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DDR: Als Christ im Widerstand gegen die Staatsgewalt

Kurt Schaefer war erst 18 Jahre alt, als er sich dem SED-Regime widersetzte. Eine Geschichte über authentisches Christsein und großen Mut.

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Von Christel Eggers

Ich begegnete Kurt Schaefer, aktiver und vielfach engagierter Pfarrer im Ruhestand, weil in meinem Nachbarstädtchen Otterndorf, in dem er wohnt, im Filmclub der Film „Das schweigende Klassenzimmer“ gezeigt wurde – ein Film über den Widerstand einer Abiturklasse gegen den DDR-Staat, den ich schon immer mal sehen wollte.

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Vor Beginn des Films erhebt sich ein weißhaariger, älterer Herr – Kurt Schaefer. Er berichtet, dass in dem Film die Geschichte seines jüngsten Bruders gezeigt werde. Der habe die „Atmosphäre im Film als weitgehend authentisch bezeichnet“. Die Story des Kinofilms kommt mir nach seinen Ausführungen besonders nah – und je mehr ich Kurt Schaefer kennenlerne, umso mehr begreife ich die Parallelität der Schicksale der beiden Brüder – nur, dass er seine Geschichte auf andere Weise bereits drei Jahre zuvor durchlebte.

Die Story des Films: Im Oktober 1956 legte die Abiturklasse seines Bruders fünf Schweigeminuten ein zum Gedenken an die Opfer des Aufstands in Ungarn – eine Provokation gegen die junge DDR. Die Staatsmacht möchte den Anführer der Aktion ausfindig machen, doch die Klasse hält zusammen: „Leute, das haben wir alle gemacht!“ – und bleibt dabei bis zum bitteren Ende. Das „bittere Ende“ bedeutet für 16 von 20 Schülern und Schülerinnen, kurz vor Weihnachten ihre Familien zu verlassen (manchmal, ohne dass die das ahnte …) und in den Westen zu gehen. Die verbliebenen vier Schülerinnen wurden DDR-weit nicht zum Abitur zugelassen.

Die Geschichte greift nach mir, und ich beschließe, Kurt Schaefer zu besuchen. Wie war das alles für ihn? Ich treffe ihn in seiner Eigentumswohnung in der kleinen Stadt an der Elbmündung. Schlichte Eleganz der skandinavischen Möbel, auf der Terrasse beim Vogelhäuschen ein fleißiges Kommen und Gehen. Vor Kurzem ist seine Frau gestorben, sie hat ihm noch das Kochen beigebracht. Er erzählt mir aus seinem Leben – ein überaus aktives und widerständiges Leben, seine Kirche hatte es nicht immer leicht mit ihm. „Doch damals – damals war ich kein mutiger Mensch, eher zurückhaltend“ Ich tauche ein ins Jahr 1953.

Eingebettet in den Kalten Krieg

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1953, ein besonderes Jahr im „Kalten Krieg“– wo politische und wirtschaftliche Forderungen mit einer Welle von Streiks und  Demonstrationen einhergingen. Am 5. März stirbt Stalin. Der Aufstand des 17. Juni in der DDR wird gewaltsam niedergeschlagen. In diesem politischen Klima befindet sich der junge Christ Kurt Schaefer aus Storkow im Südosten Berlins zwei Wochen vor den schriftlichen Abiturprüfungen, da erscheint ein „Extrablatt“, eine Sonderausgabe der „Junge Welt“, dem Organ des Zentralrats der Freien Deutschen Jugend. Die Titelzeile: „Junge Gemeinde – Tarnorganisation für Kriegshetze, Sabotage und Spionage im USA-Auftrag“. Die „Junge Gemeinde“ – die Jugendarbeit der Evangelischen Kirche in der DDR – wird verdächtigt, „von den westdeutschen und amerikanischen Imperialisten dirigiert“ zu sein. Darin liege ein „schändlicher Missbrauch des christlichen Glaubens“ und es gäbe da einen als „Diakon getarnten USA-Spion.“

Verdacht gegen die Junge Gemeinde

Heute mag man lächeln über solche Unterstellungen – damals in der aufgeheizten Atmosphäre war das bitterernst. Für manche sogar todernst. Die ahnungslosen Schüler werden in die Aula zu einer Versammlung einberufen. Kurt Schaefer, damals 18 Jahre alt und Mitglied der Jungen Gemeinde:

