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EKD-Präses Heinrich: „Ich bin hier in einer verdammt mutigen Kirche“

Anna-Nicole Heinrich wächst in einer nichtchristlichen Familie auf. Seit Mai 2021 ist die 25-Jährige Präses der EKD-Synode. Wie kam es dazu?

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Von Anna Koppri

Als Kind einer nichtchristlichen Familie hat Anna bis zum Beginn ihrer Schulzeit nichts mit Kirche am Hut. Als sie bei ihrer Einschulung im größtenteils katholischen Nittenau in Bayern nach ihrer Konfession gefragt wird, entscheidet sie sich kurzerhand für den evangelischen Religionsunterricht. Damals ahnt sie noch nicht, wo sie diese Entscheidung knapp zwei Jahrzehnte später einmal hinführen wird.

Juni 2021, eine junge Frau mit Kurzhaarschnitt saust auf dem E-Roller durch Berlin. Als sie bei Rot hält, wird sie erfreut von einer älteren Dame angesprochen: „Sie sind doch unsere neue Präses!“ Anna-Nicole staunt. Auf offener Straße erkannt zu werden, passiert ihr nicht alle Tage. Bis zu ihrer Wahl im Mai 2021 war das Amt des ehrenamtlichen Präses der Synode der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) wohl den Wenigsten ein Begriff.

Anna-Nicole vergleicht das Gremium der Gesamtsynode gern mit dem Europaparlament, da es den einzelnen Landessynoden übergeordnet ist. 128 Mitglieder beschließen hier Kirchengesetze, wählen den Rat der EKD und beziehen Stellung zu gesellschaftlichen Themen. Als Präses steht Anna-Nicole diesem höchsten deutschen Kirchenparlament vor, vertritt es innerhalb der Kirche und in der Öffentlichkeit und moderiert die jährlichen Sitzungen.

Frischen Wind reinbringen

Die 25-Jährige war ziemlich überrascht, als sie wenige Tage vor der Wahl gefragt wurde, ob sie sich als Kandidatin aufstellen lassen wolle. Nach ihrer Wahl waren ihre ersten Worte: „Ich bin hier in einer verdammt mutigen Kirche.“ Die EKD setzt mit ihr auf eine Präses, die frischen Wind, eine junge Sprache und Expertise zu vielen Themen wie Digitalisierung und Klimagerechtigkeit mitbringt.

Nachdem Corona einen Strich durch unser Live-Treffen macht, lerne ich Anna-Nicole online kennen. Es ist Mittwoch, 8.30 Uhr. Mein Gegenüber auf dem Bildschirm gesteht, dass sie gerade erst aus dem Bett gefallen ist und macht sich schnell noch einen Tee. Gemeinsam mit ihrem Mann lebt sie in einer Vierer-WG in Regensburg.

Authentisch, unkonventionell und erfrischend ehrlich

Die Gemeinschaft habe sie in der Coronazeit gerettet, zudem sei die Miete günstiger und sie hätten ausreichend Platz für die Zukunft. Ich erlebe die junge Frau als authentisch, unkonventionell und erfrischend ehrlich. Sie weiß, wer sie ist und was sie kann, und scheint es nicht nötig zu haben, für irgendjemanden irgendetwas darzustellen.

Ich frage mich, wo ein junger Mensch seine Leidenschaft für die Mitarbeit in Kirchengremien entdeckt, weshalb ich ihr ein wenig auf den Zahn fühle. Als Jugendliche war Anna-Nicole im Fußballverein und beim Rettungsdienst unterwegs, aber auch Mitarbeiterin in der evangelischen Jugend.

Jeder hat seinen Platz

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Dabei fällt ihr auf: „Wenn im Fußball mal jemand gekommen ist, der nicht reingepasst hat, waren wir echt bitchy. Die Person war dann irgendwann nicht mehr da. In der kirchlichen Jugendarbeit waren wir immer super unterschiedlich. Mal hat man sich gestritten, mal gut verstanden. Aber die Gemeinschaft hielt zusammen. Jeder und jede hatte seinen Platz, trotz Unterschiedlichkeit. Das hat mich motiviert, dabeizubleiben.“

Von da verschlägt es sie in die Jugendarbeit auf Dekanatsebene (Landkreis) und schließlich in den Landesjugendkonvent in Bayern. Das erste Mal kommt sie so richtig aus ihrem dörflichen Umfeld raus. Zwischen Nürnbergern und Oberfranken erlebt sie es als identitätsstiftend, zur evangelischen Minderheitengemeinschaft (vier Prozent) in Bayern zu gehören.

