Für den modernen Leser sind Witz und Satire in der Bibel nicht leicht erkennbar. Aber: Zwischen den Zeilen gibt es mehr Humor als erwartet.
Von Lina Ellert
Was? Gott muss vom Himmel herabsteigen, um sich den vermeintlich „riesigen“ Turm zu Babel anzusehen? Was ist denn da passiert? Bis jetzt dachte ich immer, nichts entgeht Gottes Sichtfeld … aber unserem schon.
Laut der Deutschen Bibelgesellschaft oder auch den Kommentaren in der ESV Studienbibel (English Standard Version) sind viele der für uns teils unverständlichen Stellen tatsächlich witzig gemeint. Immerhin ist die Bibel ein literarisches Werk voller Stilmittel. Komödiantische Übertreibung, Überraschung, drastische Wortbilder, Ironie und Satire prägen den Humor der Bibel. Die Menschen in der Antike haben sich bei den Witzen bestimmt weggeworfen vor Lachen, während wir nur mit Unverständnis aufs Papier starren können. Tja, wer ist jetzt die moderne Zivilisation? Römisches Reich 1, wir 0.
Jona:
Jona handelt im gesamten Buch wie eine Comic-Figur. Abgesehen von seinem aberwitzigen Vorhaben, vor Gott selbst davonzulaufen (wohin wollte er gehen? Jona 1,3), wird er auch noch von einem Fisch (!) wieder eingefangen (Jona 2,1). Die Bibel spezifiziert nicht einmal, welcher Fisch. Wir vermuten zwar, dass es ein Wal war, doch wie viel witziger wäre es, wenn Jona sich in einen Walhai hätte quetschen müssen? So hab ich mich in meiner ersten eigenen Wohnung gefühlt.
Aber selbst das wird noch getoppt, als Jona – nachdem er aus der Ferne auf das Massensterben einer Großstadt (in etwa so viele Einwohner wie Regensburg) wartet, die ihm völlig egal ist – parallel dazu Mitleid mit einer Pflanze hat. Und zwar nicht gerade wenig: Er verkündet, lieber sterben zu wollen, als ohne die Staude zu sein (Jona 4,9).
Warum ist das witzig? Das Ideal eines von Gott ausgewählten Propheten findet in Jona ein satirisches Pendant – ein „Was-wäre-wenn“-Experiment eines ungehorsamen und augenscheinlich ziemlich ungeeigneten Propheten. Trotzdem traut Gott ihm zu, die Botschaft zu überbringen. Gerade deshalb ist Jona allerdings vielen (auch mir) so sympathisch: Er ist eine Figur voller Fehler – genau wie wir.
Zudem führt uns das Buch vor Augen wie unperfekt wir Menschen sind: Wir sind egoistisch, denken die Dinge nicht zu Ende und verlangen Bestrafungen für Fehler, die wir selbst begehen. Würden wir uns von außen betrachten, müssten wir über uns selbst lachen – genau wie über Jona.
Esther:
Auch im Buch Esther finden wir viele komische Elemente. Hier aber nicht bei unserer Heldin, sondern dem „Bösewicht“ der Geschichte: Haman. Er ist der klassische Schurke, der anderen eine Grube gräbt und selbst hineinfällt. Immer wenn ich an ihn denke, stelle ich mir einen typischen Disney-Schurken mit langer Nase und Augenringen vor, denn: Esthers Geschichte weist, basierend auf ihrem Aufbau und ihren narrativen Elementen, klassische Merkmale eines Disney-Films oder Hollywood-Blockbusters auf (das wäre mal eine Realverfilmung, die die Leute sehen wollen). Dazu gehört auch: Der schwarze Humor, der uns über Bösewichte lachen lässt.
