Bild: Shutterstock / Sergey Mironov
Sie ist laut, leidenschaftlich, soundlastig: Seit 2012 gibt es in der Schweiz im Kanton Bern die Metalchurch. Ihr Gründer, der reformierte Pastor Samuel Hug, organisiert hier die Anbetung des „wahren Metallers“ – Jesus. Wie funktioniert das? Wir haben ihn gefragt.
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Jesus.de: Sie oder Du, Herr Metal-Pastor?

Samuel Hug: Für dich bin ich der Samuel.

Metalkultur und christlicher Glauben – das ist auf den ersten Blick widersprüchlich. Oder?

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Es gibt viele Kulturen und Subkulturen in denen Gott schon lange am Werk ist. Nach und nach habe ich im Metal vieles entdeckt, was für mich einen authentischen Ausdruck des christlichen Glaubens in dieser Kultur darstellt.

Samuel Hug (Bild: privat)

Nervt das nicht, immer dieselbe Frage beantworten zu müssen?

Nein, ich habe ja selbst lange überlegt: Wie soll das denn gehen – Metal und Glaube? Und ich bin auch weiterhin damit unterwegs. Mich nervt die Frage nicht, wenn sie ernsthaft gestellt wird. Wenn das Gegenüber sich bewusst hinterfragt hat: Bin ich interessiert an der Auseinandersetzung mit Andersdenkenden? Erlebe ich auch, wie Gott mir im Andersdenkenden begegnet? Das bedeutet ja gar nicht, dass ich der gleichen Meinung sein muss. Auch durch andere Meinungen kann ich Gott erfahren, geläutert und geschliffen werden. Das erlebe ich als spannend. Es nervt hingegen, wenn Leute mit Klischees um sich werfen und sich gar nicht auf ein Gespräch einlassen.

Was macht euch zur Metalchurch?

Unsere Gottesdienstband spielt ausschließlich Metal und wir feiern in einem Club. Wir wollen dorthin gehen, wo die Leute schon sind. Hier kann man sich frei bewegen und sich während des Gottesdienstes auch ein Bier holen, wenn man möchte. Die Gottesdienst-Elemente sind bekannt, wir haben sie nur „metallisch“ inkulturiert: Unsere liturgischen Antworten werden zum Beispiel geschrien und nicht leise gemurmelt, die ganze Sprache speist sich aus dem Metal, seinen Worten und Bildern. Das merkt man besonders in der Predigt. Natürlich feiern wir auch das Abendmahl.

Was an der Metal-Kultur hilft dir, deinen christlichen Glauben auszudrücken?

Es fängt mit der Stärke und der Leidenschaft in dieser Musik an. In dieser kantigen Musik kommen Gottes Stärke und Wildheit zum Ausdruck. Gott ist ja nicht einfach ein braves Wesen. Viele sagen: Hier kann ich so sein wie ich bin. Hier bin ich angenommen. Sie finden bei uns ein Zuhause. Andere sind überrascht: So habe ich noch nie über einen Bibeltext nachgedacht.

Für mich bringt dieser Jesus mit E-Gitarre zum Ausdruck: Das ist unser Heiland, er ist einer von uns

Wie war das denn bei dir: Warst du zuerst Pastor oder Metalfan?

Der Weg zum Pastor und der zum Metalfan verliefen im Gleichschritt. Die ganze Zeit hat mich die Frage beschäftigt: Hat beides etwas miteinander zu tun? Es war ein längerer Prozess, in dem sich nach und nach geklärt hat: Das ist meine Berufung. Ich bin nicht nur ein Pastor, der Metalmusik mag, sondern ich habe einen Auftrag in der Szene, Menschen als Pastor zu erreichen und Kirche aufzubauen.

Wer kommt zu euren Gottesdiensten?

