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Palästinensische Pfarrerin: Wie Sally Azar Hoffnung lebt

Sally Azar ist Palästinenserin und Pfarrerin der Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land. Im Interview beklagt sie, dass palästinensische Christen oft übersehen werden. Sie wirbt für Frieden und Menschlichkeit.

Sally, wie war dein persönlicher Weg zum Glauben?

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Ich bin in Jerusalem aufgewachsen und habe viel Zeit in der Kirche verbracht. Dort habe ich gesehen, welchen Einfluss unsere Kirche auf die Gesellschaft hat. Da habe ich mir gesagt: Ich möchte auch etwas verändern, ich möchte mich mehr in der Kirche engagieren. Gleichzeitig hatte ich immer wieder theologische Fragen, die mich beschäftigt haben – und so kam der Wunsch auf, Theologie zu studieren und mehr über den Glauben zu erfahren.

Welchen Bezug hast du zu Deutschland?

Ich bin auf eine deutsche Schule gegangen. Mein Vater hat in Deutschland Theologie studiert und so bin ich mit zwei Sprachen aufgewachsen. Später habe ich selbst in Deutschland Theologie studiert und mein Vikariat dort absolviert.

Wann wusstest du, dass du Pfarrerin werden möchtest?

Es war ein Prozess. Die Berufung war da, aber mir wurde das erst während meines Studiums bewusst. Ich habe vorher nie darüber nachgedacht, dass ich hier die erste Pfarrerin sein könnte.

In Jerusalem hatte ich meine Gemeinde immer im Blick. Die Jugendarbeit hat mich stark geprägt, und auch meine Familie hat mich beeinflusst. Meine Geschwister sind zwar in unterschiedliche Richtungen gegangen, eine hat Soziale Arbeit und Diakonie studiert, die andere Pharmazie –, aber für uns alle ist die Kirche ein wichtiger Teil unseres Lebens geworden. Und natürlich war es auch prägend zu sehen, wie mein Vater hier aktiv war. Das hat mir Orientierung gegeben und mich bestärkt: Ja, das ist der Weg, den ich gehen will.

Als ich nach meinem Studium und dem Vikariat aus Deutschland zurückkam, war für mich der richtige Moment gekommen. Ich glaube, wenn ich länger gewartet hätte, hätte ich angefangen zu zweifeln.

Du hast dein Vikariat in Deutschland gemacht. Wäre es für dich nicht einfacher gewesen, in Deutschland Pfarrerin zu werden?

Es wäre bestimmt einfacher gewesen. Für mich war es aber wichtig, zurückzukommen: zu meiner Gemeinde, zu meinem Land, zu den Menschen, mit denen ich aufgewachsen bin. Ich wollte etwas zurückgeben und dort wirken, wo mein Herz schlägt. Die Erfahrungen in der Jerusalemer Kirche haben mir gezeigt, wie viel dort bewegt werden kann. Deshalb war für mich klar, dass ich meine Kraft und mein Engagement genau hier einsetzen möchte.

2023 wurdest du als erste Pastorin der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land ordiniert. Wurde deine Rolle als Leiterin angenommen?

Als Pastorin wurde ich in meiner Gemeinde gut angenommen. Unsere Kirche setzt sich seit Jahren für Gleichberechtigung ein und hat viel dafür getan, dass Frauen in Leitungspositionen selbstverständlich werden. In anderen Kirchen oder Konfessionen war das nicht immer der Fall. Dort wurde meine Rolle zunächst nicht angenommen, aber mit der Zeit hat sich das verändert. Die Menschen sehen, dass Frauen in geistlichen Ämtern präsent sind, und langsam wächst die Akzeptanz.

Die Kirche spielt eine wichtige Rolle – nicht nur geistlich, sondern auch gesellschaftlich.

Sally Azar
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Wie sieht ein typischer Alltag bei dir aus?

