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„Das Lesen des Korans kann für Christen erkenntnisreich sein“ (Teil II)

Der Theologe und Islamwissenschaftler Yasin Adigüzel ist christlich und muslimisch zugleich aufgewachsen, bevor er bewusster Christ wurde. Im Gespräch erzählt er über Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden heiligen Bücher – biografisch und theologisch. Teil II.
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Von Lydia Rieß

Glaubst du, jemand könnte allein durch die Lektüre des Korans zum muslimischen Glauben kommen?
Ich bin sicher, dass das so ist, ja. Ich habe eine muslimische Bekannte, die durch das Lesen des Korans zum Glauben gekommen ist. Natürlich spielt auch vieles mit hinein, was sie selbst nicht so wahrnimmt: Prägung, Beziehung zu Mutter oder Vater und dergleichen. Aber sie hat die Bibel beim ersten Buch Mose angefangen und ist bis zu den Chronikbüchern gekommen und hat für sich gemerkt: „Das ist doch totaler Quatsch“. Und dann hat sie den Koran gelesen und hat gedacht: „Das muss von Gott sein. Ich glaube das.“

Porträt von Yasin Adigüzel
Yasin Adigüzel, Foto: Julian Meinhardt (Evangelisches Jugendwerk in Württemberg)
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Und umgekehrt, glaubst du, dass jemand allein durch die Lektüre der Bibel zum christlichen Glauben kommen kann?
Ich weiß, dass das schon passiert ist. Natürlich kann man auch hier nicht sagen, ob da nicht unterbewusst schon andere Dinge gelaufen sind. Aber ich weiß, dass Leute sagen: „Ich habe die Bibel gelesen und war so ergriffen und berührt, dass ich jetzt glaube.“ Ich kann auch gleich sagen: Bei mir war das nicht so. Weder beim Koran noch bei der Bibel. Ich habe drei Jahre gebraucht, um am Ende eine Entscheidung zu treffen.

Würdest du sagen, für Christen ist es wichtig, auch mal den Koran gelesen zu haben?
Ich würde es nicht wichtig nennen. Ich glaube, dass es wertvoll sein kann. Aber für viele Christen ist es sicherlich eine Überforderung, mit dem Koran anzufangen, weil er schwer zu lesen und zu verstehen ist. Das ging mir auch so, als ich jung war. Erst im Studium ist mir vieles langsam aufgeschlüsselt worden. Ohne Vorwissen würde ich nicht mit dem Koran anfangen, sondern eine andere islamische Quelle nehmen, die Sīra, die Prophetenbiographie. Die erzählt nämlich eine Geschichte, und zwar die Geschichte des Propheten Mohammed. Der Koran ist ja über einen Zeitraum von 22 Jahren geoffenbart worden, und bezieht sich immer wieder auf Ereignisse oder nennt Namen. Die Sīra bietet diesen Kontext.

„Wenn der Koran einen gläubigen Christen vom Glauben abbringt, dann nicht, weil er so eine Überzeugungskraft hat, sondern dann ist das ein Anzeichen dafür, dass der eigene Glaube auf einem wackeligen Fundament stand.“

Könnte es für Christen auch gefährlich sein, den Koran zu lesen, weil sie dann vielleicht von ihrem eigenen Glauben abfallen würden?
Nein, das glaube ich nicht. Wenn der Koran einen gläubigen Christen vom Glauben abbringt, dann nicht, weil er so eine Überzeugungskraft hat, sondern dann ist das ein Anzeichen dafür, dass der eigene Glaube auf einem wackeligen Fundament stand. Diese Argumentation gleicht der, wenn mir Leute sagen: Es ist ein Fehler, an einer Theologischen Fakultät einer staatlichen Universität zu studieren, weil das einen vom Glauben abbringt. Ich habe so studiert und kann im Nachhinein sagen: Es hat zwar Fragen aufgeworfen, aber für mich war das ein ganz wertvoller Prozess, auch für meinen Glauben. So glaube ich, dass auch die Beschäftigung
mit dem Islam oder das Lesen des Korans für uns als Christen erkenntnisreich und weiterführend sein kann.

