Manfred Lütz (Foto: flickr / HESSENMETALL Rhein-Main-Taunus / CC BY-NC-ND 2.0
„Menschen wollen nicht in erster Linie glücklich sein, sondern sie wollen wirklich leben“ – sagt der katholische Erfolgsautor Manfred Lütz. Als Psychiater und Psychotherapeut hört er viele Geschichten von „verpasstem Leben“. Warum das nicht sein muss und welche Erfüllung der christliche Glaube geben kann, darüber spricht er im CHRISTSEIN HEUTE-Interview.

CHRISTSEIN HEUTE: Herr Lütz, es gibt zahllose Glücks-Bücher. Trotzdem sind viele Menschen unglücklich. Hängt das zusammen?

Manfred Lütz: Ich glaube, ja. Es gibt so viel Glücksliteratur wegen der Glücksliteratur. Und es gibt viele unglückliche Menschen wegen der Glücksliteratur. Denn darin beschreibt irgendein Autor, wie er selber glücklich wurde, und lässt den Leser traurig zurück, weil der nicht der Autor ist und nicht das „Glück“ hat, das er hat. Danach muss er sich sofort einen Ratgeber kaufen. In Wirklichkeit gibt es sieben Milliarden unterschiedliche Wege, um glücklich zu sein: so viele Wege, wie es Menschen gibt. Glücksgurus sind ein Unglück, weil die Leute denken, sie müssten unbedingt erreichen, was der Glücksguru vorgibt. Das ist aber eine Anleitung zum Unglücklichsein.

Sie zitieren den Soziologen Ulrich Beck, wonach die „Ratgeberliteratur eine Schneise der Verwüstung durch Deutschland geschlagen“ hat. Sie selbst haben allerdings auch ein Glücks-Buch geschrieben, einen „Anti-Ratgeber“, sagen Sie. Was ist anders?

Es ist in der Tat ein Anti-Ratgeber, das letzte Glücks-Buch, das man kaufen muss. Sozusagen ein Glücks-Buch für Schwaben: Sie sparen sauviel Geld, denn Sie brauchen da- nach Ihr Leben lang keinen Glücksratgeber mehr. Aber der Titel hat auch einen ernsten Kern. Der Philosoph Karl Jaspers hat gesagt, dass die Grenzsituationen menschlicher Existenz unvermeidlich sind: Leiden, Schuld, Kampf, Tod. Und wenn man zeigen könnte, wie man in diesen unvermeidlichen Situationen glücklich sein kann, dann kann man unvermeidlich glücklich werden. Und spätestens seit den terroristischen Anschlägen in den vergangenen Monaten und Jahren ist allen klar, dass auch der Kampf für das Gute und gegen das Böse zum Leben gehört, unvermeidlich.

Darüber müssen wir gleich noch genauer sprechen. Zunächst muss man aber feststellen: Offensichtlich kann man Glück auch erfolgreich vermeiden …

Ja, zum Beispiel mit sinnloser Psychotherapie. Wenn man gar nicht psychisch krank ist, sondern irgendwelche Lebensprobleme hat, dann gehen viele Leute zum Psychothe-rapeuten, weil sie denken, der hätte irgendwelche klugen Tipps. Dabei haben wir Psychotherapeuten doch nicht mehr Lebenserfahrung als andere Leute. Woher denn? Wir haben auf dem Schulhof nicht mitgespielt, weil wir den Numerus Clausus erreichen mussten, haben dann viele dicke Bücher gelesen, tragen deswegen eine Brille und verbringen Jahrzehnte mit gestörten Menschen in hässlichen kleinen Räumen – davon bekommen Sie nicht mehr Lebenserfahrung!

Sie warnen auch vor dem „Utopiesyndrom“ und zu schnellem Erfolgsdenken. Beides kann Glück vermeiden?