„Wenn es Spaß macht, bleibt man dabei“

Demokratie beschreibt sie als aufregendes Lernfeld: „Und ich habe gemerkt, dass die Kompetenzen, die ich mitbringe, gut in Verbandsarbeit passen. Wenn es Spaß macht, bleibt man dabei.“ Weiter geht es zur Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend (AEJ) auf Bundesebene. Wieder eine inspirierende Horizonterweiterung, denn diesmal sind auch Freikirchen und andere evangelische Strömungen dabei.

Von dort aus wird sie mit Anfang 20 als Jugenddelegierte in die Synode der EKD berufen. Kein volles synodales Mitglied zu sein, bedeutet zu der Zeit, zwar mitreden zu können, aber weder Stimm- noch Antragsrecht zu haben. Gemeinsam mit den anderen Jugenddelegierten nimmt sie das Anliegen ihrer Vorgängerinnen und Vorgänger auf: „Liebe Leute, so funktioniert Jugendpartizipation nicht. Wir sind vollwertige Leute und wollen auch mitstimmen und Anträge stellen.“ Und tatsächlich erwirken sie eine Gesetzesänderung, die in der neuen Synode, der sie jetzt vorsteht, in Kraft getreten ist.

„Hinaus ins Weite“

Mein Bildschirm-Gegenüber im braunen Hoodie lacht, als ihr auffällt, dass ihre eigene Wahl wohl ihre erste Wahlhandlung als volles Synodales Mitglied war. Dann erzählt sie, wie sie sich in ihre neue Aufgabe als Präses reingefunden hat. Als Teil des Zukunftsteams der EKD hatte sie mit einem Team unter dem Motto „Hinaus ins Weite“ Leitsätze für die Weiterentwicklung der evangelischen Kirche formuliert.

Im Sommer 2021 setzt sie das Motto gleich praktisch in die Tat um: 30 Tage #Präsestour gemeinsam mit ihrer Freundin Sophia. Ziel ist es, mit Menschen aus unterschiedlichsten Kontexten ins Gespräch zu kommen. Die beiden setzen sich einfach in den Zug und fahren los. Sie steigen aus, wo sie Lust haben, und suchen sich eine Anlaufstelle – eine soziale Einrichtung, ein Projekt, eine Firma –, schlagen dort auf und tauschen sich mit den Menschen aus.

Offenheit gegenüber Glaubensthemen erlebt

Im Ahrtal helfen sie spontan bei der Essensausgabe. Jeden Abend werden sie in einem anderen Ort zur Übernachtung eingeladen. Am Abendbrottisch erleben sie eine große Offenheit gegenüber Glaubensthemen. Doch Anna ist keine, die sich anmaßt, allgemeingültige Antworten zu liefern. Sie ist davon überzeugt, dass Menschen auf der Suche selbst Antworten finden wollen. Auch sie empfindet sich als Suchende, die auf dem Weg ist.

Die Kirche ist der Rahmen, der ihr Halt gibt, und in dem sie Menschen trifft, die mit ihr gemeinsam unterwegs sind. Zusammen Antworten zu finden, aber sich genauso auch gegenseitig zum Zweifeln zu bringen und Gefundenes wieder über Bord zu werfen, findet sie wertvoll: „Heilig sind Begegnungen, die mich rausholen aus meiner kleinen Welt. Etwas, was ich mir selbst nicht geben kann. Nichts, was meilenweit weg ist, sondern was im anderen ist.“

„Ich habe gelernt, dass es viele Situationen gibt, in denen wir nur reinstolpern müssten, in die Herzen der Menschen. Wir tun es nur viel zu selten.“

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Eine Erkenntnis, die sie ermutigt, auch in ihrem ganz normalen Leben an der Uni und mit Freunden offen über den Glauben zu sprechen: „Ich habe gelernt, dass es viele Situationen gibt, in denen wir nur reinstolpern müssten, in die Herzen der Menschen. Wir tun es nur viel zu selten.“

Beim Thema Klimaschutz und Klimagerechtigkeit ist die Kirche schon lange aktiv. Anna-Nicole findet es wichtig, als einzelne Christen und auch als Institutionen mit gutem Beispiel voranzugehen. Zu zeigen: Wir können nachhaltig wirtschaften.

