Der Begriff „Gender Mainstreaming“ wird häufig verwendet. Aber was genau verbirgt sich dahinter? Und wie hängen Gender Mainstreaming und die viel kritisierte Sexualpädagogik der Vielfalt zusammen? Eine Orientierungshilfe von Christoph Raedel.

Gender Mainstreaming – worum geht es da eigentlich? Sollen hier Geschlechtergerechtigkeit hergestellt, Geschlechterrollen austauschbar oder das Geschlecht gleich ganz abgeschafft werden? Wer diese Fragen klären möchte, muss zunächst das theoretische Wurzelgeflecht freilegen, das hinter Gender Mainstreaming steht.

Verschiedene Denkrichtungen

Denn hinter Gender Mainstreaming steht nicht ein einziger, in sich widerspruchsfreier Theorieansatz. Die Vorstellungen, was mit Gender Mainstreaming erreicht werden soll, speisen sich aus verschiedenen feministischen Denkrichtungen. Als Erstes ist der Differenzfeminismus zu nennen. Er stellt fest, dass in unserer Gesellschaft die Logik männlicher Ökonomie vorherrscht: Wertvoll ist, eine bezahlte Leistung zu erbringen und sich für dieses Geld etwas leisten zu können. Die für den Einzelnen und die Gesellschaft bedeutsame, aber unbezahlte Arbeit tritt dahinter zurück. Damit werden zum Beispiel Arbeiten rund um Schwangerschaft, Geburt und Fürsorge für Kinder quasi „unsichtbar“ gemacht. Weil diese Arbeiten aber überwiegend von Frauen erbracht werden, werden damit Frauen zurückgesetzt. Deshalb fordert der Differenzfeminismus eine Berücksichtigung der besonderen Bedürfnisse von Frauen und die Wertschätzung dessen, was sie leisten.

Die Grundüberzeugung des Gleichheitsfeminismus, der ab der Mitte des 20. Jahrhunderts zur vorherrschenden Strömung des Feminismus wurde, lässt sich mit einem Zitat von Simone de Beauvoir (1908-1986) auf den Punkt bringen: „Man wird nicht als Frau geboren, Frau wird man.“ Sie will damit sagen, dass Frausein kein biologisches Schicksal ist, sondern das Ergebnis davon, dass Frauen sich ihre Geschlechterrolle von den Männern vorgeben lassen. De Beauvoir identifiziert die bürgerliche Ehe als eine patriarchale Institution und ruft die Frauen auf, sich von ihr zu befreien. Dazu sei es notwendig, als Frau durch die eigene Erwerbstätigkeit wirtschaftlich unabhängig zu sein und am besten auf Kinder zu verzichten. In Deutschland ist der Gleichheitsfeminismus vor allem durch Alice Schwarzer (* 1942) bekannt geworden. Sie leugnet nicht die biologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau. Doch werde dieser „kleine Unterschied“ erst durch das Machtgefälle zwischen Männern und Frauen wirksam, das alle Gesellschaftsbereiche durchzieht. Frau zu sein heiße, sich als Opfer männlicher Unterdrückung zu erleben. Stereotype Rollenzuschreibungen und Aufgabenverteilungen dienten dazu, die Herrschaft des Mannes über die Frau zu befestigen. Schwarzer setzt sich für die Befreiung der Frauen von der „Pflicht zur Mutterschaft“ ein. Männer und Frauen sollten in allen Bereichen gleichgestellt werden, von daher auch das Dringen auf eine geschlechtergerechte Sprache und auf Frauenquoten für Führungspositionen.

Die geschichtlich jüngste und zugleich radikalste Strömung des Feminismus ist der Konstruktivismus, für den Judith Butler (* 1956) eine einflussreiche Ideengeberin ist. Auch sie bestreitet nicht, dass es einen biologischen Geschlechtskörper gibt. Sie betont aber, dass unsere Sprache im Sinne der zweigeschlechtlichen „Zwangsheterosexualität“ codiert sei. Nicht die Biologie teile die Wirklichkeit in zwei Geschlechter, wir Menschen seien es. Sprache beschreibe die Wirklichkeit nicht, sondern erzeuge sie erst (durch Vornamen, Geschlechtereintrag, Kleiderordnung etc.). Ist das Geschlecht („Gender“) aber eine soziale Konstruktion, die gewählt und gewechselt werden könne, dann gebe es keine Geschlechternorm mehr, die in männlich und weiblich aufgeteilt ist. Sondern es gebe eine Vielfalt von Geschlechtsidentitäten. Diese These von der Vielfalt soll sexuelle Minderheiten sichtbar machen, die sonst als unnormal oder krank abgewertet würden.