Richtig. Nehmen Sie das Beispiel Utopiesyndrom: Man setzt sich unerreichbare Ziele und wird unvermeidlich unglücklich, wenn man sie mit den eigenen Fähigkeiten nicht erreicht. Das ist auch das Problem der grassierenden öffentlichen Casting-Mentalität: Andere Leute haben in irgendwelchen Bereichen mehr Erfolg – haben aber auch ganz andere Fähigkeiten als ich. Wir haben das Ende der Pubertät meiner Töchter mit einem großen Fest begangen. Damals habe ich gesagt: „Ich wünsche euch, dass ihr glücklich werdet, aber Erfolg ist nicht wichtig im Leben! Ihr sollt die Fähigkeiten, die der liebe Gott euch gegeben hat, fleißig einsetzen. Ob ihr damit Erfolg habt, das hängt an so vielen Zufällen, das ist nicht wirklich wichtig.“ Vincent van Gogh war der erfolgloseste Maler aller Zeiten, seine Bilder waren unverkäuflich, aber er hat ein gelungenes Künstlerleben geführt. Und Josef Stalin war der erfolgreichste russische Herrscher aller Zeiten, aber man wird das Leben dieses Massenmörders nicht als gelungen bezeichnen! Ich glaube: Wenn man ein bisschen bescheidener wird, wenn man sich nicht unerreichbare Ziele setzt, dann kann man glücklich sein.

Sie nennen kein Patentrezept oder „die erfolgreichen sieben Punkte zum Glück“. Deswegen die Frage: Wer ist richtig glücklich?

Man muss sich immer klarmachen: Die Gebrauchsanweisung für sein eigenes Leben kann man nur selber schreiben. Kein anderer kennt Sie so wie Sie sich selbst. Kein anderer hat die Glücksgefühle oder die Fähigkeiten, die Sie haben. Deswegen kann man nur Anregungen geben. Mein Buch ist so eine kleine Geschichte der Philosophie des Glücks und handelt von den ganz unterschiedlichen Ideen, die die klügsten Menschen der Welt zum Glück gehabt haben – dann kann jeder selbst aussuchen, was für ihn passt.

Sie sagen: Glück kann ich auch erleben angesichts von Leid, Kampf, Schuld und Tod. Die „Formel“ lautet: Wenn das Glück auch in diesen Lagen unvermeidlich zum Leben gehört, kann ich auch unvermeidlich glücklich werden. Was folgt daraus, von Sonntag bis Sonnabend?

Vor allem, dass ich mich nicht dauernd mit dem Glück beschäftigen muss. In Ihren glücklichen Phasen reden Sie nicht über das Glück – da sind Sie glücklich. Da erleben Sie etwas Sinnvolles. Glück ist kein Egotrip, wie es die Glücksratgeber suggerieren, als müsse man bloß möglichst viele Glücksgefühle für sich persönlich zusammenraffen. Ein Beispiel: Unser Dorf im Rheinland ist glücklicher, seit wir Flüchtlinge haben! Viele Menschen, die sonst nur für sich alleine gelebt haben, geben plötzlich Deutschkurse, begleiten Familien zum Arzt, sind behilflich. Es läuft jetzt viel mehr Kommunikation im Dorf. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Wenn er etwas Sinnvolles tut, dann kann er glücklich sein.

Sie benennen noch eine Reihe anderer „Glücksfaktoren“: mein einmaliges Leben spüren; einen Augenblick bewusst wahrnehmen; gelingendes Leben mit den Möglichkeiten meines eigenen Horizonts; mit einer begründeten Hoffnung leben; einen Sinn erkennen; sich dauernd ändern …

Das ist alles richtig. Aber wenn man es so auflistet, dann wirkt das wieder wie Ratschläge. Das alles sind bloß Hinweise, die kann man nutzen, muss es aber nicht. Es gibt glückliche Menschen, die kann man am ehesten dadurch unglücklich machen, dass man ihnen einen Glücksratgeber gibt.

Diese verschiedenen Aspekte geben nichts Genaues vor, sondern sind eine Anregung fürs Leben, es in diesem Augenblick bewusst wahrzunehmen, ohne etwas festzulegen?

Genau. Jeder muss sein eigenes Glück suchen.

Gibt es denn so etwas wie Glücksingredienzen? Was ist wichtig fürs Glück?

Da wären wir wieder beim Ratgeber. Ich weiß das nicht, jedenfalls nicht für Sie und andere. Viele fragen mich: Wann waren Sie zuletzt glücklich? Meist sage ich dann: Ich weiß es nicht genau. Möglicherweise am Anfang des Interviews. Im Nachhinein, wenn Sie mal sehr unglücklich sind, dann denken Sie über Ihr Leben nach und sagen: Da war ich glücklich. Aber das Wort „glücklich“ ist Ihnen in der Phase, in der Sie glücklich waren, gar nicht in den Sinn gekommen. Mit dem, was ich schreibe und sage, will ich immer unterhalten, aber auch zum Nachdenken anregen. Wenn man anschließend sein Leben auch nur ein bisschen ändert, dann hat es sich bereits gelohnt.

