Sünde – warum sie uns alle betrifft

Was ist eigentlich mit dem Wort Sünde gemeint? Und was nicht? Geht es um eine veraltete Moral? Antworten von Peter Strauch, ehemaliger Präses des Bundes Freier evangelischer Gemeinden.

Es gibt Begriffe, die im Laufe der Jahre ihre ursprüngliche Bedeutung verloren haben, das Wort „Sünde“ gehört dazu. Während vor Jahren noch viele wussten, was damit gemeint ist, können wir heute längst nicht mehr davon ausgehen. Wenn überhaupt, so taucht Sünde heute noch in Verbindung mit Diätprogrammen, Abnehmkuren und vielleicht erotischen Abenteuern auf. Und selbst der, der noch was über die theologische Bedeutung dieses Wortes weiß, sieht darin eher einen überholten Moralbegriff. Doch Sünde hat nach meiner Überzeugung mit dem zentralen Thema unseres Lebens zu tun, ihre Bedeutung ist auch für den modernen Menschen keinesfalls überholt. Aber um das zu verstehen, müssen wir als Erstes klären, was die Bibel meint, wenn sie von Sünde spricht, denn dort hat der Begriff seinen eigentlichen Ursprung.

Was versteht man unter Sünde?

Im Alten Testament werden vor allem drei hebräische Begriffe mit „Sünde“ übersetzt. Da ist als erstes das Wort awon, das die Bedeutung von „verdrehen“ oder auch „krumm machen“ hat. Im biblischen Zusammenhang ist damit das Verdrehen der Gebote Gottes gemeint. Daneben gibt es das Wort pascha. Es steht für „auflehnen“ und „rebellieren“. Gemeint ist in diesem Zusammenhang ein Mensch, der sich bewusst gegen Gott und seine Gebote stellt. Und dann ist da noch der Begriff chatha, er kommt etwa 600 Mal in der hebräischen Bibel vor und meint wortwörtlich das „Verfehlen einer Zielmarkierung“. Damit steht er dem neutestamentlichen Wort für Sünde nahe. Der griechische Begriff im Neuen Testament heißt harmatia und beschreibt in seiner Grundbedeutung ebenfalls das „Nichttreffen eines Ziels“. Wenn Führungspersönlichkeiten also nach meist langem Zögern sagen, sie hätten da einen „Fehler“ gemacht, ist genau das gemeint: Hier hat jemand sein Ziel verfehlt.

Nicht im Einklang mit Gottes Geboten

Zusammengefasst geht es also bei der Sünde um ein Leben, das nicht im Einklang mit den Geboten Gottes steht. Diese Anweisungen – so sieht es das rabbinische Judentum – sind in den fünf Büchern Mose (Thora) festgehalten, wobei die Zehn Gebote (Dekalog) das Kernstück bilden. Sie sind ein Licht, das die Sünde entlarvt (Römer 7,7) und sie zeigen uns, wie wir zu leben haben. Ein Mensch, der sich nicht daran hält, wird im Alten Testament ein „Sünder“ genannt, während jemand, der Gottes Gebote befolgt, ein „Gerechter“ ist
(Psalm 1,5 + 6).

Wie das Neue Testament Sünde definiert

Nun meint das Neue Testament nichts anderes, wenn es von Sünde spricht, ist hier aber
bedeutend radikaler. Nach Römer 3,10 ist kein Mensch vor Gott gerecht, alle sind Sünder und haben den Glanz (doxa) verloren, den Gott ihnen zugedacht hat (Römer 3,23). Festgemacht wird dieser Zustand nicht so sehr an der bösen Tat des Einzelnen. Es geht vielmehr darum, dass durch einen Menschen die Sünde in die Welt kam und wie ein tödliches Bakterium alle Menschen „durchdrungen“ hat (Römer 5,12). Mit anderen Worten: Wir alle sind von der Sünde infiziert. Oder um ein anderes Bild zu gebrauchen: Es ist wie bei einer Kette von Dominosteinen. Der einzelne Stein kann gar nicht standhaft bleiben, da er aufgrund seiner Position unauflöslich mit den anderen Steinen verbunden ist. Wenn sie fallen, fällt er auch.

