Seine Geburt wird seit zweitausend Jahren gefeiert und keiner hat die Welt so sehr beeinflusst wie er: Jesus. Werte wie Mitleid, Vergebung und Liebe wurden entscheidend von ihm geprägt: US-Pastor John Ortberg hat sich auf die Suche nach Jesu Spuren gemacht.

Von John Ortberg

Ob das Vermächtnis einer Person über deren Lebenszeit hinaus Bestand hat, zeigt sich für gewöhnlich bei ihrem Tod. Als Alexander der Große, Julius Cäsar, Napoleon, Sokrates oder Mohammed starben, hatten sie einen gewaltigen Ruf. Als Jesus starb, schien es, als sei sein Auftrag gescheitert und seine winzige Bewegung am Ende. Aber stattdessen war sein Einfluss hundert Jahre nach seinem Tod größer als zu seinen Lebzeiten. Nach zweitausend Jahren hat er mehr Nachfolger an mehr Orten auf dieser Welt als je zuvor. Er schrieb Geschichte, indem er ganz unten anfing, Liebe und Annahme verbreitete und jedem die Freiheit ließ, darauf zu reagieren.

Ein kurzes Leben prägt unseren Kalender

Mächtige politische Regime haben oft versucht, ihren Einfluss zu festigen, indem sie die Zeitrechnung mit dem Jahr ihrer Machtübernahme neu begonnen haben. Die römischen Kaiser haben Ereignisse nach ihrer Regierungszeit datiert und die Geschichtsschreibung an der Gründung Roms ausgerichtet. Die Französische Revolution hat versucht, der Welt Aufklärung zu bringen – mithilfe eines neuen Kalenders, der den Beginn der Herrschaft der Vernunft kennzeichnete. Die Zeitrechnung der ehemaligen Sowjetunion begann mit dem Sturz des Zaren.

Jesus versuchte nicht, den Menschen einen Kalender aufzuzwingen. Der Evangelist Lukas hielt den Beginn seines Auftretens genauestens nach dem römischen Kalender fest: „Es war im 15. Regierungsjahr des Kaisers Tiberius.“ Jesus trat vielleicht für drei Jahre, vielleicht aber auch nur für ein Jahr an die Öffentlichkeit. Und doch werden wir heute jedes Mal, wenn wir auf den Kalender schauen, daran erinnert, dass dieses ungeheuer kurze Leben zum Wendepunkt der Geschichte wurde. Niemand weiß, wie Jesus ausgesehen hat. Es gibt aus seiner Zeit keine Gemälde oder Skulpturen von ihm. Es gibt noch nicht einmal eine Beschreibung seines Aussehens. Trotzdem sind Jesus und seine Jünger die Personen, die weltweit in künstlerischen Werken am häufigsten abgebildet werden. Er wurde in Filmen von Frank Russell (1898), H. B. Warner, Max von Sydow, Donald Sutherland, John Hurt, Christian Bale und vielen anderen dargestellt. Lieder über ihn wurden von unzähligen Künstlern gesungen. Vom Mittelalter bis zur Postmoderne ist er der Mann, der einfach nicht von der Bildfläche verschwinden will. Aber das ist noch nicht alles.

Wegbereiter der Magna Carta

Durch Jesus sah man Kinder in einem anderen Licht. Der Historiker O. M. Bakke verfasste eine Studie mit dem Titel „When Children Became People: The Birth of Childhood in Early Christianity“ (Als Kinder Menschen wurden: Das Aufkommen der Kindheit im frühen Christentum), in der er festhielt, dass Kinder in der Antike gewöhnlich erst etwa am achten Tag Namen bekamen. Bis dahin bestand die Möglichkeit, dass ein Kind getötet oder zum Sterben ausgesetzt wurde – ganz besonders, wenn es krank oder vom weniger erwünschten Geschlecht war. Dieser Brauch änderte sich wegen einer Gruppe von Menschen, die sich daran erinnerten, dass sie Nachfolger desjenigen waren, der gesagt hatte: „Lasset die Kinder zu mir kommen.“

Es ist dieser Bewegung zu verdanken, dass Sätze wie der folgende in die Geschichte eingegangen sind: „Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, dass alle Menschen gleich erschaffen worden, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt worden [sind]“ (aus der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten).
Das Römische Reich, in dem Jesus lebte, war grausam, besonders wenn man krank oder Sklave war oder eine Missbildung hatte. Und dieser Lehrer sagte einmal: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr für mich getan!“ Langsam kam der Gedanke auf, dass diejenigen, die gegen das Leid eines Menschen etwas tun können, es auch tun sollten. Krankenhäuser und alle möglichen Hilfsaktionen gingen aus dieser Bewegung hervor; und selbst heute noch tragen sie oft Namen, die uns an Jesus und seine Lehren erinnern. Demut, die in der Antike verachtet wurde, wurde in Form eines Kreuzes verehrt und schließlich als Tugend geehrt. Feinde, die eigentlich Rache verdient hatten („Hilf deinen Freunden und strafe deine Feinde“), wurden seit Jesus plötzlich liebenswert. Vergebung war nicht länger ein Zeichen von Schwäche, sondern ein Akt moralischer Größe.