Gibt es eine Grundhaltung, die mir dabei hilft?

Eine innere Gelassenheit: Wenn ich das Leben in der Haltung annehme, dass ich letztlich immer in Gottes Hand bin, dann kann mir nichts wirklich genommen werden.

Sie sprechen vor diesem Hintergrund auch wieder vom Sinn des Leidens, von Krankheit als Chance und zuletzt der Wichtigkeit des Sterbens …

Richtig. Nur dadurch, dass wir sterben, wird jeder Moment unwiederholbar wichtig. In diesem Bewusstsein kann ich mich öffnen für die Fragen nach Gott, dem Sinn des Lebens, für das, was wirklich wichtig ist. Und wahre Lebenskunst bedeutet dann eben, dass man auch in den unvermeidlichen Grenzsituationen menschlicher Existenz Elemente des Lebens-Glücks findet.

Wie gelingt das Kunststück eines lustvollen glücklichen Lebens?

Ich bin katholischer Christ – und überzeugt, dass der christliche Glaube die sinnlichste Religion ist, die es gibt! Unser Leben in dieser Welt ist uns von Gott geschenkt. So glaube ich, dass man zum Beispiel wirkliche Lebenslust erleben kann im Gottesdienst – wo man vor Gott steht, in einem unwiederholbaren Moment seines Lebens. Das gibt dem Gottesdienst seinen besonderen Geschmack. Oder nehmen Sie moderne Wallfahrten, Wege der Versöhnung, die man in Gemeinschaft mit anderen geht – das sind Momente, in denen Gottes Liebe die Welt berührt. Aber auch sonst zählt: Sich mal Muße gönnen, völlig zweckfrei! Bei einem Spaziergang im Wald, um diesen unwiederholbaren Moment des Lebens zu genießen, zu schmecken. Oder eine wunderschöne Melodie im Stau im Autoradio zu hören und sich klarzumachen, dass das jetzt einmalig ist, nicht zu wiederholen: In der Dichte solcher Momente kann man sich der Ewigkeit öffnen.

Die Kunst ist also ein „lebens-sattes“, zufriedenes, gelassenes Leben?

In der Tat. Jesus hat seine Jünger in den Weinberg geschickt; er hat mit ihnen zusammen gut getrunken und gegessen, berichtet die Bibel. Diese Welt ist in Überfülle von Gott geschaffen worden. Das zu genießen ist nichts Schlechtes. Und wer nicht genießen kann, ist ungenießbar.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Jörg Podworny.

Manfred Lütz spricht am 7. Oktober beim 5. FeG-Männertag im Kronberg-Forum in Dietzhölztal-Ewersbach. Das Interview mit ihm ist zuerst in Ausgabe 10/2017 des Magazins CHRISTSEIN HEUTE erschienen. CHRISTSEIN HEUTE wird vom SCM Bundes-Verlag herausgegeben, zu dem auch Jesus.de gehört.


 

Literatur:

Manfred Lütz, „Wie Sie unvermeidlich glücklich werden“, Gütersloher Verlagshaus (hier bestellen).

3 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Aldous Huxles prophezeite im Vorwort seines bedrückenden Zukunftsromans „Schöne neue Welt“ die Glücksforschung.
    Das Buch ist aktueller denn je, weil wir genau da angekommen sind – bei der Technikanbetung, der Umdeutung aller Werte und dem Bukanowsky-Trottel. Die Wahrheit, so schrieb Huxley, wird in dieser Zeit nicht verboten, weil sie im Meer der Banalitäten untergeht.
    Es gab schon mehrere Anläufe, das Buch zu verbieten, oder in „moderne“ Sprache zu übersetzen, weil es höchst kompromittierend ist für Herrscherliete.

    Ach, sprach er,
    Die größte Freud‘
    Ist doch die Zufriedenheit.

    Wilhelm Busch

    Dem schließe ich mich an.

