Falsche Glaubensvorstellungen und Gottesbilder können uns belasten. Es ist wichtig, sie zu überwinden.
Von Pfarrer Andreas Schmierer
Ist Religion gesundheitsschädlich? Haben Religionskritiker in Gefolgschaft von Sigmund Freud also recht, dass Glaube gefährlich oder gar krankhaft sei? Ist an der „Gottesvergiftung“ (Tillmann Moser, 1976) etwas dran? Die Vorstellungen, die Menschen sich von Gott machen, sind vielfältig geprägt: von der Erziehung im Elternhaus, Begegnungen im (Kinder-)Gottesdienst, der Jungschar, im Religionsunterricht, Predigten und Podcasts. Dazu kommen Situationen, in denen Gebetserhörungen stattfanden oder ausgeblieben sind.
Das biblische Menschenbild steht für die untrennbare Einheit von Geist, Seele und Leib. Davon ausgehend liegt es nahe, dass sich Glaubensvorstellungen in einer näher zu bestimmenden Art und Weise auch auf den Zustand unserer Seele und unseres Körpers (Psychosomatik) auswirken. Ebenso können sich seelische Beeinträchtigungen auch auf das Glaubensleben auswirken, müssen es aber nicht. So kann ein Christ an einer psychischen Erkrankung leiden und dennoch im Glauben gesund sein. Eine monokausale Erklärung, die eine körperliche oder psychische Erkrankung allein auf Glaubensvorstellungen zurückführt, wird der Realität nicht gerecht, vielmehr liegt ein komplexes Gefüge vor.
Negative Gottesbilder
Der Religionspädagoge Anton Bucher bezeichnet ein Gottesbild als „negativ“, wenn es psychologisch unerwünschte seelische Zustände befördert. Als Charakteristika benennt er das Schüren von Angst; das Bewirken von Schuldgefühlen, für die es keine Verantwortung gibt, und zwanghaftem Verhalten; eine Verminderung des Selbstwertgefühls; Feindseligkeit gegenüber Andersgläubigen sowie die Erfahrung, dass die Gottesbeziehung in Herausforderungen eher als Last denn als Hilfe wahrgenommen wird (negatives Coping).
Ist Gott ungerecht?
Die 10-jährige Lea bekommt mit, wie ihre Eltern fürchterlich streiten. Sie bittet Gott, dass wieder Frieden in die Familie einkehren darf. Zwei Wochen später eröffnen die Eltern ihrer Tochter, dass sie sich trennen werden. Lea ist am Boden zerstört und sicher: Gott liebt sie weniger und hat deshalb ihr Gebet nicht erhört. So nachvollziehbar und aufwühlend Lea in dieser Situation Enttäuschung und Unverständnis verspürt, so wenig korrespondiert ihre gegenwärtige Erfahrung mit dem Bild, das die Heilige Schrift von Gott zeichnet.
Gott „lässt seine Sonne über Böse und Gute aufgehen“ (Matthäus 5,45), er ist nicht parteiisch oder launisch (vgl. Apostelgeschichte 10,34; 1. Petrus 1,17), Gott macht keine Ausnahme und hat Lea weniger lieb als andere. Entscheidend wird sein, ob es Lea gelingt, in der Unstimmigkeit zwischen erfahrener Wirklichkeit und dem biblischen Gottesbild sich Gott mit all ihren Fragen anzuvertrauen und ihren Glauben nicht von einer äußerst schmerzhaften Erfahrung abhängig zu machen.
Die Rolle von Gefühlen
Bestimmte Gefühle werden religiös als unerwünscht betrachtet. So begegnet mir in Gesprächen immer wieder die Meinung, dass Christen, wenn sie „richtig“ glauben, keine Angst haben. Diese Überzeugung erzeugt unter Umständen gehörigen Druck und führt in ein Gedankenkarussell: Empfinde ich Angst, so muss doch etwas mit meinem Glauben nicht stimmen! Gehöre ich überhaupt zu Jesus?
Ebenso beim Ärger: Ein „vorbildlicher“ Christ ärgert sich nicht, wenn er hintergangen wurde und akzeptiert alles tapfer. Diese Darstellung ist gewiss überzeichnet, zugleich zeigt sie: Angst ist nicht per se schlecht. Entscheidend ist die konkrete Situation: Stehe ich an einer vierspurigen Straße und will sie ohne Ampel überqueren, dann ist Angst durchaus angemessen. Ebenso wird keine Beziehung als erfüllend wahrgenommen werden, wenn Ärger und Enttäuschung nicht ausgesprochen und verarbeitet werden können.