Es gibt viel Büroarbeit, Besuche, Bibelarbeit und Konfirmandenunterricht. Ich predige und begleite Menschen in der Seelsorge. Hinzu kommen Reisen, zum Beispiel zu Partnerkirchen, bei denen ich über unsere Kirche und die Situation vor Ort berichte. Diese Vielfalt macht den Alltag spannend, aber auch herausfordernd.

Kannst du die Struktur der Evangelisch-Lutherischen Kirche in der Region erklären?

Unsere Kirche umfasst sechs Gemeinden, die alle aus palästinensischen Mitgliedern bestehen. Ich bin in Jerusalem tätig, aber auch mit den Gemeinden in den palästinensischen Gebieten verbunden. Die lutherische Kirche hier hat sich historisch aus der Verbindung zur deutschen Kirche entwickelt. Erst ab den 80er Jahren hatten wir einen eigenen Bischof für unsere Gemeinden.

Heute gehören etwa 3.000 Menschen zur lutherischen Kirche in Jerusalem und den palästinensischen Gebieten. Die palästinensischen Gemeindemitglieder benötigen jedoch eine Genehmigung, um nach Jerusalem zu kommen. Meistens erhalten sie nur eine Tagesgenehmigung, die keine Übernachtung erlaubt. Sie dürfen auch nicht mit ihren eigenen Autos fahren, was den Besuch zusätzlich erschwert.

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Trotz dieser Herausforderungen versuchen wir, die Verbindung zwischen den Gemeinden aufrechtzuerhalten. Die Kirche spielt dabei eine wichtige Rolle – nicht nur geistlich, sondern auch gesellschaftlich.

Du hast die politischen Umstände in deinem Arbeitsgebiet angesprochen. Wie früh bist du damit konfrontiert worden?

Als Kind bekommt man vieles nicht bewusst mit, weil die Eltern versuchen, einen zu schützen. Ich habe zwar Soldaten vor der Schule gesehen, Checkpoints und die Mauer, aber ich wusste nicht genau, was das alles bedeutet.

Erst in der Oberstufe haben wir im Geschichtsunterricht mehr darüber gesprochen. Unser Lehrer hat uns ermutigt, mit unseren Großeltern über ihre Geschichte zu reden. Das habe ich gemacht – beide Seiten meiner Familie sind 1948 aus Jaffa geflüchtet. Sie haben mir erzählt, wie sie damals ihre Hausschlüssel mitgenommen haben, in der Hoffnung, eines Tages zurückkehren zu können.

Der Zusammenhalt zwischen den Kirchen ist sehr stark.

Sally Azar

Ich erinnere mich an einen Besuch mit meinen Großeltern in Jerusalem, als ich etwa zehn Jahre alt war. Sie wollten uns ihre alten Häuser in Jaffa zeigen. Mein Großvater hat damals die Orangenbäume wiedergefunden, die er mit seinem Vater gepflanzt hatte. Doch als wir vor dem Haus standen, hat die Frau, die dort heute lebt, meinen Großvater angeschrien und gesagt, wir sollen verschwinden, sonst rufe sie die Polizei. Das war ein prägender Moment für mich.

Diese Geschichte habe ich erst später richtig verstanden. Meine Oma hat mir auch den Schlüssel gezeigt, den sie von ihrer Mutter bekommen hatte, als sie damals geflohen sind. Das war mein erster bewusster Kontakt mit der politischen Realität hier.

Abgesehen davon war mein Alltag aber eher geschützt. Ich habe viel Zeit in der Kirche verbracht, wir hatten Austauschprogramme mit Jugendlichen aus anderen Regionen. Erst durch diese Gespräche habe ich gemerkt, dass viele nie hinter die Grenzmauer gekommen sind.

Wie ist der Zusammenhalt unter den Christen?

