu einer höheren Kraft verschafft, schrieb Yancey. Weil Beten die Welt bewegt und verändert. Karl Barth sagte dazu: „Die Hände zum Gebet falten, ist der Beginn des Aufstandes gegen die Unordnung der Welt.


Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift Dran Next erschienen, die wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.

 

 

 

 

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