Ein ganz bunt gemischter Haufen von jung bis angegraut (lacht). Natürlich haben wir eine Mehrheit, die im Metal Zuhause ist. Manchen kann man es ansehen, anderen nicht. Wir haben Leute, die christlich verwurzelt sind und welche, die geistlich nirgendswo Zuhause sind. Einige suchen auch einfach eine andere Art von Kirche, obwohl sie mit Metal direkt nichts am Hut haben. Sie machen die Erfahrung: Na, wenn ich Jesus auch auf die Art nachfolgen kann, dann könnte es auch etwas für mich sein.

Gottesdienst in der Meal Church (Bild: Dominic Vogt)

Du bist selbst reformierter Pfarrer der Landeskirche – spielt das eine Rolle?

Natürlich gibt es gewisse Dinge, bei denen die Konfession kirchenrechtlich eine Rolle spielt, wenn es um Amtshandlungen geht oder die Frage, woran wir uns orientieren. Wem legen wir als Metalchurch Rechenschaft ab? Die Konfession steht aber überhaupt nicht im Vordergrund. Jeder und jede ist bei uns willkommen. Während wir die Metalchurch reformiert verortet haben, ist hingegen unser Dachverein Unblack, das Schweizer Netzwerk, überkonfessionell aufgestellt, da die verschiedenen Personen, Gruppen und Projekte im Netzwerk unterschiedliche Hintergründe haben.

Ihr ladet zu der Gemeinde-Veranstaltung „Bibel, Bier und Metal“ ein – betrachtet ihr die Kirchen-Metal-Verbindung auch mit einem Augenzwinkern?

Wir machen das aus Überzeugung. Es ist keine Masche, kein „Wir tun so als ob“, aber ich würde sagen, wie sonst immer im Leben: Man darf sich selbst nicht zu ernst nehmen. Es gibt auch Momente wo man über sich selbst lachen kann und soll. In meinen Predigten gibt es die eine oder andere Anspielung auf bestimmte Spitzfindigkeiten aus der Metalkultur. Oder ich gebrauche etwas aus der Metalkultur als Metapher für einen geistlichen Zusammenhang, dann ist das durchaus mit Augenzwinkern gemeint. Wenn ich sage „Jesus ist der wahre Metaller“ dann meine ich das ein Stück weit wirklich so, aber natürlich weiß ich auch: Historisch stimmt das nicht und es gibt auch Teile im Bild, die nicht aufgehen. In diesem Sinne betrachten wir alles mit Ernsthaftigkeit, aber wir hinterfragen uns auch und wissen, dass es auch etwas Spielerisches hat.

Was kommt denn von kritischen Stimmen?

Zum Glück gehen die meisten Leute erfüllt nach Hause. Sie sind berührt, wenn sie uns persönlich begegnet sind – viele sogar begeistert. Tatsächlich haben eher die Leute ein Problem mit uns, die uns noch nicht besucht haben. Ich erinnere mich an jemanden, der sich eine unserer Predigten auf Youtube angehört hat und total entrüstet war, weil er das Ganze nicht einordnen konnte. Natürlich wird hier im Dorf viel darüber gesprochen, wo ich als „normaler Pfarrer“ tätig bin, aber keiner kritisiert mich direkt.

Samuel Hug beim Metal Gottesdienst (Bild: Dominic Vogt)

Euer Logo zeigt Jesus mit E-Gitarre …

Das ist der „metallische Jesus.“ Ich denke, was den Metal ganz stark ausmacht ist, dass sich Metaller nicht scheuen, die Dinge beim Namen zu nennen. Sie versuchen ernsthaft, ehrlich, stark und schonungslos zu sein. Ich glaube in diesem Sinne hat der Metal etwas sehr Prophetisches. Jesus war ein total wahrhaftiger Mensch. Er sagte von sich selbst „Ich bin die Wahrheit“. Und ich sehe in Jesus den „wahren Metaller“, der alles, wonach sich der Metal sehnt, verkörpert. Jesus war sehr kantig, hat Menschen auch mit ihren Schattenseiten konfrontiert, wenn sie beispielsweise scheinheilig waren – und gleichzeitig war er total liebevoll. Für mich bringt dieser Jesus mit E-Gitarre zum Ausdruck: Das ist unser Heiland, er ist einer von uns.