  2. Kann man alleine glücklich werden – abgesehen von dem reichlich überhöhten Anspruch? Man kann alleine gegen den Strom schwimmen, aber mit dem Glück verhält es sich anders.
    Lange Phasen der Zufriedenheit können wir nur in einer gesunden Umgebung haben. Wo der Nachbar mit Dauerbeschallung unseren Frieden stört, oder sein Auto penetrant vor unserem Grundstück parkt, ein Vermieter renditeorientiert denkt, wir von der Telekom nach Strich und Faden beschupst werden, die Kollegen auf der Arbeit unausgesprochen Anspruch auf unser Werkzeug erheben, unsere Arbeitsfläche, unseren Kleiderschrank, indem sie ihr Arbeitszeug immer wieder auf unseren Schrank legen, oder der Staat sich ermächtigt, unsere privaten Daten abzufangen, unsere Daten ins Internet zu stellen, uns mit Kameras zu überwachen – da ist Zufriedenheit unmöglich. Da sind Unglück, Pein und Tod programmiert.

    Das Übertreten von kollektiven und persönlichen Grenzen hat Methode und ist das Grundübel dieser Welt schlechthin.

    Christen hätten die 9 Gebote plus dem einen, welches sich aus der Befolgung der 9 ergibt. Mit den 9 Geboten hätten wir ein Paradies auf Erden.
    Wer die Anstandsregeln jedoch einhält, ist in Nachteil gestellt, er wird Opfer der bösartigen Gesellschaft. Die Gebote sind wie Spielregeln, aber sie müssen von allen beachtet werden. Sie setzten den Willen zur Moral voraus.
    Setzt der Christ seine Figur nach den Regeln und der Antichrist wie`s ihm beliebt, wird der Christ das Spiel verlieren.

    Der Motor der Gesellschaft ist das survival of the fittest. Reiche gegen Reiche, Reiche gegen Arme, Arme gegen Arme, alle gegen alle und alle gegen Gott und die Natur. Darwins Rassentheorie ist die Umkehrung der Gebote: Du sollst töten, du sollst falsch Zeugnis reden, du sollte begehren.
    So war das auch während der Hitlerherrschaft. Nach dem Zusammenbruch gab es einen öffentlichen Diskurs über den Darwinismus. Aber das ist vergessen, weil der Sozialdarwinismus profitabel ist.
    Auch die Grünen sind Darwinisten, da soll man sich nichts vormachen, und der Vatikan, der sich nur als Seelenverwalter versteht, den Körper aber der Wissenschaft überläßt.

    Wir werden zum Beispiel von dem Herrn Schäuble aufeinander gehetzt mit der Parole, wir sollten uns dem „Wettbewerb“ stellen. Die EU steht im „Wettbewerb“ mit China und den USA, die Unternehmer stehen im Wettbewerb, politische Parteien – bis zum Arbeitnehmer. Der „Wettbewerb“ durchdringt“ die gesamte Gesellschaft und zwingt sie in ein lasterhaftes Korsett.

    Und die Kirchen machen mit. Sie lästern Gott, wenn sie die Glaubenssätze der Wissenschaft annehmen, der Wirtschaft und der Politik. Der Wettbewerb unter den Deutschen war hart genug, und jetzt sind noch eine unüberschaubare Menge Ausheimische dazu geholt worden. Das hat den Wettbewerb weiter verschärft.

    Charles Darwin stand mit dem Teufel im Bunde und ist der wahre Antichrist. Er ist der erste Nazi der Weltgeschichte, der Urater und erster Rassist. Aufrufe gegen Rassimsus untergraben die Intelligenz und das Wesen des Menschen, denn Rassismus läßt sich nur bekämpfen, indem man Charles Darwin bekämpft. Andernfalls bleibt man im System und versteckt sich, indem man leugnet, was man ist.
    Darwins Affentheorie, die alle Beweise schuldig bleibt, reduziert den Menschen auf einen chemischen Gärungsprozesse aus Zufall und dem Nichts.

    Die Astronomie sucht Erleuchtung im Weltraum? Das tut auch der Vatikan und zwar ganz vorne weg. Aber im Weltraum ist nichts. Wir werden uns vor Gott rechtfertigen am Tage des Gerichts.
    Mit Mission, Moral und Gott brauchen wir den Antichristen nicht zu kommen.

    Das Problem ist erkannt, und ein erkanntes Problem enthält auch die Lösung.
    Wer das Problem kennt und die Mission hochhält, ist Teil des Problems und nicht der Lösung. Weil er die Christenwelt der Schande preisgibt, wenn er tut, was die Verräter verlangen.

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