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Christi Himmelfahrt ist keine Nebensache!

Die Serie zum Apostolischen Glaubensbekenntnis (Teil 8)

Die Himmelfahrt von Jesus hat für viele Christen keine besondere Bedeutung. Doch sie macht die Realität der unsichtbaren Welt verständlicher.

Von Wolfgang Kraska

„Ich glaube an Jesus Christus, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes.“

Aus dem Apostolischen Glaubensbekenntnis
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Auf das Fest „Christi Himmelfahrt“ möchte so schnell niemand verzichten. Aber so richtig anfangen kann mit dem Feiertag wohl auch kaum jemand etwas. Das gilt auch für Christen. Aus meiner Dienstzeit als Pastor weiß ich, dass Gottesdienste an diesem Tag sehr schlecht besucht waren – sofern sie überhaupt stattfanden.

Ziemlich wenig in der Bibel

Auch im Neuen Testament führt die Himmelfahrt Christi ein Schattendasein. Matthäus und Johannes erwähnen sie in ihren Evangelien gar nicht, und auch in den Briefen der Apostel wird darüber kein Wort verloren. Im Markusevangelium gibt es mit Kapitel 16,9–20 einen nachträglich angefügten Schlussteil, der in den ältesten Handschriften nicht vorhanden ist. Dort wird in Vers 19 sehr knapp gesagt: „Nachdem Jesus, der Herr, zu ihnen gesprochen hatte, wurde er in den Himmel hinaufgehoben und setzte sich auf den Ehrenplatz an die rechte Seite Gottes.“ Vermutlich hat der Autor des Evangelium-Abschlusses es als wichtige, fehlende Aussage verstanden, die es unbedingt noch nachzutragen galt.

Auch Lukas nennt am Ende seines Evangeliums nur knapp die Tatsache der Himmelfahrt (Lukas 24,51). Ohne die Apostelgeschichte wäre sie nur eine kleine, ergänzende Notiz zu Ostern. Ein ganz anderes Gewicht bekommt sie allerdings dort in Kapitel 1. Nur hier erfahren wir außerdem von einer 40-tägigen Intensivschulung der Jünger zwischen Ostern und Himmelfahrt. Sie dient der Vorbereitung der Apostel auf ihren zukünftigen, eigenverantwortlichen Dienst am Reich Gottes.

Anschließend lesen wir (Vers 9–11): „Nicht lange nachdem er das gesagt hatte, wurde er vor ihren Augen in den Himmel aufgehoben und verschwand in einer Wolke. Während sie ihm nachschauten, standen plötzlich zwei weiß gekleidete Männer bei ihnen. Sie sagten: Männer aus Galiläa, warum steht ihr hier und starrt zum Himmel? Jesus ist von euch fort in den Himmel geholt worden. Eines Tages wird er genauso wiederkommen, wie ihr ihn habt fortgehen sehen!’“

Drei wichtige Folgen

Die Jünger, die – wen wundert es – fassungslos in den Himmel starren, werden auf die Erde zurückgeholt. Dementsprechend bleiben sie nicht lange in ihrer Erstarrung, sondern machen sich auf den Weg nach Jerusalem, um mit der Alltagsarbeit zu beginnen. Sie sollen keine Träumer sein, die in seliger Erinnerung Jesus hinterherschauen. Genauso wenig wie wir heute. Darin besteht die erste wichtige Bedeutung der Himmelfahrt: Jetzt wird es konkret. Jetzt sind die Jünger dran.

Zweitens wird das Entschwinden von Jesus mit seiner Rückkehr in den Himmel gleichgesetzt, wo er sich laut Markus 16,19 zur Rechten Gottes setzt. Dort sieht ihn laut Apostelgeschichte 7,55f auch Stefanus bei seiner Steinigung in einer Vision stehen. Der Himmel, so sagt es Jesus in den ersten Worten des Vater-Unser-Gebetes (Matthäus 6,9–10), ist der Bereich, der ganz und gar von der Gegenwart Gottes geprägt ist: Gott „wohnt“ dort, sein Name wird dort geheiligt, sein Wille geschieht dort – kurzum: Dort ist das vollkommene Reich Gottes, auf das wir so sehnlich warten. Von dort ist Jesus auf die Erde gekommen, und dahin ist er nun wieder zurückgekehrt.

Drittens wird die Himmelfahrt Jesu mit seiner Wiederkehr am Ende der Zeit verknüpft. Das wird uns im nächsten Teil dieser Reihe näher beschäftigen. Zunächst aber wollen wir klären, wie man sich die Vorgänge bei der Himmelfahrt Christi vorzustellen hat.