Der Psychologe Ulrich Giesekus schreibt: „Gefühle sind Gefühle. Sie sind innere Reaktionen, keine Handlungen. Deswegen können sie auch nicht Schuld sein – wohl aber Schuld aufzeigen und auch zu schuldhaftem Verhalten motivieren“ (Giesekus: Glaub dich nicht krank, 59).
Enge im Glauben
Anna war in einer charismatischen Gemeinde vielseitig engagiert. In der Corona-Zeit konnte sie die geltenden Regeln nicht mittragen und ist aus der Kirche ausgetreten. Inzwischen lehnt sie auch Lobpreis-Musik als unchristlich ab, sortiert ihre Freunde aus und geht in keine Gemeinde, da sie ein „reines Leben“ führen will. Hier braucht es Weisheit und Mündigkeit im Glauben, um heilsrelevante Fragen (zum Beispiel die Bedeutung des Todes Jesu) von Geschmacksfragen (Musikstil, Predigtdauer) zu unterscheiden.
Anna muss Lobpreismusik nicht mögen, aber unchristlich ist sie deshalb nicht. Ebenso ist es für Christen keine Option, sich dauerhaft abzuschotten. Selbstverständlich benötigen wir stärkende Zeiten und geistliche Rückzugsorte, doch Jesus sagt selbst: „Wie du [Gott] mich gesandt hast in die Welt, so sende ich sie auch in die Welt.“ (Johannes 17,18) Christen sollen in der Welt leben, ein Zeugnis für Gott sein, das andere irritiert, inspiriert und ins Nachdenken bringt und sich zugleich nicht den Vorstellungen dieser Welt anzupassen (vgl. Römer 12,2).
Negative Glaubensvorstellungen überdenken
Wie können Glaubensvorstellungen auf ihre Sachgemäßheit überprüft und gegebenenfalls auch verändert werden? Als Ausgangspunkt könnten folgende Fragen dienen:
- Entspricht die Vorstellung dem, wie in der Bibel Gott, vor allem durch Jesus in den Evangelien, vorgestellt wird?
- Was denken Glaubensgeschwister, denen ich vertraue, zum Beispiel Ehepartner, Familie, enge Freunde, darüber?
Sollten diese beiden Möglichkeiten nicht weiterführen, bietet sich ein Gespräch mit einem Seelsorger an. Dort ist Raum, um offen (auch schambehaftete) Gedanken zu äußern. Sollten Anzeichen für eine psychische Erkrankung vorliegen, ist dies unbedingt von einem Arzt abzuklären. Dass sich dysfunktionale – wörtlich: in ihrer Funktion abträgliche oder falsche – Glaubensvorstellungen, rasch ändern, ist eher die Ausnahme.
Das Seelsorge-Gespräch, ggf. die Beichte und das Abendmahl können hilfreich sein – ebenso ein ausführliches Bibelstudium, das dem bisherigen Denken (etwa „Gott kann mir nicht vergeben“) Gottes Wort entgegenhält (z. B. 1. Johannes 1,9: „Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt.“). Schritt für Schritt kann so ein neues Bild von Gott entstehen.
Andreas Schmierer ist württembergischer Pfarrer und Studienassistent für Praktische Theologie im Albrecht-Bengel-Haus in Tübingen. Er ist Mitglied im Redaktionsteam des Kirchenmagazins 3E und forscht zu Hauskreisen im Kontext des Gemeindeaufbaus.
Dieser Artikel erschien zuerst in der Zeitschrift Theologische Orientierung (Ausgabe 218 „Glaube und Gesundheit“). Die Veröffentlichung auf Jesus.de erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Albrecht-Bengel-Haus e. V.


Hat Gott alles falsch gemacht ?
Gott „lässt seine Sonne über Böse und Gute aufgehen“ (Matthäus 5,45), er ist nicht parteiisch oder launisch (vgl. Apostelgeschichte 10,34; 1. Petrus 1,17), Gott macht keine Ausnahme und hat Lea (oder mich) weniger lieb als andere. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, in aller Unstimmigkeit zwischen eigener Welt-Erfahrung und dem biblischen Gottesbild sich Gott mit all unseren Fragen anzuvertrauen und Glauben nicht von den oft äußerst schmerzhaften Traumatas abhängig zu machen. Unser häufigster Irrtum ist, dass wir gerne Gott unterstellen, er lasse all das Böse, was wir täglich erleben, einfach so geschehen. Antwort: Zumeist, weil wir dies als unsere Hölle hier fleißig produzieren. Menschen (eher politische Systeme) machen Kriege, bauen Waffen, ermorden Menschen auch mit Drohnen und streichen die Finanzierung der Flüchtlingsrettung im Mittelmeer. Sie arbeitenund mit alternativer Wahrheit. Oder Lügen sowie gern bösartigen Verdrehungen. Gerne garniert mit Hass, Hetze und Benutzung äußerst bösartiger Denkweisen des Rassismus und Antisemitismus. Die einfachste Verkürzung ist die nicht selten versteckte Absicht: „Doch willst du nicht mein Bruder sein, so hau ich dir den Schädel ein“. Auch ist vielerorts auf der Welt gerne Arbeitsroutine: Kritische Menschen verschwinden, sterben öfters an mysteriösen Krankheiten. Wer an der Macht einer Partei herumkritisiert, wandert ins Gefängnis. Wahlen zu fälschen ist ein sehr probates Mitteln, sich hier zu behaupten. Und natürlich bin ich immer der Gute und der Nachbar jenseits den Zaunes kann nur der Böse sein. Denn recht kann immer nur einer wirklich haben. Sagte nicht Jesus, den eigenen Balken zuerst aus dem Augen zu ziehen und vor eigener Haustür zu kehren?