Zur Erinnerung: König Ahasveros beschließt Mordechai zu ehren (den Mann, den Haman umbringen will). Dazu stellt der König seinem Gefolgsmann Haman eine Fangfrage: „Was kann ich für einen Mann tun, den ich belohnen möchte? (Esther 6,14)“ Haman denkt, dass er selbst der Beschenkte ist und wünscht sich ein geschmücktes Pferd und hübsche Kleider. Vielleicht ist er eifersüchtig auf Ester – will er lieber die Prinzessin sein? Doch der König lässt Hamans Träume zerplatzen und befiehlt ihm, die Luxusgüter zu besorgen und Mordechai zu überreichen – Hamans Feind (Ester 6,6 ff.)
Später beschließt König Ahasveros, Haman für den geplanten Massenmord an den Juden hinzurichten, der davor für ihn kein Problem war (Ester 3,10 ff.). Ach ja, heute wieder einen Massenmord genehmigen – ein ganz normaler Dienstag. Aber Ester sei Dank erkennt er, dass das vielleicht doch etwas zu weit geht (Ester 7,7).
Daraufhin eskaliert die Situation: Haman schmeißt sich vor Ester auf den Boden und fleht um sein Leben. Dazu steigt er auf die Bank (oder Couch), auf der Esther gerade liegt. Der König, der gerade in diesem Moment vom Palastgarten zurückkehrt (perfektes Timing), versteht die Situation falsch und fängt an, Haman anzubrüllen: „Will er jetzt auch noch die Königin in meinem eigenen Palast und vor meinen Augen vergewaltigen? (Esther 7,8 ff)“ und befiehlt, Haman sofort zu hängen. Und zwar mit genau dem Strick, den er selbst zuvor für Mordechai vorbereitet hatte. Ironischer kann ein Bösewicht nicht bestraft werden.
Hier fungiert der Humor als Wegweiser, um Gut und Böse einzuordnen: Der Leser soll Haman auslachen, während er mit Esther mitfühlt. Esters Herausforderungen bestehen aus ernsthaften Beschreibungen, während Haman durch Hochmut und Sitcom-reife Missverständnisse absurd und lächerlich erscheint. Das führt dazu, dass der Leser eine Distanz zu Haman entwickelt und ihn als abschreckendes Beispiel verinnerlicht.
Genesis:
Sogar im ernsten Geschichtsbuch Genesis findet sich Humor!
Beispielsweise lachen sowohl Sara als auch Abraham darüber, dass ihnen mit 100 Jahren noch ein Kind verheißen wird (1. Mose 17,17 & 1.Mose 18, 12). Und man muss wirklich kein Gynäkologe sein, um das für unrealistisch zu halten. Allerdings bekommen sie tatsächlich einen Sohn! Daher der passende Name für das Baby: Isaak bedeutet „Er lacht“ oder „Lachen“ auf Hebräisch. Diese ironische Namensgebung drückt sowohl Jubel über das späte Familienglück aus, als auch Gottes unendliche Macht. Dadurch wandelt Gott Saras und Abrahams Skepsis in Freude um: „Und Sara sagte: „Gott lässt mich wieder lachen! Jeder, der das erfährt, wird mit mir lachen! Denn wer hätte gedacht, dass ich in meinem Alter noch Mutter werde“ (1.Mose 21, 6).
Hier zeigt sich ein Gegenstück zu dem zynischen Humor gegenüber Haman. Während Hamans Erwartungshaltung sich nicht bewahrheitete und stattdessen etwas viel Schlimmeres passierte, geschah bei Sara und Abraham etwas unerwartet Positives: Beide Male entspringt der Humor aus einer ironischen Wendung oder Überraschung. Ziemlich passend zu einem Leben mit Gott – da kann einfach alles passieren. Gott lacht ja sogar über wissenschaftliche Gesetze.
Noch im selben Kapitel passiert es erneut: Diesmal kehrt sich das alttestamentarische Gottesbild des mächtigen und ehrfurchterregenden Schöpfers zu einem … Flohmarktverkäufer? Und dazu noch einem ziemlich Großzügigen. Als Gott verkündet, Sodom und Gomorrha zerstören zu wollen, diskutiert Abraham mit ihm. Er fragt mehrmals in bescheidener Manier, ob Gott die Rechtschaffenen zusammen mit den Böswilligen bestrafen will (1. Mose 18, 23). Wobei ich mich frage, wie Abraham es geschafft hat, gleichzeitig höflich und dreist zu sein.