„Das passierte häufiger, wir kannten das. Da wurde gegen den amerikanischen Imperialismus gewettert und wir haben dann gelangweilt dagesessen. Was die Parteigenossen da redeten, das haben wir oft als lächerlich empfunden.“ Doch dieses Mal ist etwas anders: „Rechts und links saßen wie immer unsere Lehrer – und wir 400 Schüler auf dem Gestühl in der Aula. Aber vorne auf der Bühne saß eine Gruppe Uniformierter. Zum einen Volksarmisten, also Armee und Polizei. Zum anderen saß da eine zivile Gruppe, ich vermute: die Stasi, und außerdem eine Betriebsdelegation des Eisenwerks in Wildau.

Der Direktor gab wie immer die üblichen Floskeln von sich a là amerikanischer Imperialismus und westdeutscher Revanchismus. Und mit einem Mal macht er einen Schwenker: „ … und auch die ‚Junge Gemeinde‘ ist eine Terrororganisation in amerikanischem Solde!‘ Er hatte eine Liste mit unseren Namen. Die konnte er nur haben, weil wir die Anstecknadel der Jungen Gemeinde trugen, die Weltkugel mit dem Kreuzzeichen. Es gab ja sonst keine Ausweise, außer der FDJ durfte es ja keine Jugendorganisation geben. Er hat die Namen aufgerufen, angefangen bei den jüngsten Schülern, der 9. Klasse. Die waren 14, 15 Jahre alt. Sie sollten sagen, dass die ‚Junge Gemeinde‘ eine Terrororganisation ist und dass sie mit dem Adenauer-Regime zusammenarbeiten. Die Jungen und Mädchen wussten zu dieser Anschuldigung nichts zu sagen.“ 

Hineingeboren in eine kritische Familie

Kurt Schaefer stammt aus einer Mathematiker-Familie, es gibt viele Ingenieure, mit Christsein hatte nur die Großmutter etwas zu tun: „Sie war eine ganz weise Frau, die einzige Christin in unserer Familie. Sie hat uns nicht missionieren wollen, sondern sie hat einfach ihr Christsein gelebt. Sie saß abends vor ihrer dicken Bibel (die ich nun habe) und hat gelesen. Ansonsten bin ich in einer sehr säkularisierten Familie aufgewachsen. Aber in einer politisch-kritischen Familie.“ 1934 geboren, berichtet er: „Ich lebte eine schizoide Existenz.“ Die er bereits in seiner Kindheit zur Nazizeit eingeübt hatte. Die Eltern waren anti-nationalsozialistisch. Der Junge beobachtet, wie der Vater, der als Maurer arbeitete, morgens neben dem Frühstück Geschirr einpackt, auch Nähgarn und Nähzeug: „Papa, was willst du denn damit?“ – „Das bekommen die polnischen Zwangsarbeiter, die bei uns auf dem Bau arbeiten.“

An einem anderen Tag kommt der Grundschüler auf dem Rückweg von der Schule am Kalk-Sandstein-Werk vorbei. Er sieht Sträflinge in blau-weiß gestreifter Kleidung und mit Käppis, die Steine aus einer Lore auf einen großen Kahn laden. Daneben stehen Soldaten mit dem Gewehr über der Schulter. Zu Hause berichtet er: „Du, ich habe heute Verbrecher gesehen! Eine ganze Gruppe.“ Der Vater antwortet: „Das sind keine Verbrecher. Das sind Menschen wie wir! Nur: Es können Juden sein, es können Kommunisten sein, es können Leute sein, die sich gegen Hitler aufgelehnt haben.“

Zu Hause und draußen

Kurt lernt, dass zu Hause anders geredet wird als „draußen“. Doch das musste heimlich geschehen, niemand durfte es wissen. „Diese schizoide Existenz habe ich schon damals erlebt – und zu Hause war man auch kritisch gegen die DDR eingestellt, da ging das nahtlos weiter. Genau dieses Nach-außen-öffentlich-sich-unauffällig-bewegen und zu Hause offen sprechen.“

Ganz in der Nähe gibt es das Jugendzentrum der Evangelischen Kirche in der Mark, in Hirschluch. Kinderlager, Jugendfreizeiten, Konfirmandenzeit, so kommt Kurt Schaefer in Kontakt mit der „Jungen Gemeinde“. Später im älteren Kreis der Jungen Gemeinde geht er oft mit drei Freunden an Wochenenden „auf Fahrt“, sie reden und diskutieren offen miteinander – und wussten genau, dass sie sich „draußen“ anders geben mussten.