Gibt es deiner Meinung nach Ausdrucksweisen, die sich nicht auf das christliche Glaubensleben übertragen lassen?

Ich denke, es gibt ein großes Missverständnis. Wir meinen, dass die bürgerliche Kultur in Mitteleuropa mit Kirche und dem christlichen Leben gleichzusetzen ist. Dabei gibt es viel mehr Anknüpfungspunkte zwischen dem Glauben und allen möglichen Dingen. Ich vermute dass es nichts gibt, wo es kategorisch unmöglich ist, eine inkulturierte Form des christlichen Glaubens zu finden.

Tatsächlich nichts?

Natürlich gibt es Bereiche, bei denen ich mich frage: Wie zum Geier soll denn das gehen? Als Christ muss ich mich klar von Ideologien, die der Liebe widersprechen, abgrenzen. Bei den Skin Heads zum Beispiel. Dennoch liebt Gott auch diese Menschen. Er hat sich in Jesus Christus hinuntergelassen in unsere menschlichen Abgründe, insofern kann Gott vermutlich auch in dieser Szene Menschen berufen. Der Weg ist vielleicht an gewissen Orten schwieriger als an anderen. Und auch die Kirche ist nicht perfekt. Hier gibt es noch viele Baustellen, an denen Gott arbeiten muss.

Laute Musik ist Programm beim Metal-Gottesdienst (Bild: Dominic Vogt)

Jetzt seid ihr ja in einer ausgeprägten Subkultur unterwegs: Fehlt es deiner Meinung nach an ähnlichen Angeboten für andere Subkulturen?

Ich glaube ja. Ganz grundsätzlich. Gottes Weg ist der zu den Menschen. Man hat im Rahmen der Übersee-Mission schon vor langer Zeit gemerkt: Die Leute in einem anderen Land ticken anders, da muss man auch eine andere Sprache lernen, die haben andere Kulturen und Bräuche. Natürlich gab es auch Missionen, die überhaupt nicht kultursensibel waren. Aber ein Großteil der Missionare hat realisiert: Wir müssen uns auf diese Menschen einlassen, wir müssen sie kennenlernen. Wir müssen eine kulturell angepasste Ausdrucksform für den christlichen Glauben finden. Diese Beziehung mit Jesus, das gemeinsame Unterwegssein in seiner Nachfolge, müssen wir gemeinsam mit diesen Leuten neu lernen. Heute können wir auch bei uns nicht mehr davon ausgehen, dass die Leute in unserer Stadt, in unserem Dorf, in unserer Nachbarschaft alle die gleichen Vorstellungen davon haben, was ein gelingendes Leben ist. Diese kulturellen Gräben müssen wir überwinden und da braucht es noch ganz viele Menschen, die sich auf den Weg machen. Wir dürfen nicht darauf warten, dass diese Menschen zu uns kommen. Wir dürfen nicht das Gefühl haben, wir teilen schon alles, sondern wir müssen neu verstehen lernen, wer sind denn die Menschen um uns herum. Insofern braucht es noch viele Initiativen, die sich auf den Weg zu den Menschen machen …

… und ihre eigene Form von Gemeinschaft finden.

Genau. Christliche Gemeinschaft hat viele Gesichter und Formen. Was es da sicher auch braucht, ist ein neues Verständnis von Einheit. Wie lebt man Einheit in der Gesamtheit der Christenheit, wenn man an unterschiedlichen Orten dran ist? Ich glaube, wenn sich eine Gemeinde auf den Weg macht zu Menschen in ihrer Umwelt und sich für sie Zeit nimmt, dann gehört auch das Neue in die Mitte, was von außen hinzukommt. Wie können wir diese Beziehung zwischen dem Alten und dem Neuen gewinnbringend und geschwisterlich leben? Und die neue Einheit leben und feiern – auf Augenhöhe!

Was für ein Schlusswort! Danke für das Gespräch.

Die Fragen stellte Laura Schönwies


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