In der Kirche sieht sie ein großes Potenzial, Menschen mit dem Thema zu erreichen, die sonst weniger damit in Berührung kommen. Oder Menschen aus unterschiedlichen Kontinenten zusammenzubringen und ihnen zu zeigen: „Auch wenn ich selbst noch nicht betroffen bin, gibt es Menschen aus anderen Regionen der Welt, die extrem darunter leiden, wie wir uns hier verhalten.“

Frust rauslassen

In Berlin gibt es ein politisches Nachtgebet. Hier begegnet Anna Aktivistinnen und Aktivisten, die für das Klima auf die Straße und vors Verfassungsgericht gehen. Oft stoßen sie an Mauern und wirken hoffnungslos.

Die junge Frau ist dankbar, dass Kirche für diese Menschen da sein kann und hört manchmal Sätze wie: „Das hier ist mir wichtig: einen Ort zu haben, wo ich mal meinen ganzen Frust rauslassen, dann aber auch die Hoffnungsperspektive mitnehmen kann. Wo ich nur sein kann und mal kurz nicht abliefern muss. Wo ich weiß: Hier bin ich angenommen.“ Annas eigene Hoffnungsperspektive rührt aus ihrem Glauben, dass wir zwar verantwortlich sind für die Welt, es letztlich aber nicht allein an uns liegt und das Leben auch nach dem Tod weitergeht.

Gebet wieder mehr ins öffentliche Leben integrieren

Gott ist für sie ein Wegbegleiter, mit dem sie gern zusammen ist und der immer da ist. Im ehrlichen Gespräch kann sie sich ihm mit all ihren Gefühlen mitteilen. Sie kann auch mal Verantwortung abgeben und Dinge, die sie stören, in Gottes Hände legen.

Manchmal findet sie es schwierig, dass Gott nicht verfügbar ist und sie keine blauen Häkchen, wie bei WhatsApp, bekommt, wenn ein Anliegen bei ihm angekommen ist. Sie fände es gewinnbringend, wenn Gebet wieder mehr ins öffentliche Leben integriert würde.

Anna Koppri ist Mama und freie Autorin aus Berlin. Genau wie ihre Namensvetterin ist sie eine Suchende: nach dem richtigen Job, immer wieder neu nach Gott und nach ihrer wahren Identität.


Dieser Artikel ist in der Zeitschrift DRAN erschienen. DRAN wird vom SCM Bundes-Verlag herausgegeben, zu dem auch Jesus.de gehört.