Unstimmigkeiten

Zwischen diesen drei Gruppen findet seit Jahrzehnten eine lebhafte theoretische Diskussion statt. Eigentlich lassen sich diese Widersprüche auch nicht in ein schlüssiges Handlungskonzept überführen: Wird die Gleichstellung der Geschlechter an der Quote erwerbstätiger Frauen gemessen, dann bedeutet dies eine Abwertung von unbezahlten Betreuungsleistungen. Sollen Frauenquoten den Anteil weiblicher Führungskräfte sichern, dann stellt sich die Frage, warum bei einer Vielfalt von Geschlechtsidentitäten Männer und Frauen diese Posten unter sich aufteilen dürfen. Sollen Frauen vor sexueller Gewalt geschützt werden, die überwiegend von Männern ausgeht, werden Stereotype befestigt, die doch überwunden werden sollen.

Ungeachtet dieser Unstimmigkeiten treiben feministische Gruppen Gender Mainstreaming auf je eigene Weise voran. Dabei bleibt das Verständnis von „Gender“ unscharf. Die Stoßrichtung ist dennoch deutlich: Stereotype Rollenzuschreibungen für das, was als männlich oder weiblich gilt, sollen überwunden werden. Dazu muss sowohl bei Männern als auch bei Frauen angesetzt werden: Die Hausarbeit soll so umverteilt werden, dass Männer und Frauen sie zu gleichen Teilen erledigen. Und Frauen sollen im gleichen Maß wie Männer Führungspositionen einnehmen. Gegenüber der frühen Frauenrechtsbewegung des ausgehenden 19. Jahrhunderts haben sich die Leitvorstellungen verschoben: Ging es ursprünglich um Chancengleichheit, so soll jetzt eine Ergebnisgleichheit hergestellt werden. Weil die Bürger aber, was Hausarbeit und Berufsentscheidungen angeht, mehrheitlich recht traditionell agieren, müsse der Staat lenkend in den Bereich der persönlichen Lebensführung eingreifen.

Wer profitiert?

Natürlich können (Ehe-) Partner auch weiterhin untereinander aushandeln, wie sie die Aufgaben verteilen. Sie müssen nur einrechnen, welchen Preis sie für ihre Entscheidung zu zahlen bereit sind, wenn zum Beispiel ein Partner auf Erwerbstätigkeit verzichtet. Das vor einigen Jahren geänderte Unterhaltsrecht stärkt nicht die Verantwortung der Ehepartner füreinander auch über eine Scheidung hinaus, sondern folgt dem Grundsatz der Eigenverantwortung. Das Elterngeld privilegiert – im Unterschied zum früheren Erziehungsgeld – eindeutig Doppel-Verdiener-Paare. Und mit hohen Millionenträgen subventioniert wird allein die Fremdbetreuung des Kleinkindes in der Kita.

Geschlechtergleichtheit (Foto: thinkstock)

Diese Regelungen kommen vor allem den wenigen gut verdienenden, zumeist kinderlosen Frauen zugute, während der Lebensentwurf „Hausfrau“ zum wirtschaftlichen Risiko wird. Und der Versuch, Familie und Erwerbstätigkeit zu vereinbaren, wird schnell zum Drahtseilakt. Paradoxerweise profitieren eher Männer von den Zielvorgaben des Gender Mainstreaming. Zwar verstehen sich Väter weiterhin fast ausnahmslos als „Ernährer“ der Familie, doch haben viele Interesse daran gefunden, mehr Zeit mit der Familie zu verbringen. Das bedeutet allerdings nicht, dass sie sich zu einem höheren Anteil an der Hausarbeit beteiligen. Die größte Umverteilung der Hausarbeit findet seit Jahrzehnten nicht von Frauen zu Männern, sondern von gutverdienenden zu schlechtverdienen Frauen – nämlich Putzfrauen – statt. Frauenquoten in Top-Positionen helfen den etwa 11 Prozent Frauen, die sich selbst als erwerbs- und aufstiegsorientiert bezeichnen. Sie kommen an Hochschulen und in Unternehmen in den Genuss von Förderprogrammen. Die Frauen, die Familie und Beruf vereinbaren (63 Prozent) oder gerne mit den Kindern zu Hause bleiben möchten (26 Prozent), bekommen dagegen zu spüren, dass sie hinter dem Leitbild des Doppel-Verdiener-Paares zurückbleiben. Sie schultern häufig eine oder mehrere Teilzeittätigkeiten und tragen die Hauptlast der Familienarbeit. Sehr viele übrigens nicht, weil sie diese Mehrfachbeanspruchung wünschen, sondern weil die seit Jahrzehnten sinkenden Realeinkommen beide Partner zwingen, zum Einkommen beitragen, um einen bestimmten Lebensstandard zu halten.

Halten wir fest: Gender Mainstreaming formuliert als Anspruch, die Bedürfnisse von Männern und Frauen in gleicher Weise zu berücksichtigen. Die Idee als solche könnte zu mehr Gerechtigkeit für Frauen und Männer führen. Das Problem liegt darin, dass das Ergebnis im Blick auf die Verteilung von Hausarbeit und Führungsaufgaben schon vorab fest steht: Frauen und Männer sollen in gleichen Teilen sowohl an Hausarbeit als auch an Führungsaufgaben beteiligt sein. Weil Frauen und Männer ihr Leben mehrheitlich aber nicht in diesem Sinn gestalten, bedeutet die verordnete Ergebnisgleichheit nicht Freiheitsgewinn. Sie bedeutet stattdessen den Verlust an echter Wahlfreiheit. Gar keine Wahl haben dabei die Kinder, deren Bedürfnis nach verlässlicher Elternbindung und gemeinsamer Zeit ausgeblendet wird.