Unterschreiben – oder Verweis

Der Direktor in der Aula zeigt sich entnervt. Als fünf oder sechs Schüler stehen und schweigen, sagt er: „So kommen wir nicht weiter. Fangen wir bei der 12. Klasse an!“ Das war die Abiturklasse, sie stand 14 Tage vor den schriftlichen Prüfungen. „Schaefer! Erklären Sie, dass Sie aus der Jungen Gemeinde raus sind!“ Kurt Schaefer ist ein eher schüchterner, zurückhaltender junger Mann: „In der Öffentlichkeit groß was zu sagen, war nicht meins, da hatte ich Schiss.“ Doch mit Ruhe und fester Stimme erklärt er: „Nein! Wir sind keine Terrorgruppe, wir sind Christen. Wir sind eine christliche Gemeinde und haben keine revanchistischen Gedanken.“ Damit gibt er den anderen das Stichwort: „Nach mir ging er die Klassen runter: 11., 10., 9. – da haben alle, auch die, die vorher nichts sagten, genauso geantwortet wie ich.“ 

Bis heute kann er sich nicht erklären, woher er die Ruhe und Kraft hatte: „Ich bin dann dort aufgestanden und habe das in der Aula mit diesen 400 Schülern und vor dieser Kulisse dort gesagt mit einer Ruhe; ich spürte eine Ruhe in mir, die ich so noch nie gekannt hatte. Ein Lehrer, der mich nachher auch warnte, sagte zu mir: ‚Kurt, das hätte ich Ihnen nicht zugetraut! Mit welcher festen Stimme und Gelassenheit Sie das gesagt haben!‘ Unter den 400 Schülern waren wir etwa 20. Danach stellte der Direktor den Antrag, dass alle, die die Erklärung mit der Anschuldigung und dem Austritt aus der Jungen Gemeinde nicht unterschreiben, der Schule verwiesen werden sollten. Alle. Wir hätten Bedenkzeit bis zum nächsten Tag.“ 

Zwei Möglichkeiten

Für Kurt ist es eine Beruhigung, wie der Vater zu Hause weise reagiert: „Kurt, du hast zwei Möglichkeiten. Entweder du sagst, du gehst raus aus der Jungen Gemeinde – damit ist dein Studienplatz gesichert und deine Zukunft steht nicht infrage. Aber du kannst auch anders entscheiden, wenn du dein Gewissen nicht belasten willst, und sagen, dass du in der Jungen Gemeinde bleibst. Du wirst der Schule verwiesen und deine Zukunft ist nicht gesichert. Du darfst entscheiden, du hast immer meinen Beistand.“ Mit 18 Jahren war man damals in der DDR volljährig. Von einigen anderen erfährt er, dass sie zu Hause unter Druck gesetzt wurden, zu unterschreiben.

Unter Druck der Staatsgewalt

„Am nächsten Morgen hatten wir in der ersten Stunde Mathe. Da kam der Direktor rein: ‚Schaefer, unterschreiben Sie!‘ Und ich sagte: ‚Nein!‘ Er darauf: ‚Bitte, packen Sie Ihre Sachen, verlassen Sie die Schule. Ihnen ist untersagt, dieses Schulgelände jemals wieder zu betreten.‘“ Damit verließ der Direktor die Klasse. Stille. Einer Mitschülerin liefen die Tränen. „Ich packte meine Tasche und habe mich vom Mathelehrer mit Handschlag verabschiedet. Er sagte sehr ernst: ‚Kurt, Sie wissen ja, was Sie tun!‘ Er meinte natürlich, dass ich mich absetze nach West-Berlin. Das wollte ich aber gar nicht.“