Der Zusammenhalt zwischen den Kirchen ist sehr stark. Gerade in schwierigen Zeiten zeigt sich, wie wichtig es ist, einander zu unterstützen. Die Kirchenleitungen treffen sich regelmäßig, etwa drei- bis viermal im Jahr, um über die Situation der Christinnen und Christen in der Region zu sprechen. Es gibt ein starkes Bündnis zwischen den Kirchen, auch wenn gemeinsame Aktivitäten im Alltag eher selten sind. Ab und zu gibt es Kooperationen, zum Beispiel mit der amerikanischen oder der syrisch-orthodoxen Kirche. Vieles hängt von der jeweiligen Gemeinde und der aktuellen Lage ab. Besonders die Situation in Gaza hat in den letzten Jahren vieles überschattet. Sie beschäftigt uns alle sehr und hat dazu geführt, dass weniger gemeinsame Veranstaltungen stattfinden konnten. Trotzdem bleibt der Zusammenhalt unter den christlichen Gemeinschaften spürbar.

Haben die Christen in der Region einen Einfluss auf die Gesellschaft?

Auch wenn wir als Christen eine Minderheit sind, haben wir einen spürbaren Einfluss auf die Gesellschaft – besonders durch Bildung und soziale Arbeit. Unsere lutherische Kirche betreibt mehrere Schulen, und auch die katholische Kirche unterhält einige Bildungseinrichtungen. Diese Schulen genießen einen guten Ruf, auch unter muslimischen Familien, die ihre Kinder gerne dort anmelden, weil sie sich davon bessere Chancen versprechen.

Durch diese Bildungsarbeit sind Christinnen und Christen in vielen Bereichen der Gesellschaft präsent – in verschiedenen Berufen und Institutionen. Ein Beispiel dafür ist unsere erste Richterin, die aus dem kirchlichen Umfeld stammt. Solche Entwicklungen zeigen, dass wir als Minderheit durchaus eine Stimme haben und zur gesellschaftlichen Vielfalt beitragen.

Wie ist das Leben der Christen in den besetzten Gebieten?

Die Situation für Christinnen und Christen in den besetzten Gebieten bleibt schwierig. Viele unserer Gemeindemitglieder leben in unmittelbarer Nähe zu israelischen Siedlungen, die in den letzten Jahren weiter ausgebaut wurden. Das führt immer wieder zu Spannungen – es kommt vor, dass Gemeindemitglieder von Siedlern oder Soldaten aufgehalten oder kontrolliert werden, obwohl sie sich auf palästinensischem Gebiet bewegen. Als ich zuletzt in Bethlehem war, haben Gemeindemitglieder während eines Gemeindeabends einander gewarnt, weil sie gesehen haben, dass Militärfahrzeuge in ihre Straße eingefahren sind. Solche Situationen sind Alltag: Soldaten kommen regelmäßig in Städte wie Bethlehem oder Beit Jala und nehmen Menschen fest – oft ohne offizielle Begründung und lassen sie erst nach Monaten wieder frei. Auch Christen sind davon betroffen. In solchen Fällen versuchen wir als Kirche einzugreifen und deutlich zu machen, dass es sich um Gemeindemitglieder handelt. Trotzdem sind viele frustriert und verlassen das Land, weil sie unter diesen Bedingungen nicht weiterleben wollen.

Wir als Kirche stehen vor der Herausforderung, unsere Gemeinden zu stärken. Unser Leid ist dabei nicht anders als das der anderen Palästinenserinnen und Palästinenser – wir werden nicht anders behandelt. Für die israelischen Behörden sind wir alle gleich. Manchmal wird gesagt, Christinnen und Christen hätten gewisse Privilegien, etwa durch die blaue ID, die ihnen erlaubt, sich freier zu bewegen. Aber das ändert nichts an der grundlegenden Ungleichheit. In den palästinensischen Gebieten ist der Kontakt zu Israelis meist auf Soldaten und Siedler beschränkt. Das prägt die Wahrnehmung und schafft eine Realität, die sich stark von der in Israel unterscheidet. Trotzdem teilen wir alle, auf unterschiedliche Weise, das Leid unter der Besatzung.