Jesus begeistert, verwundert und verwirrt

Wie der anglikanische Theologe N. T. Wright feststellte, ist das, was wir über Jesus wissen, „so anders als das, was wir über jeden anderen wissen, dass wir uns gezwungen sehen, uns zu fragen: Wer ist dieser Mensch? Als er anfing zu lehren, waren die Menschen manchmal begeistert und manchmal rasend vor Wut, aber sie waren immer verwundert. Der römische Gouverneur Pilatus verstand ihn nicht, der jüdische König Herodes bedrängte ihn mit Fragen, und seine eigenen Jünger waren oft genauso verwirrt wie alle anderen. Jesus hat die Menschen damals verwirrt und er verwirrt uns noch heute.“ Aber wenn man versucht, sein Leben zu verstehen, ist das, als erwache man aus einem Traum. Es ist wie ein Licht auf einem unbekannten Weg, das einen, wenn man ihm folgt, nach Hause führt. Könige glauben, wenn sie sich auf seinen Namen berufen, könnten sie sich seine Autorität zu eigen machen. Aber Jesus, der Befreier, bricht immer wieder aus.

Wo die Menschen seine Autorität benutzt haben, um die Sklaverei zu begründen, sahen ein William Wilberforce oder ein Jonathan Blanchard darin einen Aufruf zur Freiheit. Er inspirierte Leo Tolstoi, der wiederum Mahatma Gandhi inspirierte, der wiederum Martin Luther King inspirierte. Er inspiriert Desmond Tutu, von einer Kommission für Wahrheit und Versöhnung zu träumen und dafür zu beten. Jesus hat etwas an sich, das die Menschen anstachelt, Dinge zu tun, die sie eigentlich lieber nicht tun würden: Franz von Assisi verzichtete auf all seinen Besitz; Augustinus gab seine Mätresse auf und John Newton den Sklavenhandel.

„Er schrieb Geschichte, indem er ganz unten anfing, Liebe und Annahme verbreitete und jedem die Freiheit ließ, darauf zu reagieren.“

Als der agnostische britische Griesgram Malcolm Muggeridge eine Leprastation in Indien besuchte, die von den Missionarinnen der Nächstenliebe geführt wurde, wurde ihm mit aller Macht bewusst, dass Humanisten keine Leprastationen betrieben. Aber nicht nur das.

Jesus überlebt die Irrtümer seiner Nachfolger

Wie konnte Jesus bloß die Irrtümer seiner Nachfolger überdauern? Inquisition, Hexenjagd, Kreuzzüge, die Verteidigung der Sklaverei, Imperialismus, Ablehnung der Naturwissenschaften und Religionskriege kommen und gehen. Voreingenommenheit und Intoleranz und Engstirnigkeit breiten sich über Kontinente und Jahrhunderte aus. Seine Nachfolger bereiten Jesus wahrscheinlich mehr Sorgen als seine Feinde. Der britische ScienceFiction-Autor, Historiker und Soziologe H. G. Wells staunte, dass nach zwei Jahrtausenden „ein Historiker wie ich, der sich selbst nicht einmal Christ nennt, immer noch das Bild vorfindet, das sich unwiderstehlich auf das Leben und die Person dieses überaus bedeutenden Menschen konzentriert. Der Historiker prüft die Größe einer Persönlichkeit mithilfe der Frage: ‚Hat er etwas hinterlassen, das weiter wächst?‘ Hat er Menschen dazu gebracht, neue Gedanken zu denken, die auch nach ihm noch Bestand hatten? Bei diesem Test steht Jesus ganz oben auf der Liste.“

Warum? Vielleicht lebte er einfach zum richtigen Zeitpunkt. Vielleicht war Jesus bloß ein mitfühlender Mensch, der gerade in dem Moment daherkam, als die römische Infrastruktur stark war, die griechische Philosophie die Autorität der Götter untergrub, das Heidentum ausstarb, soziale Strukturen zusammenbrachen, wenig Stabilität und viel Sorge und Leichtgläubigkeit da war … Vielleicht hatte er einfach nur Glück. Vielleicht war Jesus auch bloß ein freundlicher, einfacher, unschuldiger Mensch mit einer netten Mutter und einem Händchen für einprägsame Sprüche, der zur rechten Zeit am rechten Ort war. Eine Art „Jesus Gump“. Vielleicht ist sein Platz in der Geschichte nur das Resultat eines großen Zufalls. Aber vielleicht auch nicht.

Wie der britische Autor G. K. Chesterton es einmal treffend formulierte: „Seit er auf die Erde kam, reicht es nicht mehr zu sagen, Gott ist im Himmel, und auf der Erde ist alles in Ordnung; denn es geht das Gerücht um, Gott habe seinen Himmel verlassen, um die Erde in Ordnung zu bringen.“

John Ortberg ist Pastor in der „Menlo
Park Presbyterian-Gemeinde“ (Kalifornien).


Bei dem Text obehandelt es sich um einen gekürzten Auszug aus dem Buch „Weltbeweger: Jesus – wer ist dieser Mensch?“ von John Ortberg, das bei Gerth Medien erschienen ist.

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