Die frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, fordert eine stärkere Beteiligung der Reichen am Sparprogramm der Bundesregierung.
«Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander», sagte sie in einem epd-Interview. Es dürfe nicht sein, dass gerade Hartz-IV-Familien und Wohngeldempfänger belastet werden. «Wir müssen wachsam sein, dass der soziale Friede nicht gefährdet wird», so Käßmann zudem im «Spiegel». Wer mehr leisten könne, sollte auch mehr zur Solidargemeinschaft beitragen als andere.
«Geiz gehört schon in der Bibel zu den Lasterkatalogen und ist überhaupt nicht ‚geil’», sagte die evangelische Theologin dem Nachrichtenmagazin. Es sei falsch, 30 Milliarden Euro ausgerechnet bei den Armen einzukürzen. Die «Entsolidarisierung» der Gesellschaft sei ein großes Problem.
Die Ex-Bischöfin sprach sich außerdem für eine Abschaffung der Wehrpflicht aus. Wenn von den jungen Männern weniger als die Hälfte Wehr- oder Zivildienst leisten, könne von Wehrgerechtigkeit keine Rede mehr sein. «Unter den jetzigen Umständen macht eine Freiwilligenarmee wesentlich mehr Sinn», sagte Käßmann im epd-Interview.
Um den Wegfall des Zivildienstes auszugleichen, müssten aus Sicht der früheren EKD-Ratsvorsitzenden die Freiwilligendienste attraktiver werden und mehr Vollzeitstellen im Sozialwesen geschaffen werden. «Das Geld, das für die bürokratische Organisation von Zivil- und Wehrdienst ausgegeben wird, sollte besser an die sozialen Träger fließen, um Beschäftigungsmöglichkeiten zu schaffen», sagte die Präsidentin der Zentralstelle für Recht und Schutz der Kriegsdienstverweigerer. Eine allgemeine Dienstpflicht hält sie für absurd: «Sie können in ein Altenheim nicht junge Leute stellen, die sagen: Ich habe keinen Bock.» Das wäre unzumutbar für die Hilfsbedürftigen.
Käßmann bekräftigte in ihren ersten Interviews nach ihrem Rücktritt ihre Kritik am Militäreinsatz in Afghanistan. Ihre öffentlich teils scharf angegriffene Neujahrspredigt mit dem Satz «Nichts ist gut in Afghanistan» würde sie jederzeit wiederholen, sagte sie. Es freue sie, dass Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) inzwischen davon spreche, dass die Predigt eine wichtige Diskussion angestoßen habe.
Dass Menschen aufgrund der Anweisung eines deutschen Soldaten sterben, sei «für die Gesamtgesellschaft ein Schock», so die Ex-Bischöfin. «Auf einmal ist klar: Wir laden als Nation wahrscheinlich Schuld auf uns. Das ist viel zu lange tabuisiert worden.»
Die evangelische Kirche warnte Käßmann vor einer «Theologie des Erfolges». «Die Kirche darf sich nicht in ökonomische Zwänge drücken lassen und nur noch auf Zahlen fixiert sein. Auch wenn nur 15 Gottesdienstbesucher in der Kirche waren, macht das Sinn», sagte Käßmann im epd-Interview. «Wir werden in diesem Land eine relevante evangelische Kirche bleiben, auch wenn die Umstände sich verändern werden.» Eine Kirche dürfe keine Angst vor Veränderung haben, müsse sich ihr Gottvertrauen bewahren.
Käßmann hatte im Februar alle kirchlichen Leitungsämter niedergelegt und damit die Konsequenz aus einer Alkoholfahrt am Steuer ihres Dienstwagens gezogen. Ihre eigene berufliche Zukunft sieht die 52-Jährige dennoch in der Amtskirche: «Ich habe eine große Liebe zu dieser Kirche, und ich sehe mich auch weiter in ihrem Dienst und nicht irgendwo auf einem Gleis daneben», sagte sie dem epd. Sie wolle sich «auf keinen Fall gegen die Institution Kirche ausspielen lassen oder einen Dissidenten-Status haben».
Eine Kandidatur für das Amt der Bundespräsidentin sei für sie nicht infrage gekommen: «Im Moment will ich lieber drei Schritte aus der Öffentlichkeit zurücktreten. Und das Amt der Bundespräsidentin erfordert eine enorme öffentliche Präsenz und Verantwortung.»
Im August geht Käßmann zu einem viermonatigen Studienaufenthalt in die USA. Nach eigenen Worten hat sie über ihre weitere berufliche Zukunft noch nicht entschieden.
(Quelle: epd)