Viele Christen wissen gar nicht, dass es uns gibt. Ich wünsche mir, dass mehr über palästinensische Christinnen und Christen gesprochen wird.

Sally Azar

In Deutschland werden palästinensischen Christen kaum wahrgenommen. Würdest du dieser Aussage zustimmen?

Ja, viele Christen wissen gar nicht, dass es uns gibt. Ich wünsche mir, dass mehr über palästinensische Christinnen und Christen gesprochen wird. Vielleicht ignorieren sie auch unsere Existenz, weil wir nicht ins gängige Bild passen. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, dass unsere Präsenz stört, weil sie das einfache Schwarz-Weiß-Denken infrage stellt.

Auch viele Kirchen oder Gruppen, die nach Israel reisen, besuchen nur die bekannten Orte in Israel und nicht unsere Gemeinden in der Westbank. Dadurch fehlt der direkte Kontakt zu den Menschen, die hier leben.

Ich verstehe, dass die Geschichte Deutschlands eine besondere Beziehung zu Israel mit sich bringt. Aber das darf nicht bedeuten, dass man blind wird für das, was heute geschieht. Wenn ein Freund etwas falsch macht, heißt das nicht, dass man ihn nicht mehr liebt – aber man sollte trotzdem ehrlich sein. Ich wünsche mir, dass mehr Menschen bereit sind, hinzuschauen, zuzuhören und auch unbequeme Wahrheiten anzuerkennen.

Du lebst als Palästinenserin in Jerusalem. Hast du dadurch ein anderes Leben als die Menschen in den besetzten Gebieten?

Als Christin in Jerusalem bin ich im Vergleich zu Palästinenserinnen und Palästinensern in den besetzten Gebieten in gewisser Weise privilegiert – aber das bedeutet nicht, dass ich volle Rechte habe. Ich habe keinen israelischen Pass und bin keine israelische Staatsbürgerin. Stattdessen besitze ich ein Dokument, das bestätigt, dass ich in Jerusalem wohne und mir erlaubt, von hier aus zu reisen. Es ist aber kein vollwertiger Pass.

Zusätzlich habe ich einen temporären jordanischen Pass, weil meine Mutter aus Jordanien stammt. Auch dieser Pass ist kein regulärer Pass, sondern wurde vielen Palästinensern ausgestellt, um ihnen zumindest eine Möglichkeit zur Ausreise zu geben. In beiden Dokumenten steht ausdrücklich, dass ich keine Bürgerin des jeweiligen Landes bin. Und das beschreibt ziemlich genau, wie es sich anfühlt: irgendwo dazwischen, ohne klare Zugehörigkeit. Trotzdem habe ich ein tiefes Gefühl von Heimat.

Du könntest aber einen israelischen Pass beantragen, oder?

Ja, aber ich möchte keinen israelischen Pass. Ein israelischer Pass würde mir zwar mehr Bewegungsfreiheit und Rechte bringen, aber ich bin keine Israelin. Ich möchte nicht Teil eines Systems werden, das mich und viele andere seit Jahren unterdrückt. Außerdem würde ich mit einem israelischen Pass nicht mehr in viele arabische Länder reisen können – Länder, die mir wichtig sind, weil ich familiäre Verbindungen dorthin habe. Mit meinem temporären jordanischen Pass ist das noch möglich.

Wie ist die Situation für euch seit dem Hamas-Angriff am 7. Oktober 2023?

Seit dem 7. Oktober hat sich die Lage deutlich verschärft. Es gibt mehr Checkpoints, neue Straßensperrungen und Einschränkungen im Verkehr. Straßen, die vorher offen waren, sind plötzlich blockiert, und neue Kontrollpunkte wurden eingerichtet, oft an Stellen, wo sie vorher nicht waren. Reisen sind auch deutlich schwieriger geworden. Ich selbst habe für eine Rückfahrt aus Ramallah einmal sieben Stunden gebraucht – und das war noch vergleichsweise wenig. Andere berichten von Fahrten, die normalerweise 20 Minuten dauern, aber jetzt acht bis zehn Stunden in Anspruch nehmen.