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4 Kommentare

  1. Wenn Christen liberal ticken und charismatisch leben

    „Gott ist für sie ein Wegbegleiter, mit dem sie gern zusammen ist und der immer da ist. Im ehrlichen Gespräch kann sie sich ihm mit all ihren Gefühlen mitteilen. Sie kann auch mal Verantwortung abgeben und Dinge, die sie stören, in Gottes Hände legen“!“ Damit wird der Glauben von Anna-Nicole Heinrich beschrieben. Ich wurde nicht wie Frau Heinrich in der Ev. Kirche mit einem hohen Amt versehen, sondern gehörte schon seit Jahrzehnten zu den kirchlichen Kanalarbeitern. Das sind diejenigen, die wie bei den auf den hinteren Sesseln sitzenden Bundestagsabgeordneten – ganz unten in der Gemeinde zwar Leitungsverantwortung mit trugen. Aber die auch keine Gelegenheit fanden, die Klein- und Dreckarbeit zu meiden. Auch in meinem Elternhaus spielte der Glaube keine bestimmende Rolle, aber man wurde getauft konfirmiert, vielleicht vom Pfarrer getraut und in fernerer Zukunft beerdigt. Meine Eltern meinten durchaus, der Besuch des Kindergottesdienstes könne nichts schaden. Vielleicht bin ich ihnen auch fast schon zu fromm geworden, denn wie durch ein Wunder besuchte ich als Jugendlicher durchaus in einiger Regelmäßigkeit den Gottesdienst. Dabei sind Predigten wahrlich nicht immer ein Ort großer Inspiration. Aber da geschah es plötzlich, aber nicht nur an einem bestimmen Tag, dass der Funke übersprang, die Gemeinschaft auch ein Bedürfnis und der Ev. Jugendkreis ein Zentrum dieses Lebens wurde. Sicher habe ich mich an einem Tag für Gott entschieden, aber ich hatte ihn nie in der Hand, er aber mich ins seiner geborgen. Der Glaube war sehr ernst und viel Anlass auch zur Freude, aber er stand nicht höher wie die Liebe, sondern diese war so etwas wie seine eigentliche Antriebskraft. Was mich bei allen Mängeln in und an unserer Kirche auch stört, wir haben immer die Möglichkeit gehabt über den Glauben zu sprechen, ihn ganz persönlich zu formulieren, niemand war perfekt, aber immer dafür auf dem Weg. Nie haben wir das bestimmende Gefühl gehabt, unsere Gemeinde oder Kirche presse uns in ein enges Korsett von Glaube, Moral und Ethik. Dabei habe ich für mich auch die ganz persönliche Antwort gefunden, dass der Glaube an Gott, die Nachfolge Jesu sowie die Nächstenliebe eine Dynamik ist, die jede und jeder gerne geschenkt bekommt. Vielleicht brauchen wir ein liberales Angesicht von Kirche, aber zugleich mehr persönliche Frömmigkeit, die sich aber gerade im Dasein für den Anderen verwirklicht und diese Verwirklichung christlicher Existenz auch zu einer inneren Befreiung führt:. Weil niemand tiefer fallen kann als in die Hände derjenigen Macht, die alle Wirklichkeit umfasst. Aber auch das eigene Zugeständnis: Ich bin nicht vollkommen, aber ich lerne jeden Tag dazu. Christen die liberal ticken, können durchaus sehr geistliche Menschen sein. Charismatisch muss nicht bedeuten dogmatisch. Denn die ganze Heilsgeschichte ist eine Befreiungsgeschichte, eine solche Befreiung dessen was man Seele nennt. Sie tanzt und lobt Gott, denn auch die Liebe Gottes und damit unsere Liebe gibt es nur freiwillig sowie uneigennützig.

  2. EKD-Präses Heinrich: „Ich bin hier in einer verdammt mutigen Kirche“

    Ich frage mich allen Ernstes, ob das EKD-Präses Heinrich mit klaren Gedanken und bewußt gesagt hat. „… verdammt mutige Kirche“ kann man keine christliche Kirche nennen. „Verdammt“ ist auf der gleichen Ebene wie „verflucht“, also vom biblischen Gott unendlich entfernt und IHM ein Gräuel, unannehmbar, ausgestoßen, für strafwürdig erklären.
    Diese Aussage kann man auch nicht dem jugendlichen Alter der EKD-Präses zuschreiben. „Verdammt, verflucht“ passt zu Satan; denn das ist er als Widersacher des Dreieinigen Gottes. (Oder hat A.N. Heinrich damit unbewußt ihr persönliches Empfinden über der EKD formuliert??) Oder wollte sie sich mit einer solchen Formulierung der Welt anpassen? Dann wäre es für sie gut. Bibelstellen wie Jakobus 4,4 ernst zu nehmen.

  3. Junge Vorsitzende lieber unterstützen

    Lieber Joachim Müller, ich bin nun überhaupt nicht ihrer Meinung. Bitte nehmen Sie mir nicht übel, wenn ich dies Wortglauberei nenne. Man kann ja gerne darüber streiten, ob das Wort „verdammt“ auch umgangssprachlich benutzt werden soll/darf. Aber sie hat es benutzt und wie es gemeint ist erscheint mir klar. Eigentlich sollten wir als christliche Geschwister eine solche junge Vorsitzende unterstützen und nicht das Gegenteil tun – schon gar nicht mit solchen Banalitäten. Jedenfalls wenn wir als Christinnen und Christen so miteinander umgehen, darf man sich nicht wundern, dass wir vor der Welt kein Zeugnis sind und schon gar kein Licht. Ich muss ehrlich zugeben, dass ich auch schon oft „verdammt“ gesagt habe, vor allem wenn ich mich sehr ärgerte. Aber mein Gott hat mich immer sehr liebevoll behandelt und bei wirklichen Irrungen und Wirrungen hatte er mit mir viel Geduld. Ich hoffe doch wir sprechen vom selben Gott, bei dem Glaube, Hoffnung und Liebe Wesensmerkmale sind, vor allem anderen die Liebe zu unseren Mitmenscfhen.

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