Sexuelle Vielfalt

Für viele Christen verbindet sich Gender Mainstreaming mit der Forderung nach Toleranz und Akzeptanz sexueller Vielfalt. An den vorangehenden Ausführungen sollte deutlich geworden sein, dass es nicht richtig ist, Gender Mainstreaming mit diesem Ansatz zu identifizieren. Dafür ist in Bezug auf Gender Mainstreaming viel zu viel von Männern und Frauen die Rede. Dennoch gibt es einen Zusammenhang. So versteht Uwe Sielert seine „Sexualpädagogik der Vielfalt“ als eine weitere Stufe von Gender Mainstreaming. Und im europäischen Parlament werden Anträge zur Förderung der Akzeptanz von sexueller Vielfalt aus taktischen Gründen mit Gender Mainstreaming verbunden.

Worum geht es in den Diskussionen, die sich vor allem um die Bildungspläne der Länder drehen? Die immer mehr Bildungsplänen zugrunde liegende Sexualpädagogik der Vielfalt ist letztlich eine Radikalisierung von Gender Mainstreaming im Sinne des oben erläuterten Konstruktivismus. Gender Mainstreaming soll sich danach nicht länger auf die Gleichstellung von Mann und Frau konzentrieren, sondern dafür sensibilisieren, dass es nicht zwei, sondern unendlich viele Geschlechtsidentitäten gebe. Die Perspektive von Norm und Abweichung soll aufgegeben werden. Nur so könne Homophobie und die Diskriminierung von sexuellen Minderheiten überwunden werden. Weil die natürliche Fruchtbarkeit allerdings das Alleinstellungsmerkmal der heterosexuellen Partnerschaft bleibt, müssen Sexualität und Fortpflanzung voneinander getrennt werden. Das allen Spielarten von Sexualität gemeinsame Lusterleben soll in den Vordergrund gestellt werden. Die natürliche Ehe und Familie und die ihnen zugrunde liegende Heterosexualität dürften nur als eine Lebensform unter vielen möglichen präsentiert werden.

Vordergründige Akzeptanz

Problematisch ist dieser Ansatz sowohl im Grundsatz wie in der methodischen Praxis. Was vordergründig als Akzeptanz beworben wird, ist die im Kern totalitäre Forderung, auf allgemeingültige Werte zu verzichten. Akzeptanz verdienen nach Meinung der Vertreter dieses Ansatzes nur die Überzeugungen, die alle Spielarten von Sexualität gleichachten und gutheißen. Wer sich dieser Überzeugung verweigert, dem wird die Achtung entzogen. Als diskriminierend gelten im Konzept der sexuellen Vielfalt alle Äußerungen, in denen irgendein Vorrang der natürlichen Ehe und Familie behauptet wird.

An der Sexualpädagogik der Vielfalt wird zu Recht das bewusste Einreißen von kindlichen Schamgrenzen kritisiert. Auch die gewollte Emotionalisierung und Erotisierung der Unterrichtssituation ist problematisch. Wenn das Kind oder der Jugendliche die Inszenierung dieser Form von Sexualerziehung als Übergriff empfindet, kann er sich doch dieser „Zwangsveranstaltung“ nicht entziehen, denn es herrscht Schulpflicht.

Fazit: Für eine differenzierte Bewertung muss man unterscheiden zwischen Gender Mainstreaming und dessen Radikalisierungsformen. Gender Mainstreaming selbst kann durchaus dazu beitragen, Geschlechterstereotype kritisch zu reflektieren. Biologische Geschlechtsanlage und soziale Prägungen sind kein Gegensatz, sondern greifen ineinander. Aufgrund dieser Kombination ist jeder Mensch einzigartig, weshalb eine mit Quoten festgelegte Ergebnisgleichheit kein Ziel politischer Maßnahmen sein kann. Die Forderung nach Akzeptanz sexueller Vielfalt erweist sich darüber hinaus als Angriff auf fundamentale Freiheitsrechte und leistet Übergriffen auf Heranwachsende Vorschub. Dem durch Widerstand vorzubeugen, sollte Eltern, Schulen und Gemeinden ein Anliegen sein.

Christoph Raedel

Dr. Christoph Raedel ist Professor für Systematische Theologie an der Freien Theologischen Hochschule Gießen sowie Direktor des dortigen Instituts für Ethik und Werte. Er ist verheiratet und Vater von vier Kindern.

3 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Wo ist denn Erotisierung von Unterrichtssituationen gewollt, und was genau ist damit gemeint? Das klingt für mich nach einem sehr unanständigen unwahren Vorwurf, aber ich bin weiß Gott kein Experte für Bildungspolitik. Gibts dafür klare Belege?

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