Die Unsicherheit ist spürbar gewachsen. Viele Menschen haben Angst, was als Nächstes passiert – besonders mit Blick auf die Westbank, wenn der Krieg in Gaza weitergeht oder sich ausweitet. Diese Angst begleitet uns seit Beginn des Krieges und ist bis heute präsent.

Für unsere Gemeinden bedeutet das: mehr Belastung, mehr Unsicherheit, weniger Bewegungsfreiheit. Die Situation ist insgesamt angespannter, und das wirkt sich auf das gesamte kirchliche Leben aus.

Spaltet das Thema auch die Christen?

Nein, die Situation hat uns als Kirche nicht gespalten, sondern eher darin bestärkt, zusammenzuhalten. Was in Gaza passiert, beschäftigt uns alle. Viele Gemeindemitglieder haben persönliche Verbindungen zu Familien in Gaza. Auch wenn ich selbst niemanden direkt kenne, höre ich von anderen in der Gemeinde, wie wichtig ihnen diese Kontakte sind. Gleichzeitig ist die emotionale Belastung groß. Viele haben kaum noch Kraft, Nachrichten zu verfolgen oder regelmäßig Kontakt aufzunehmen, weil es einfach zu viel wird.

Ich denke, niemand kann sich wirklich vorstellen, wie es ist, unter solchen Bedingungen zu leben. Trotzdem nehmen viele schnell eine Position ein, ohne die Realität vor Ort zu kennen.

Sally Azar

Was würdest du gerne Menschen in Deutschland sagen, die über den Nahostkonflikt urteilen?

Ich würde Menschen in Deutschland zuerst fragen: Wie würdet ihr leben wollen, wenn ihr selbst in dieser Situation wärt? Wie würdet ihr euch wünschen, dass andere mit euch umgehen? Denn ich denke, niemand kann sich wirklich vorstellen, wie es ist, unter solchen Bedingungen zu leben. Trotzdem nehmen viele schnell eine Position ein, ohne die Realität vor Ort zu kennen.

Es geht mir nicht darum, Partei zu ergreifen, sondern Menschlichkeit zu zeigen. Die politische Lage und die Propaganda von beiden Seiten machen es schwer, klar zu sehen, was wirklich passiert. Aber eines ist sicher: Es sind Menschen, die dort leben – Menschen, die leiden, die überleben wollen, die ein Recht auf Leben haben.

Ich finde es nicht menschlich, zu urteilen, wer leben darf und wer nicht. Wir sollten uns nicht anmaßen, über das Leben anderer zu entscheiden. Stattdessen sollten wir Mitgefühl zeigen und uns fragen, wie wir selbst handeln würden, wenn wir betroffen wären.

Antisemitismus bedeutet aus meiner Sicht, Menschen aufgrund ihrer jüdischen Herkunft oder Religion abzulehnen oder zu diskriminieren – und das ist absolut inakzeptabel.

Sally Azar

Ist Kritik an der israelischen Regierung mit Antisemitismus gleichzusetzen?

Ich finde es wichtig, zwischen Antisemitismus und Kritik an der israelischen Regierung zu unterscheiden. Antisemitismus bedeutet aus meiner Sicht, Menschen aufgrund ihrer jüdischen Herkunft oder Religion abzulehnen oder zu diskriminieren – und das ist absolut inakzeptabel. Kritik an politischen Entscheidungen oder am Handeln einer Regierung ist etwas anderes.

