Die Predigt mit einem Gebet zu verbinden, ist oft sehr passend, denn gute Predigten wollen nicht nur informieren, sondern mit Gott in Kontakt bringen. Allerdings hat es auch seine Tücken, wenn Verkündiger beten.
Von Dr. Ulrich Wendel
In den verschiedenen Konfessionen werden unterschiedliche Gebetsformen geschätzt. Das frei formulierte Gebet steht hoch im Kurs bei freikirchlichen, pfingstlichen, evangelikalen und pietistischen Glaubenden wie auch bei solchen aus der Brüderbewegung. In freikirchlichen Gottesdiensten kommt es also nicht selten vor, dass ein Verkündiger oder eine Predigerin die Predigt mit einem freien Gebet beginnt oder abschließt. Ich selbst habe das in meiner aktiven Zeit als Gemeindepastor auch so gemacht.
Im Rahmen dieser Rolle, aber auch als aufmerksamer Predigthörer, ist mir dabei eine Sache aufgefallen. Ich benenne sie mit allem Respekt und in dem Wissen, dass es oft nicht gut ist, Gebete zu beurteilen. Gebet ist etwas Persönliches, manchmal gar Intimes. Andererseits ist Predigt per Definition eine öffentliche Rede – und das damit verbundene Gebet ist es auch. Daher nehme ich mir die Freiheit, meine Beobachtung anzusprechen: Gott ist nicht der Adressat.
Misslungener Rollenwechsel
Es gelingt nach einer Predigt oft nicht, die Rede-Richtung und die Tonalität zu ändern. Predigten richten sich naturgemäß an die Gemeinde, an die Hörerschaft. Sie wollen ermutigen, überzeugen, motivieren, gewinnen, nachdenklich machen und vieles mehr. Die Tonalität entspricht mehr oder weniger dem Ziel: werbend, eindringlich, meditativ, appellativ … Meine Beobachtung ist nun, dass viele Predigende in ihrem Anschluss-Gebet diese Tonalität beibehalten. Vermutlich unwillkürlich. Und implizit wird auch die Rede-Richtung beibehalten. Damit meine ich: Dinge werden erklärt, zusammengefasst, der Zweck des Zusammenseins wird benannt, Argumente werden wiederholt. Alles Dinge, die man Gott nicht sagen müsste – sie sind ihm bekannt. Die Art des Gebets signalisiert: Offenbar ist Gott doch nicht der eigentliche Adressat. Nicht immer ist es so, dass echte Bitten an Gott gerichtet werden oder dass ein echter Dank an ihn ausgesprochen wird. Häufiger erlebe ich Dankgebete nach diesem Muster: „Wir danken dir, dass …“ – und dann folgen Sachverhalte, die man der Hörerschaft bereits gesagt hat oder die man ihr sagen will.
Ich bin weit entfernt davon, das zu verurteilen. Es passiert einfach, unwillkürlich. Es liegt meist nicht am Unvermögen derer, die verkündigen, sondern an der Rolle. Die Rolle zu wechseln, vom Redner zum Beter, von der Predigerin zur Beterin, das gelingt oft nicht. Es gelingt jedenfalls nicht von selbst. Und es gelingt nicht, wenn man diesen Rollenwechsel nicht bewusst als Aufgabe definiert. Beten wir nach unserer Predigt spontan und frei formulierend, dann ist es doch so, dass wir einfach noch „in Fahrt“ sind und in die einmal eingeschlagene Richtung „weiterfahren“.
Die Art des Gebets signalisiert: Offenbar ist Gott doch nicht der eigentliche Adressat.