Das Neue Testament meint tatsächlich eine Folgewirkung der Sünde, der kein Mensch entfliehen kann. Wer das ernst nimmt, muss sich endgültig von der Vorstellung verabschieden, er könne mit einem guten Lebensstil der Sünde entkommen. Sein eigentliches Dilemma ist die Tatsache, dass er durch die Sünde von Gott getrennt ist (1. Mose 3,23 + 24) und nicht die geringste Chance hat, aufgrund eigener Leistung in die Gemeinschaft mit Gott zurückzukehren. Dem entspricht auch die Bedeutung des deutschen Begriffs „Sünde“: Ein Sund ist eine Meerenge, die zwei Landmassen voneinander trennt.

Jesus begegnet „bekennenden“ Sündern mit ausgesprochener Liebe und Barmherzigkeit.

Was vor Sünde rettet

Die Rettung von der Sünde ist einzig und allein durch Jesus Christus (Matthäus 1,21) möglich. Diese Nachricht wird in der Bibel „Evangelium“ genannt. Jesus, der Sohn Gottes, in dem niemals auch nur die Spur einer Sünde war, wurde für uns Menschen stellvertretend als Sünder verurteilt (2. Korinther 5,21). Johannes der Täufer nennt ihn Gottes Opferlamm, das die Sünde der ganzen Welt auf sich nimmt (Johannes 1,29). Das gilt eben nicht nur für eine überschaubare Menge frommer Leute, sondern für alle, die jemals auf dieser Erde gelebt haben, zurzeit leben und noch leben werden (1. Johannes 2,2). Ausnahmslos jeder ist eingeladen, dieses endgültige Opfer von Jesus für sich in Anspruch zu nehmen. Ein Mensch, der ihm seine Sünden bekennt, dem vergibt er die Sünde und er reinigt ihn von aller Ungerechtigkeit (1. Johannes 1,9). Wer dagegen seine Sünde leugnet, der betrügt sich selbst (1. Johannes 1,8) und schließt sich von der Liebe Gottes aus (Johannes 3,18b + 

Sündigen heißt: Der Mensch macht sich zum Gott

Damit sind wir beim eigentlichen Kern der Sünde: Es geht um die Selbstvergötterung des Menschen, einschließlich seiner Begabungen, seines Besitzes und der gesamten Schöpfung. Alle Sündenkataloge, wie auch immer sie lauten, haben darin ihren Ursprung. Im ersten Kapitel des Römerbriefes zählt Paulus beispielsweise Sünden auf, die er insgesamt alle darauf zurückführt, dass der Mensch Gott als den Schöpfer des Lebens verlassen hat und sich selbst zum Gott macht (Römer 1,21-23). Das lässt sich auch auf aktuelle Spannungsherde und Gewaltexzesse übertragen, egal, ob sie uns auf der überschaubaren familiären Ebene oder in der großen Politik begegnen. Darüber hinaus gibt es auch menschliches Herrschaftsdenken im frommen Gewand, die Kirchengeschichte ist voll davon. Jesus begegnet gerade dieser heuchlerischen Form der Sünde mit besonderer Härte (Matthäus 23), während er „bekennenden“ Sündern mit ausgesprochener Liebe und Barmherzigkeit begegnet (Matthäus 9,12 + 13).

Halten wir also fest: Wo immer auch unser Leben spielt, echtes Leben in Freiheit von der Versklavung durch die Sünde finden wir einzig und allein in der Abhängigkeit von Jesus Christus (Johannes 8,30-36)!

Für ein Leben mit Gott geschaffen

Damit kehren wir noch einmal zurück zur Bedeutung des Wortes „Sünde“ als „Zielverfehlung“. Wer immer wir sind, wir sind geschaffen, um mit und für Gott zu leben. Nur in der Abhängigkeit von ihm findet unser Leben seine wahre Bestimmung, so paradox das auch klingt. Vor vielen Jahren las ich in einem Poesiealbum den Wunsch eines Großvaters an seine Enkelin: „Ich wünsche dir, dass du der Mensch wirst, den Gott sich gedacht hat, als er dich schuf.“ Ich bin davon überzeugt, eine größere Lebenserfüllung gibt es nicht! Wer sollte denn besser wissen, wie unser Leben in Fülle gelebt werden kann, wenn nicht der, der uns geliebt, gewollt und geschaffen hat! Die Sünde blockiert dieses Leben, die Vergebung Gottes setzt es frei.

Peter Strauch ist Referent, Pastor im Ruhestand und ehemaliger Präses des Bunds Freier evangelischer Gemeinden (FeG)


Dieser Artikel ist Teil unserer Serie „Basics des Glaubens“. Alle Artikel zu diesem Thema findest du auf dieser Webseite.

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