Und das Erstaunliche: Gott gibt immer wieder nach: Wenn sich auch nur 50 Rechtschaffene finden, will Gott die Stadt nicht zerstören, sagt er Abraham zu. Doch da hört er noch nicht auf. Es gelingt Abraham ihn von 50 Rechtschaffenen auf 10 (!) runterzuhandeln (1.Mose 18, 32).
Eine absurde Situation. Abraham diskutiert mit Gott. Und nicht nur das, er feilscht wie auf einem Basar und reduziert die Zahl in kleinen Zehnerschritten. Geht es um Parfum-Flakons oder um Menschenleben? Noch skurriler ist, dass Gott trotz dieser kleinen Schritte nicht die Geduld verliert, sondern jedes Mal aufs Neue zustimmt. Also auch hier: Humor, der aus Überraschung entspringt. Es überrascht uns, dass Gott als allmächtiges Wesen mit sich diskutieren lässt. Und es überrascht uns, wie nah Gott uns ist, obwohl er eigentlich fern und unfassbar sein müsste.
Fazit
Die Bibel ist ein sehr geheimnisvolles Buch. Aus meinem neunmonatigen Bibelschulkurs bin ich mit mehr Fragen rausgegangen, als ich reingekommen bin. Doch eine Sache habe ich gelernt: Dass es eben die Lesung für langweilige Langweiler gibt und die Lesung für Leute mit Humor. Ok, Spaß beiseite: Der Humor in der Bibel ist nämlich nicht nur zur Unterhaltung da, sondern erfüllt wichtige Funktionen: Er veranschaulicht, was gut und böse ist, regt uns zur kritischen Selbstreflektion an und zeigt uns, dass Gottes Wesen um einiges vielfältiger ist, als wir es uns ausmalen könnten.
Bei manchen Formulierungen bleibt uns auch das Lachen im Hals stecken: Beispielsweise, wenn Jesus uns mahnt, sich nicht über den Splitter im Auge des anderen aufzuregen, während uns ein Balken aus dem Auge hängt. Klar hätte er auch sagen können: „Fangt zuerst bei euch selbst an“, aber würde uns die Stelle dann so gut im Gedächtnis hängen bleiben (wie ein Balken?). Eher nicht. Meiner Meinung nach macht der Einsatz von Humor die Bibel zu einem vielseitigeren und klügeren Buch – und hilft uns dabei, Gottes Weisungen leichter zu verstehen.
Lina Ellert ist Volontärin bei Jesus.de und MOVO im SCM Bundes-Verlag.
Weiterlesen:
Humor im Alten Testament (Deutsche Bibelgesellschaft / Gisela Matthiae)
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,> Eine absurde Situation. Abraham diskutiert mit Gott. Und nicht nur das, er feilscht wie auf einem Basar und reduziert die Zahl in kleinen Zehnerschritten.
Absurd ist das nur aus christlicher Sicht. Genesis ist aber eine jüdische Schrift. Und das Judentum hat eine andere Sicht auf das Verhältnis von Gott zu den Menschen.
Während das Christentum von einer geschenkten Gnade und damit einer Einseitigkeit ausgeht, liegt dem jüdischen Verständnis eher ein Vertrag, eben ein beidseitiger Bund, zugrunde. Da fällt es leichter, eben auch mit Gott handeln zu können.
Die scheinbare Absurdität ergibt sich also daraus, dass man den Text einer anderen Religion durch die eigene Brille betrachtet.
Ebenfalls Sitcom-reif die Stelle in der die 3 Freunde auf Hiob einreden und ihn versuchen von seiner angeblich selbstverursachten Bestrafung überzeugen und er antwortet:
„Wirklich, ihr seid (…) Leute, und mit euch wird die Weisheit aussterben!“
😂
https://www.csv-bibel.de/bibel/hiob-12