Aber meint die Bibel nicht, daß im Schöpfer aller Dinge nur das vollständig Gute ist? Gott ist doch Liebe. Selbst als der Christenverfolger Saulus vor Damaskus dem Auferstandenen in einem grellen und herzlich warmem Licht begegnete, wollte sich dieser der völlig unendlichen Liebe niemals entziehen. Aus Saulus wurde ein Paulus. Kann da ein Mensch, in Zeit und Ewigkeit sich je an Gott vorbeimogeln? Oder werden nicht alle Menschen erlöst? Wie Jesus versprach und was wir eigentlich faktisch nicht glauben, weil es uns schlicht völlig ungerecht vorkommt? Aber warum aber hatte Jesus den Schächer am Kreuz, den bösartigen Kriminellen, zu sich ins Paradies eingeladen? Am Kreuz zeigte Gott, daß nicht nur wir, sondern auch er selbst seine Feinde liebt und der brutale Ort von Golgatha sendet uns diese Liebesbotschaft. Jenes „du sollst nicht töten“ ist dort ins positivste gewendet „Du darfst sogar deine Feinde lieben“! Allerdings ist die Feindesliebe kein Kindermärchen, sondern harte vorherige Versöhnungsarbeit.
Dies war immer schon meine ganze feste Zuversicht: Gott ist der oder die absolut Gute, der gute himmlische Vater bzw. Mutter. Er wirft kein Feuer vom Himmel. Er möchte nicht die furchtbaren Kriege auf unserer Welt, die letztlich nie einer Regel gehorchen und sich nicht in gute gerechte und böse blutige Kriege trennen lassen: „Gott ist wirkliche Liebe“. Das zeigte uns Jesus, in dem er seine Finger in die Wunden der damaligen religiösen Praxis legte, die jene Liebe faktisch relativierte. Unsere Kernkompetenzen, wenn wir mit dem Schöpfer aller Dinge auf eine liebevolle Tuchfühlung gehen möchen, sind: Gott zu lieben, den Nächsten und auch uns selbst. Selbst die Urgemeinde, auch wenn die Menschen Jesus nicht mehr selbst erlebten, glaubten fest und unerschütterlich: Dass Liebe noch wichtiger und größer ist als der Glaube und alle Hoffnung. denn ohne Liebe wäre (im Bilde gesprochen), wenn wir nur noch alles rational zu verstehen versuchen. Es daher keine Musik, kein Tanz und niemals Freude gibt, sodass alles nur darin besteht, ein Gesetz von Ursache und Wirkung zu sein. Dann lassen wir uns von einem gnadenlosen Rationalismus versklaven. Ein wenig davon begegnet uns schon im ungläubigen Jesusjünger Thomas, der sagte: „Ich glaube nur, was ich sehe“. (Ich glaube nur das radikal vernünftige)
Der gute alte Eugen-Drewermann-Witz ist hier angebracht: Als der Priester und Psychotherapeut Drewermann ein sehr langes Gespräch mit Gott anberaumte, trat der Schöpfer aller Dinge nach langer Zeit aus seinem Himmel und sagte bekümmert: „Ich habe wirklich alles falsch gemacht“!
Mehr als auf alles andere achte auf deine Gedanken, denn sie entscheiden über dein Leben.
Sprichwörter 4, 23
Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Ängstlichkeit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und Besonnenheit.
2. Timotheus 1, 7
Allem bin ich gewachsen, weil Christus mich stark macht.
Philipper 4, 13
Sei stark und entschlossen! Hab keine Angst…
Josua 3, 25
Der Schwache spreche: Ich bin stark!
Joel 4, 10
Der HERR ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fürchten? Der HERR ist meines Lebens Kraft.
Psalm 27, 1
Die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden…
Jesaja 40, 31
Quäl dich nicht selbst mit nutzlosem Grübeln! …sprich dir Mut zu…
Jesus Sirach 30, 21-23