Wenn ich die israelische Regierung kritisiere, dann spreche ich über die Besatzung, über die Einschränkungen, die Menschen hier täglich erleben, und über Aussagen von Politikerinnen und Politikern, die Gewalt rechtfertigen oder pauschal gegen Palästinenserinnen und Palästinenser hetzen. Das hat nichts mit dem jüdischen Glauben zu tun – und viele jüdische Menschen, auch Rabbinerinnen und Rabbiner, sagen das selbst sehr deutlich.

Ich glaube, es ist falsch, jede Kritik an Israel sofort als antisemitisch zu bewerten. Das verhindert ehrliche Gespräche und macht es schwer, auf Missstände hinzuweisen. Gleichzeitig ist es wichtig, sensibel zu sein und keine pauschalen Urteile zu fällen – weder über Jüdinnen und Juden noch über Palästinenserinnen und Palästinenser.

Mir ist wichtig, dass es keine religiöse Diskriminierung gibt – weder gegenüber Christinnen und Christen, noch gegenüber Jüdinnen und Juden oder Musliminnen und Muslimen. Ich wünsche mir keine Sonderbehandlung, sondern Gleichbehandlung für alle Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft oder ihrem Glauben.

Was wünschst du dir für deine Kirche?

Ich wünsche mir vor allem Freiheit für alle Gemeindemitglieder – dass sie hier wirklich leben können, wie sie sind, ohne Einschränkungen. Dass sie beten können, wo und wann sie möchten, ohne sich ständig Gedanken machen zu müssen oder sich rechtfertigen zu müssen.

Für unsere Kirche wünsche ich mir auch, dass wir weiterhin zusammenhalten, dass wir sichtbar bleiben und dass unsere Stimme gehört wird. Auch was die Rolle der Frau betrifft: Ich hoffe, dass sich die Gleichberechtigung weiter festigt und dass Frauen in Leitungspositionen selbstverständlich werden – nicht nur in unserer Kirche, sondern überall in der Gesellschaft.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Tim Bergen.



Hinweis: Wir sind uns als Redaktion bewusst, dass das einige Aussagen von Sally Azar polarisieren können – weil das Thema Israel & Palästinenser selbst stark polarisiert und emotionalisiert. Deshalb an dieser Stelle noch einige Ergänzungen.

Sally Azar ist überzeugte Pazifistin und verurteilt die Taten der Hamas. Das betonte sie auf dem Kirchentag in Hannover. Die Pfarrerin hofft, dass Christen einmal eine Vermittlerrolle zwischen Israelis und Palästinensern einnehmen können. Das Ziel ihrer Kirche sei eine Zwei-Staaten-Lösung, ein Leben ohne trennende Mauern. „In einer Region, in der jeden Tag Raketen fliegen, Bomben fallen, Menschen festgehalten und getötet werden, ist ihr Ansatz ein radikaler: beide Seiten zu sehen“, schrieb Johanna Haberer in „Christ & Welt“ über Azar nach einer persönlichen Begegnung im April 2024.

Angesprochen auf das Thema Antisemitismus sagte Azar gegenüber der Evangelischen Zeitung:

„Ich verstehe, dass Christen in Deutschland an der Seite jüdischer Menschen stehen, weil sich die Vergangenheit nicht wiederholen darf. Wir sind auch nicht gegen jüdische Menschen, sondern gegen die israelische Regierung und ihre Besatzungspolitik. Aber das zu sagen, ist nicht antisemitisch. Hier muss man klar trennen zwischen Judentum und dem Staat Israel. Auch viele Israelis kritisieren ihre Regierung. Es geht nicht darum, sich entweder für Israel oder für Palästina zu entscheiden, sondern darum, sich an die Seite der Menschen hier zu stellen. Niemand will, dass Menschen ermordet werden, das ist schrecklich. Es leben auch Christinnen in Gaza. Wir sind gegen jede Art von Gewalt von beiden Seiten. Wir wollen keinen Krieg, sondern einen Waffenstillstand.“

Einen Blick auf die Opfer des Hamas-Terrorangriffs im Oktober 2023 aus israelischer Sicht werfen wir in unserem Israel-Zyklus.