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Darf man den Koran nur auf Arabisch lesen? Ist nur das der wahre Koran?
Nein, nur eine kleine Minderheit von Muslimen sagt, dass man den Koran nicht in einer anderen Übersetzung lesen darf. Die meisten nicht-arabischen Muslime lesen Koranübersetzungen wie einen Kommentar zum Text, der das Verstehen erleichtert. Aber dass man eine Übersetzung nicht als Koran bezeichnen darf, dem stimmen die meisten Muslime zu. Der heilige Koran ist der arabische Text, wie er vor fast 1400 Jahren aufgeschrieben wurde. Auf den anderssprachigen Koranausgaben steht entsprechend auch als Titel nicht: „Der Koran“, sondern: „Das ist die ungefähre Bedeutung des heiligen Koran.“

Gibt es deiner Erfahrung nach wirklich einen großen Unterschied, ob man den Koran nun auf Deutsch oder Arabisch liest?
Je nach Übersetzung fließt die Interpretation der Übersetzer sehr stark in den Text ein. Es gibt aber auch genaue Übersetzungen. Rudi Paret, bereits verstorbender Tübinger Islamwissenschaftler, hat eine Übersetzung rausgegeben, die in islamwissenschaftlichen Arbeiten zitiert werden darf, weil er versucht hat, ganz wörtlich zu übersetzen. Das ist manchmal mühsam zu lesen. Da stehen oft Fragezeichen oder Alternativen, wenn die Übersetzung nicht ganz eindeutig ist. Aber dadurch hat man genau das, was der arabische Text auch hergibt. Wenn man eine Übersetzung nimmt, die leichter zu lesen ist, muss man aushalten, dass der Übersetzer da gewisse Entscheidungen getroffen hat. Das ist ja bei den verschiedenen Bibelübersetzungen ebenfalls so.

„Für mich liegt ein großer Wert auch in einer kritischen Näherung sowohl der koranischen wie auch biblischen Texte. Nur so kann ich selbst zu einer fundierten Meinung gelangen.“

Im Christentum haben wir eine große Menge an Einführungen in die Bibel, Bibelleseplänen, oder Andachtsbüchern – gibt es das für den Koran auch?
Leseempfehlungen, Einführungen und Kommentare gibt es für den Koran auch, ebenfalls in großer Zahl. In meiner Jugend habe ich in Korankommentaren nach Antworten auf meine Fragen zum Korantext gesucht. Enttäuschend war, dass mich die Erklärungen und Begründungen, die ich gefunden habe, nicht überzeugen konnten. Ich stellte fest, dass Behauptungen aufgestellt und nicht begründet wurden. Für mich liegt ein großer Wert auch in einer kritischen Näherung sowohl der koranischen wie auch biblischen Texte. Nur so kann ich selbst zu einer fundierten Meinung gelangen.

Würdest du für dich persönlich sagen, du kannst mit einem Muslim zusammen beten? Beten Moslems und Christen denselben Gott an?
Zu dieser Frage könnte man Bücher füllen. Von mir persönlich gibt es da die Antwort: Ich bin so aufgewachsen. Bei mir in der Familie sind interreligiöse Gebete an der Tagesordnung, etwa wenn wir am Tisch sitzen und zusammen essen. Deshalb muss ich sagen: Es geht. Gleichzeitig sage ich aber auch: Ich vermeide es, wo es auch anders geht – weil ich selbst diese Frage nicht sicher mit Ja oder Nein beantworten kann. Ist es derselbe Gott? Ich weiß es nicht. Als Christ kann man mit guten Gründen sowohl zu der einen als auch zu der anderen Position kommen. Diese Frage ist vielleicht bei Gott am besten aufgehoben, der weiß das schon.

Teil I ist hier erschienen.


Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift Faszination Bibel erschienen, die wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.

 

 

 

 

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