Der junge Mann versucht, sich einen Ausbildungsplatz zu suchen, fragt bei der Sparkasse an. Die Banker sind nicht abgeneigt, doch sobald er erzählt, dass er der Schule verwiesen wurde, steht die Ampel überall auf Rot. „Nicht einmal Straßenfeger hätte ich werden können, ich war politisch stigmatisiert, eine Persona non grata.“ Er versucht es weiter, als ein Schüler ihm eine Nachricht des Mathelehrers überbringt: Kurt solle doch einen kurzen Erholungsurlaub machen.
Ein paar Wochen vor diesen Ereignissen gab es eine Trauerfeier für den verstorbenen Stalin. Ein Freund seines älteren Bruders, der nach der 10. Klasse eine Maurerlehre begonnen hatte, bekam aus diesem Anlass an dem Tag frei – wie alle anderen. Abends in der Gastwirtschaft entschlüpfte dem jungen Mann der Satz: „Ach, so einer kann mal wieder sterben – dann haben wir arbeitsfrei!“ Nachts um zwei Uhr wurde er aus dem Bett geholt – fünf Jahre Arbeitslager … Vielleicht ist die Sache doch ernster zu nehmen als Kurt dachte? Er bespricht sich mit seinen drei Freunden, von den Pfarrern erfährt er in dieser Situation keine Hilfe, wird enttäuscht, fühlt sich allein gelassen. Der Vater? „Mein Vater hat wohl geahnt: Wenn ich bleibe, wäre es für mich schlimmer gewesen. Zwei Tage später war dann auch die Polizei bei uns, um mich zu holen. Er war dann natürlich auch beruhigt, dass ich gegangen bin.“ 

Flucht aus dem Osten

Storkow liegt im Süd-Osten und Potsdam im Westen von Berlin. Damals konnte man nur über West-Berlin nach Potsdam fahren. Kurt verabschiedet sich von der Großmutter, die seit dem Tod der Mutter den Haushalt führt und löst eine Fahrkarte bis Potsdam. „Ich hatte zwei Oberhemden an und ein bisschen was in der Tasche, aber nichts Auffälliges. Kein Buch, keine Zeugnisse, nur meinen Personalausweis. Dann bin ich mit dem Zug bis Königs Wusterhausen gefahren. Königs Wusterhausen war auch die Haltestelle für die Schule. Und dort ist der Umstieg in die S-Bahn. Zufällig sieht mich der besagte Mathelehrer dort auf dem Bahnsteig: ‚Kurt, Sie sind noch hier? Sie sind in der Lehrerkonferenz als Rädelsführer benannt worden!‘ Das hätte arg was werden können! Ich sagte ihm: ‚Ich fahre jetzt!‘ Und bin schlotternd weitergefahren. Das war richtig existenziell!“ 

Kurt Schaefers Fazit: „Dank meiner Familie, Dank der Jungen Gemeinde habe ich ein kritisches Bewusstsein entwickeln können. Das hat es dann auch nachher möglich gemacht, so aufzutreten vor der Schule, vor der versammelten Mannschaft, mich zu meiner Gemeinde und zu meinem christlichen Glauben zu bekennen.“ 

Widerstand heute leben?

Dreißig Jahre Wiedervereinigung: Die Gefahr wächst, die reale Situation für Menschen aus dem Blick zu verlieren, die nicht konform mit dem ostdeutschen System gingen. Die unter einer Diktatur litten. Die Gefahr wächst, die Dankbarkeit zu verlieren für ein neues Miteinander und den Respekt für all jene, die – auch mit Hilfe der Kirche – durch ihre klugen und gewaltfreien Aktionen die Wende, die friedliche Revolution, im Herbst 1989 erreicht haben. Für mich bleibt aus dieser Begegnung die persönliche Frage hängen: Wo lebe ich „schizoid“? Wo verhalte ich mich nach außen unauffällig und spreche nur zu Hause offen? Sind wir wieder so weit? Wo ist es an der Zeit, meine Stimme mutig zu erheben und widerständig zu leben? Kurt Schaefers Leben ist ein ermutigendes Beispiel. Aber es kostet seinen Preis.


Christel Eggers hat diesen Artikel für die Zeitschrift AUFATMEN geschrieben. AUFATMEN erscheint im SCM Bundes-Verlag, zu dem auch Jesus.de gehört. 

 

 

 

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