Der Himmel ist nicht oben

Für manche ist die Frage schnell abgehakt, und sie erklären den Bericht des Lukas für einen klassischen Mythos, wie es ihn auch in anderen Kulturen, ja durchaus auch im Alten Testament gebe (Elias’ Himmelfahrt, 2. Könige 2,11). Außerdem sei hier ja mit Händen zu greifen, dass das antike, dreistöckige Weltbild die Denkvoraussetzung der Erzählung sei. Beides ist unbestreitbar richtig. Selbstverständlich konnten die Apostel ihr Erleben nur im Rahmen dieser ihrer Denkvorstellungen deuten und berichten. Aber ist damit denn der Gehalt der Aussage auch widerlegt?

Der deutsche Theologe Karl Heim (1874–1958) hat einen Deutungsansatz entwickelt, den ich sehr überzeugend finde. Bei mir hat er zu folgender Sicht geführt: Himmel und Erde, Diesseits und Jenseits, Sichtbares und Unsichtbares sind miteinander verwobene Wirklichkeiten. Sie sind nicht etwa bestimmbare, physische Räume und schon gar nicht „oben“ und „unten“ zu verorten. Vielmehr ist beides immer gleichzeitig vorhanden, auch wenn wir Menschen nur den sichtbaren, materiellen Teil wahrnehmen können. Die Himmelfahrt Christi bedeutet nun, dass Jesus vom Diesseits ins Jenseits zurückgekehrt ist. Das Entscheidende daran ist aber, dass Jesus nach seiner Himmelfahrt in beiden Wirklichkeiten gleichzeitig zugegen ist und sich deshalb auch im Diesseits immer wieder zeigt und erlebt wird.

Dabei läuft der „Vorgang“ aus menschlicher Sicht deutlich anders ab als beim „Hinweg“, der übernatürlichen Empfängnis durch Maria. In beiden Fällen bleibt es für uns Menschen ein unlösbares Geheimnis, was beim Grenzüberschritt jeweils genau geschehen ist. Deshalb ist die Wolke, die Jesus den Blicken der Jünger entzieht, auch alles andere als eine Art Raumschiff, mit dem er die Erde verlässt. Wer schon einmal in den Bergen in eine Nebelwolke hineingewandert ist, kann erahnen, was da vor sich gegangen sein mag: Das Bild wird immer unschärfer, bis man gar nichts mehr erkennen kann.

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„Zur Rechten Gottes“?

Entsprechend dem bisher Gesagten ist auch das Sitzen zur Rechten Gottes nicht räumlich und materiell zu verstehen. Die Begrifflichkeit greift die Situation antiker Herrschaft auf, bei der neben dem König eine Art Geschäftsführer sitzt, der als Bevollmächtigter die Regierungsgeschäfte führt. Es geht also um die Aussage, dass diese Welt nicht sich selbst überlassen ist, sondern dass Gott sie vom Himmel aus gemeinsam mit Jesus regiert. Dabei geht es um die reale, wenn auch verborgene Gegenwart Jesu und sein Handeln im Leben seiner Leute. Gott ist gegenwärtig, und er sitzt nicht irgendwo weit entfernt von unserer Welt in einem Thronsaal. Das dürfen wir nicht vergessen, auch wenn wir in unseren Lobpreisliedern gerne davon singen, wie wir vor den Thron Gottes treten.

Ist so ein Lied dann nicht nur fromme Fantasterei? – Nein, keineswegs! Denn es gilt und ist wahr, auch wenn es materiell keinen solchen Thron gibt. Aber wir brauchen ja doch eine diesseitige Vorstellung und ein Gefühl für die unsichtbare Welt Gottes. Und es hilft uns, im Dschungel unserer Tage nicht unterzugehen und nur noch die bedrohliche Welt und das Agieren weltlicher Machthaber zu sehen. Denn der Lobpreis der Königsherrschaft Jesu vernebelt die Wirklichkeit nicht etwa, sondern macht sie vielmehr transparent für Gottes Realität mitten in ihr. Wohl aus diesem Grund fordert uns auch der Hebräerbrief auf: „Lasst uns deshalb zuversichtlich vor den Thron unseres gnädigen Gottes treten. Dort werden wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden, die uns helfen wird, wenn wir sie brauchen.“ (Hebräer 4,16).

So erleben wir das Reich Gottes

Die Himmelfahrt Christi hat für uns eine enorme Bedeutung. Die Grundlage unseres gesamten Glaubenslebens in dieser Welt wird in dem Satz des Credo benannt: „Aufgefahren in den Himmel, er sitzt zur Rechten Gottes.“ Nur aus diesem Grund und nur in dieser Weise können wir im Hier und Jetzt das Reich Gottes erleben. Da ist einerseits die uns fremde Jenseitigkeit von Jesus. Er ist eben nicht mehr bei uns auf der Erde, sondern in den Himmel zurückgekehrt. Gleichzeitig ist er keineswegs fern von uns und unseren Themen.

