Was tun, wenn Gebete ungehört bleiben? Der frühere Allianz-Vorsitzende Ekkehard Vetter erzählt von schmerzhaften Erfahrungen, offenen Fragen an Gott und der Hoffnung, die ihn bis heute trägt.
Ekkehard Vetter, „Gott erhört über Bitten und Verstehen“ lautet der Titel Ihrer Bibelarbeit bei der Allianzkonferenz. Gab es in Ihrem eigenen Leben eine Situation, in der Gott Ihnen mehr gegeben hat, als Sie zu bitten oder zu verstehen wagten? Oder vielleicht auch weniger?
Ekkehard Vetter: Ich kann das nicht an einer Situation fest machen. Ich bin 70 Jahre alt und kann somit auf den allergrößten Teil meines Lebens zurückschauen und erlebe mich als von Gott gesegnet und in vielerlei Hinsicht reich beschenkt. Persönlich und privat beschenkt mit einer wunderbaren Ehefrau und als Vater und Großvater einer ziemlich großen Familie. Sabine und ich haben kürzlich unseren „140.“ (= 2×70) gefeiert und wollten gern Freunde und Weggefährten einladen, die uns viel bedeuten. Der Saal fasste 100 Personen und es passten nicht alle rein, die wir gern dabei gehabt hätten.
Wir sind beschenkt mit einem Beziehungsnetzwerk vieler guter, eng vertrauter Freunde. Darunter sind zahlreiche geistliche Wegbegleiter, die für mich über die Jahre sehr wertvoll waren und bis heute sind. Trotz aller Probleme, die es natürlich auch gab, war Gemeinde Jesu für mich immer ein Geschenk des Himmels. Gleichzeitig kenne ich natürlich auch Problemlagen, bei denen Gott nicht so eingegriffen hat, wie wir es erbeten haben. Krankheit bei unseren Kindern, andere Probleme, die sich bis heute nicht so gelöst haben, wie wir erhofft haben. Auch als Pastor habe ich in all den Jahren Menschen eng begleitet, die durch schwere Zeiten gegangen sind. Das geht einem auch selbst unter die Haut, wenn Probleme unterschiedlicher Art sich nicht lösen, ja eher größer werden.
Haben Sie selbst schon einmal wie Hiob mit Gott „gestritten“? Ohne sofort Antworten zu bekommen?
Ekkehard Vetter: Wann immer diese Frage so oder anders gestellt wird, denke ich an eine Situation, die ich nicht vergessen werde. Kurz gesagt: Freunde von uns hatten ein unter anderem schwer herzkrankes Baby bekommen. Es folgten viele OP´s, viel Hoffen und Bangen, dann eines Tages der Anruf mitten in der Nacht, ob ich ins Krankenhaus kommen könne. Ein enger Freundeskreis traf sich dort, wir sangen und beteten und dann sah ich, wie vor meinen Augen dieses Baby in den Armen seiner Mutter starb. Das war erschütternd und natürlich fragt man, warum Gott erst Leben schafft, was er dann nicht erhält. Und der vorwurfsvolle Gedanke war da: „Gott, wenn ich du wäre, ich wüsste, was ich täte …“
Was raten Sie jemandem, der gerade selbst wie Hiob „im Aschehaufen“ sitzt und das Gefühl hat, seine Gebete verhallen ungehört?
Ekkehard Vetter: Meine erste Assoziation bei dieser Frage: Ratschläge sind auch Schläge. Will sagen, das Gute, was Hiobs Freunde anfangs taten, sie waren bei ihm, sie schwiegen sieben Tage und Nächte. Keine schlauen Sprüche, sondern tiefe Solidarität mit dem von so maßlosem Leid getroffenen Hiob. Was Menschen zuallererst brauchen, ist Nähe und Beziehung, liebevolle Zuwendung, weinen mit den Weinenden. In der Bibel gibt es mehrfach die tiefsinnige Formulierung, dass wir vor Gott unser Herz ausschütten können. Das heißt doch, meine innersten Gedanken, mein Unverständnis über sein Handeln bzw. Nicht-Handeln, meine tiefsten Empfindungen – all das kann ich vor ihm ausschütten. Ich würde Menschen zu radikaler Ehrlichkeit vor Gott ermutigen, aber ihnen empfehlen, dass Gott selbst der Adressat aller Klage, allen Frustes allen Unverständnisses bleiben sollte.
Was ist für Sie der stärkste Vers des Hiob-Buchs?
Ekkehard Vetter: Klassische Antwort: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.“ Ja – aber mich fasziniert etwas anderes stärker, nämlich dass es ein Buch in der Bibel gibt, in dem wir schwarz auf weiß nachlesen können, wie jemand mit Gott gerungen hat, ihn ehrlichen Herzens voller Unverständnis auf die Anklagebank gesetzt hat. Wie beeindruckend, dass uns die Heilige Schrift das Gebet eines unfassbar Leidenden zumutet: „Du hast dich mir verwandelt in einen Grausamen …“ (Hiob 30,21). Da ist keine cancel culture für solche Gedanken und Gebete, sondern Hiobs Worte und Gedanken werden knochenehrlich beschrieben. Das Buch Hiob ist eine Einladung, sich nicht fromm zu verbiegen und in Leiderfahrungen Gebete abzuspulen, die nicht ehrlich sind. Aber es ist auch eine Einladung, an Gott dran zu bleiben, die Klage an IHN zu richten, den Kontakt zu IHM nicht abreißen zu lassen.
Vielen Dank für das Gespräch!
Ekkehart Vetter (*1956) ist evangelischer Theologe, Autor und langjähriger Pastor im Mülheimer Verband Freikirchlich-Evangelischer Gemeinden. Von 2017 bis 2022 war er Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz >>> Allianz-Vorsitzender trifft Papst Franziskus
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