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4 Kommentare

  1. Stammtischbruder:“Die Juden erkennen Jesus als Messias an“. Reine Illusion. Lesen Sie mal, was der Talmud über Jesus Christus sagt.

  2. Eine begründete Hoffnung gibt es tatsächlich, kann aber noch ein „paar Wochen“ dauern. Zwei Dinge, die im Augenblick ziemlich phantastisch erscheinen müssen noch eintreten. Die Juden erkennen Jesus als Messias an und die Araber die Juden als altes Bundesvolk Gottes. Dieser Tag wird kommen und dann ist endlich Frieden !

    • Da Jesus von den jüdischen Anforderungen an den Messias alle wesentlichen nicht erfüllt, werden sie ihn wohl nie anerkennen. Von seiner Vergötterung im Christentum ganz zu schweigen, die es im Judentum beim Messias nicht gibt.

      Aus jüdischer Sicht gab es andere Kandidaten, die es aber letztlich auch nicht geschafft haben.

      • Jesus war nicht Gott

        Jesus war nicht Gott. Was wir (dogmatisch) aber glauben, daß in der Person Jesus Gott selbst anwesend war und auch der Mensch Jesus.
        Andere Kandidaten, die behaupteten der Messias zu sein, haben es dann aber nicht geschafft, weil man Menschsein nicht ablegen kann.
        Liebe Chey: Jesus wird im Christentum nicht vergöttert. Er nennt sich selbst Menschensohn, betet zu Gott und fragt ihn – weil er wie jeder Mensch Angst hatte – ob der Kelch an ihm bei der Kreuzigung vorübergehen könnte. Sodann schickt Gott bekanntlich einen Engel und Jesus, so die Botschaft, ist mit seinem Weg (auch dem Verzicht auf Gewalt) einverstanden. Mit der Auferweckung und Auferstehung wird Jesus gewissermaßen von Gott adoptiert – die Bibel sagt „erhöht“ – er wird (bildlich gesehen) wie der Sohn Gottes. Allerdings ist Gott stets allgegenwärtig in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, denn es ist auch eine theologische Aussage daß der Himmel zeitlos ist. Wenn Jesus dann gewissermaßen (mal untheologisch geschrieben) ein Teil von Gott wird, ist er von Ewigkeit zu Ewigkeit wie Gott. Allerdings ist dies auch unser gutes versprochenes Erbe, denn in Gottes Neuer Welt kann es keinerlei Tod geben, keine Jugend und auch niemals ein Alter. Jesus machte dies deutlich, als er auf eine (dumme?) Frage antwortete, im Himmel werde daher auch nicht mehr geheiratet. Man könnte den Himmel als jenes Paradies bezeichnen, aus dem wir eigentlich kommen und am Ende des Lebens auch nachhause zurück gehen. Allerdings sind dies immer nur sehr menschliche Bilder, mit denen etwas beschrieben wird, was nicht wirklich erklärbar wäre. Die Hoffnung vom Stammtischbruder teile ich – welch Wunder – hundertprozentig. Wenn Jesus wiederkommt, erkennen ihn alle Menschen und nicht nur die Juden. Auch die Araber sind Söhne von Abrahams Bundesvolk. Allerdings ist die Wiederkunft Jesus schon ein Ereignis des anbrechenden Neue Himmels und der Neuen Erde. Sonst kann ich das Bild nicht verstehen, daß die Toten aus dem Grab kommen. Ich glaube, daß auch unsere Vorfahren, auch die Autoren unserer Bibelüberlieferungen, nicht dumm waren und durchaus wussten, dass
        die Glaubensbotschaft nur verständlicher wird in einer Bildsprache. Auch Dogmen sind imgrunde bildhafte Vorstellungen, weil man eine absolute Wahrheit, die wir eigentlich nicht begreifen, auch nicht anders ausdrücken kann. Religiöse Wahrheit ist daher keinerlei Physik.

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