Deshalb machen wir immer wieder Erfahrungen mit dem unsichtbaren Jesus Christus, in denen wir seine Nähe, Liebe und Macht spüren. Die Macht, wirklich und wirksam in unsere Welt einzugreifen, hat er, weil er zur Rechten Gottes sitzt. Unsichtbar und doch sehr real nimmt Jesus an unserem persönlichen Ergehen, dem Wirken seiner Gemeinde und den Ereignissen dieser Welt Anteil. Genau dieses Miteinander der beiden Aspekte hatte er seinen Jüngern kurz vor seiner Himmelfahrt zugesprochen: „Jesus kam und sagte zu seinen Jüngern: ‚Mir ist alle Macht im Himmel und auf der Erde gegeben. … Ich bin immer bei euch bis ans Ende der Zeit.’“ (Matthäus 28,18.20). Das ist unsere Situation nach der Himmelfahrt Christi, und das ist zugleich die Beschreibung des angebrochenen Reiches Gottes, das bereits mitten unter uns ist.

Viel Grund zum Feiern

Wir können den jenseitigen und gleichzeitig hier präsenten Christus niemals angemessen beschreiben. Deshalb brauchen wir diesseitige Vorstellungen, wie sie mit Christi Himmelfahrt verbunden sind. Sie dürfen und sollen durchaus auch emotional in uns etwas auslösen, wie etwa Freude, Dankbarkeit und Zuversicht. Diese Gefühle sind sehr wohl berechtigt und begründet, denn sie machen jene Realität ein wenig erfahrbar und verständlich, die uns aus der unsichtbaren, jenseitigen Welt erreicht. Und noch einmal will ich betonen: Trotz des Charakters einer Hilfskonstruktion steht dahinter eine tatsächlich existierende und stattfindende Wirklichkeit.

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Dass sich Christus aus der unsichtbaren Welt heraus einmischt und regiert und dabei in unserer diesseitigen Welt Spuren hinterlässt, ist und bleibt ein Geheimnis. Ohne den Glauben wird es sich niemals erschließen. Diese Erfahrung eröffnet zugleich die Perspektive und Erwartung, dass da noch viel mehr auf uns wartet. Wenn wir diese Welt verlassen und unsere Leiblichkeit hinter uns lassen, werden wir in jene verborgene Welt Gottes eintauchen und an seiner Herrlichkeit teilhaben. Deshalb haben wir allen Grund, die Himmelfahrt Christi und ihre Folgen neu zu entdecken und zu feiern.

Zur Vertiefung allein oder in der Gruppe

Klärung

  • Halten Sie den Bericht von Christi Himmelfahrt für einen antiken Mythos, oder können Sie nachvollziehen, dass die Jünger hier tatsächlich etwas ganz Wichtiges erlebt haben?
  • Was ist Ihrer Ansicht nach bei der Himmelfahrt passiert, und welche Bedeutung hat sie für Sie als Nachfolger Jesu?

Vergewisserung

  • Auch wenn die Beschreibung der Himmelfahrt den Jüngern nur in Bildern ihrer Zeit möglich war, haben wir allen Grund, mitten im Diesseits die Jenseitigkeit und Macht Jesu ernst zu nehmen und mit ihr zu rechnen.
  • Erinnern Sie sich daran, wo sie bereits Erfahrungen mit der jenseitigen Welt gemacht haben. Und erwarten Sie weiterhin, dass Jesus jederzeit von dort aus in Ihr Leben hier und heute eingreifen kann.

Hoffnung

  • Jede Erfahrung, dass Jesus lebendig ist und Sie begleitet, ist zugleich ein Hinweis darauf, dass da noch viel mehr kommt. Sie sind dazu bestimmt, Teil jener Welt zu werden, in der Jesus jetzt bereits ist.
  • Jesus ist uns vorausgegangen, um uns eine Wohnung im Haus des Vaters vorzubereiten. Er hat die Macht dazu, und er hat uns persönlich im Blick. Deshalb dürfen Sie auf das Jenseits hoffen und sich schon heute darauf freuen.

Wolfgang Kraska ist Autor und FeG-Pastor im Ruhestand.



Christsein Heute 04-2026

Dieser Artikel ist in Christsein Heute erschienen. Christsein Heute ist das Magazin des Bundes Freier evangelischer Gemeinden (FeG).

Hier geht es zum vorherigen Artikel der Serie zum Glaubensbekenntnis:

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