Dr.Ulrich Wendel
Diese Beobachtung mache ich übrigens nicht nur in Gottesdiensten und bei Andachten, sondern auch bei Teamsitzungen im kirchlichen Sektor. Unbestritten ist es sehr angebracht zu beten – vor, in und nach Meetings. Aber wenn die- oder derjenige, die/der die Sitzung leitet, dann auch noch das Gebet spricht, dann ist es oft zu schwer, die Leitungsrolle abzustreifen und die Beter-Rolle einzunehmen. Das Ergebnis sind wiederum Gebete, die eigentlich Appelle oder Motivationsreden sind: „Herr, wir bitten dich, dass …“ – und es folgen die Tagesordnungspunkte. Hinter diesen stecken wichtige Themen, und die sind ja tatsächlich oft identisch mit Gebetsanliegen. Aber Sitzungsgebete bewegen sich nach meinem Eindruck oft im Fahrwasser der Sitzungsleitung. Das macht es auch den Teilnehmenden schwerer, aus ganzem Herzen mitzubeten, wenn sie – in Inhalt und Tonalität – erneut das hören, was die leitende Person zuvor schon dreißig Minuten lang der Gruppe zu vermitteln versucht hat.
Vielleicht ist das Gebet zu kostbar und in gewisser Weise auch zu heilig, um es zum verlängerten Arm der Verkündigung oder der Sitzungsziele zu machen. Vielleicht nutzt es sich ab und die Glaubwürdigkeit der Predigenden als „Menschen vor Gott“ schwindet, wenn die Gemeinde oder das Team den Eindruck bekommt: Das Gebet dient demselben Zweck wie der Wortbeitrag vorher oder nachher.
Loslassen hat seinen Preis
Was könnte helfen? Zwei sehr einfache Schritte. Entweder man entscheidet sich als Verkündiger oder Sitzungsleiterin konsequent dafür, die betreffenden Gebete nicht selbst zu sprechen, sondern jemand anderes damit zu betrauen. (Ja, als Prediger gibt man dann etwas aus der Hand. Wer weiß, ob die Person, die anschließend betet, die Stoßrichtung des Predigers richtig erfasst hat? Oder die Zielgerade etwa ein wenig abbiegt oder „zu viele“ eigene Akzente setzt? Aber Loslassen kostet etwas, und der Gewinn – die Glaubwürdigkeit des Gebets – hat seinen Preis.) Oder man bereitet sein Gebet schriftlich vor und trägt den zuvor entworfenen Wortlaut vor. In der Vorbereitung kann man sich besser Rechenschaft darüber ablegen, ob es ein „echtes“ Gebet ist, das sich wirklich an Gott richtet und die Gemeinde (das Team) zu Gott hin mitnimmt anstatt zu den Absichten des Redners (des Leiters).
Unterm Strich ist die Verbindung von Verkündigung und Gebet – ebenso wie die Verbindung von Kirchen-Meetings und Beten – ausgesprochen sinnvoll. Unaufgebbar. Gerade weil das Gebet so kostbar ist, sollten wir alles dafür tun, seine Heiligkeit zu belassen und es vor vordergründigen Zwecksetzungen zu schützen.
Dr. Ulrich Wendel ist leitender Redakteur der Zeitschriften Faszination Bibel und sela. Das Gebetsmagazin. Er bloggt regelmäßig zum Thema Gebet im sela.blog, wo dieser Beitrag auch zuerst erschienen ist.

Eine Predigt , einen GD mit einem Segensgebet abzuschließen ist eine gute Alternative welche ich oft erlebt habe.
Es kommt schon mal vor das mich eine Predigt nicht anspricht aber ein Segen sehr wohl . Dann kann ich trotzdem gestärkt weiter gehen.
Ich sehe im Geschilderten überhaupt kein Problem. Gott empfängt doch ein Gebet nicht wie einen Brief oder eine E-Mail. Und ich glaube auch nicht, dass ihn Gebete stören, die etwas textlastig sind. Ich denke, bei Gott kommt das an, was wir bei dem Gebet im Herzen gesagt haben.
Bei der Überschrift dachte ich erst an Gebete zu Maria oder Heiligen. Das ist ja für Protestanten nicht so einfach.
Ich finde eher manipulative Gebete oder Fürbitten schlimm.
Ich habe selbst mal erlebt, wie eine Hauskreisleitung meinte, laut beten zu müssen: Lass alle hier die Wahrheit in meinen Aussagen und ihren Irrtum erkennen.
Gebet muss immer ehrlich sein
Antwort an Chey: Einerseits bin ich fest davon überzeugt, dass alles was wir/ich Gott im Gebet berichte, ihm bereits bekannt ist. Gebet hat demnach eigentlich niemals die Funktion, etwa eine Predigt zusammen zu fassen, eher Gott um etwas zu bitten, aber
gleichsam bekommt man da auch in das oft bestehende Problem, dass Dinge benannt werden, die jede/r weiß und wovon wir überzeugt sind sie würden sich nie ändern. Bekannt ist das Gebet für Frieden. Will man Frieden, wollen Politiker/innen ihn, dann muss man gleichsam auch mehr dafür tun, etwa mit Diplomatie. Am schlimmsten und am wenigstens in gutem Sinne fromm ist das Ökumenische Gebet mit der Bitte, etwa um das gemeinsame Abendmahl und damit ein zentrales Defizit, eigentlich ein Skandal. Dies wird noch zugespitzt in jener Tatsache, dass es Gott möglicherweise nicht ernstnimmt wenn man genau weiß, es auch dogmatischen Gründen erstens nicht ändern zu wollen und es zweitens auch nicht zu können. Katholisches Kirchenrecht zu ändern ist eine annähernd unmögliche Angelegenheit, die Verrechtung des Gebetes gleichfalls. Ehrlichkeit gehört stets zum persönlichen Gebet. Gott hat alle meine Gebete erhört, aber bei weitem nicht immer meinen Willen erfüllt. Es hätte mir niemals
gutgetan. Aber ich glaube zuversichtlich daran, dass uns Gott keinen Stein gibt, wenn wir ihn (sinnbildlich) um ein Stück Brot bitten.
Ich verstehe nicht, was dein post mit meinem Beitrag zu tun hat. Ich sehe da keinen inhaltlichen Bezug.
Hallo Chey, war dieser eine Satz an mich gerichtet??. Meine Antwort bezog sich darauf. Du findest eher dort die manipulierten Gebete schlimm, darauf habe ich geantwortet, dass das Gebet ehrlich sein soll. Logisch ist dann meine Aussage, dass ich meine für Dinge zu beten die alleine Gott tun soll, aber für die wir uns als Menschen einsetzen können/müssen, ist dies Gott gegenüber nicht ehrlich. Das war ja keine Kritik oder Gegenmeinung zu deiner, eher im Gegenteil. Ich will aber gerne versuchen, mich dem Ideal der kürzeren Texte anzunähern und meine (durchaus bestehende Kunst) um zwei oder drei Ecken zu denken) für andere manchmal schwierig sein könnte. Aber alles was wir hier diskutieren ist ja nicht normalerweise 1+1 zusammen zu zählen. Theologie und Glaube ist oft abstrakt und eine große Leistung, dies auf die Ebene des Konkreten herunterzubrechen. Aber ich bemühe mich.
Jedes wahre Gebet richtet sich direkt an Gott.
Sonst kann man es bleiben lassen oder anders nennen.
Aber gemeinschaftliche Gebete mit anderen Menschen sind natürlich AUCH für andere Menschen, damit man sich Einsmachen kann in Anbetung, Dank, Schuldbekenntnis, Bitten und Fürbitten usw.
Damit die Gemeinde als Leib Christi auferbaut wird!!!
Liebe Grüße
Aku
Hallo Aku: Meine Gebete richten sich immer an Gott und eigentlich kann/darf/soll ich ihm alles sagen können, da er es sowieso weiß. Man darf Gott sogar kritisieren, denn auch Kritik (sogar an Gott) ist nicht verboten, sondern in einer Gemeinschaft mit Gott nicht ohne Ehrfurcht. Auch das Ringen mit Gott (bildlich gesprochen), wenn ich ihn dringend um etwas bitte, auch wenn es eine sehr menschliche Bitte ist. Da sehe ich in unserem Schöpfer eher den besten Vater und die beste Mutter im Universum, dem ich auch alles sagen darf, eher viel mehr als jedem Menschen. Wenn meine Gedanken vor ihm offen sind wie ein geöffnetes Buch macht es keinen Sinn, mit ihm diplomatisch zu verkehren und nur zu denken und zu beten, was ihm gefallen könnte. Dies nämlich wüsste er auch. Er kennt meine geheimsten Gedanken und ich mache mir keine Illusionen, dass die immer gut und reinlich sind.