Vor zwei Jahren fiel der charismatische Leiter und Autor Floyd McClung in eine Art Wachkoma. Christina Schöffler hat mit seiner Frau Sally, die selbst an Krebs erkrankt ist, über diesen schwierigen „Schwebezustand“ gesprochen und darüber, woher sie jetzt noch Zuversicht bezieht.

Von Christina Schöffler

Immer wieder stolpere ich über ihre Namen. In Biografien, die ich lese, oder wenn jemand davon erzählt, welche Begegnungen ihn besonders geprägt haben: Sally und Floyd McClung. In jungen Jahren hat mich ihr autobiografisches Buch „An vorderster Front“ total beeindruckt – wobei mir der englische Originaltitel „Knocking on the devils doorstep“ noch besser gefiel! Eine Familie, die am Hippie-Trail in Afghanistan lebt. Hunderte Backpacker, die auf der Suche sind, finden Jesus. Danach ziehen sie ins Rotlichtviertel von Amsterdam, direkt neben eine Satanskirche. In meinen Träumen sah ich mich schon Seite an Seite mit ihnen, an der Türschwelle des Teufels, um Menschen die rettende Botschaft von Jesus zu bringen. Dass ich nun heute an der Türschwelle der Porschewerke in Stuttgart lebe, zeigt einfach, dass das Leben manchmal anders kommt, als man sich das erträumt. Trotzdem sind Sally und Floyd McClung keine glorifizierten Helden meiner Jugend. Bis heute sind sie mir ein Vorbild darin, Jesus zu lieben und ihm voller Hingabe nachzufolgen, ob in Amsterdam oder in Stuttgart – einfach, weil er es wert ist!

Vor einigen Jahren durfte ich Floyd persönlich kennenlernen. Wir trafen uns in einer ganz kleinen Runde im Haus unseres Freundes Florian. Ich war ehrlich gesagt ein bisschen aufgeregt. Aber als dann dieser freundliche Riese in der Tür stand und mich auf die amerikanische Art mit einem „So good to see you!“ („Wie schön, dich zu sehen!“) in die Arme schloss, hatte ich für einen Moment das Gefühl, nach Hause zu kommen. Da war plötzlich diese tiefe Überzeugung in mir, dass mein Papa im Himmel mich einfach wunderbar findet. So, wie ich bin. Und mit allem, was ich nicht sein kann. Papa Floyd, wie meine Freundin Helen und ich ihn an diesem Wochenende heimlich nannten, strahlte förmlich aus allen Poren diese Vaterliebe Gottes aus. (Kein Wunder, dass dieser Mann das Buch „Das Vaterherz Gottes“ geschrieben hat.) Ich werde seine Antwort auf unsere Frage, wie er sein Herz für Jesus über all die Jahre am Brennen hält, nicht vergessen. Er streckte seine mächtigen Arme weit aus und sagte: „Jeden Morgen, wenn ich aufwache, bitte ich Jesus: ‚Sag mir doch noch mal, wie sehr du mich lieb hast!‘“

„Ich finde es so wichtig, dass wir unser Herz und unsere Gedanken immer wieder mit dem füllen, was Gott sagt und wie er über uns denkt.“

Am Ende unserer gemeinsamen Zeit bat er uns, noch für ihn zu beten. Er war gerade dabei, mit seiner Frau Sally nach Südafrika umzuziehen, um dort junge Leiter zu schulen und sie zu den Völkergruppen zu senden, die noch nie von Jesus gehört hatten. Ich hatte den starken Eindruck, dass Gott ihm eine letzte große Ernte schenken wird – zur Ehre Gottes. Er schaute mich mit seinen strahlenden Augen ganz bewegt an und meinte: „Das wäre einfach wunderbar!“ Gott zu ehren, in jeder Situation und zu jeder Zeit seines Lebens: Das war der große Wunsch seines Herzens.

Dann hörte ich eine Zeit lang nichts mehr von ihm. Bis mich vor zwei Jahren die beunruhigende Nachricht erreichte, dass er schwer erkrankt ist. Vermutlich war es ein Virus, der ihn buchstäblich lahmgelegt hat. Sein Körper ist seither gefangen in einer Art Wachkoma. Zum Erstaunen der Ärzte reagiert er trotzdem immer wieder. Mal mit Tränen in den Augen bei einem Gespräch. Mal mit breitem Lächeln, nachdem mit ihm gebetet wurde. Aber der hilflose Gesamtzustand ist bis heute unverändert.

Ich fing an, regelmäßig den Blog seiner Frau Sally zu lesen, und stellte immer wieder erstaunt fest, dass ich dabei total ermutigt wurde. Auch wenn sich an Floyds Zustand kaum etwas änderte. Auch wenn Sally über ihre Krebserkrankung schrieb, die plötzlich wieder zurückgekommen war. Ihre Berichte sind ehrlich. Sie sprechen vom Gefühl großer Schwäche. Von täglichen Kämpfen. Aber sie ist auch voller Dankbarkeit und Liebe zu Jesus. Man kann förmlich spüren: Hier ist nichts Aufgesetztes. Keine frommen Floskeln, wie man sich als Christ richtig zu verhalten hätte. Hier ist, mitten in einer unglaublich schwierigen Zeit, eine ruhige Zuversicht, ein scheinbar unerschütterliches Vertrauen auf Jesus. Ganz oft, wenn ich etwas von ihr lese, packt mich die Sehnsucht: „Jesus, so will ich auch mal werden!“ Aber wie wird man so, fragte ich mich. So habe ich Sally einfach danach gefragt.

DAS INTERVIEW

Christina Schöffler: Sally, wie geht es dir im Moment, und wie geht es Floyd?

Sally McClung: Mir geht es gut. Ich erhole mich von vier Operationen und zwei Chemotherapien, die ich letztes Jahr hatte. Es hat gedauert, bis ich wieder zu Kräften kam. Aber langsam geht es wieder. Im Moment ist erst mal vorsichtige Entwarnung, was den Krebs angeht, und ich hoffe, dass es so bleibt, und bete für vollständige Heilung.
Floyd ist im Moment ruhig und friedvoll. An den großen Umständen, für die wir ein Wunder brauchen, hat sich nichts geändert, aber die Ärzte sind erstaunt, dass es ihm soweit so gut geht. Sie hätten es nicht für möglich gehalten, dass er noch so lange lebt.

Wenn ich deinen Blog lese, dann bin ich jedes Mal berührt von deiner Ehrlichkeit, aber auch davon, wie du einen dankbaren Blick auf Jesus behältst. Wie schaffst du das? Wie kannst du mitten in dieser schwierigen Zeit so zuversichtlich an Gottes Güte festhalten?

Das Wunderbare an Gott ist, dass er uns nicht alleine da durchgehen lässt. Er hält unsere Hand, geht neben uns her, er hilft uns und er stärkt uns. Er ist näher als die Luft, die wir atmen. Er geht mit uns durch jede Situation, die uns betrifft. Ohne Gottes Hilfe und seine Treue würde ich es nicht durch die schweren Zeiten schaffen! Ich brauche ihn. Und er hilft mir. Und immer, wenn mein Glaube ins Wanken kommt, dann spreche ich die Wahrheiten Gottes aus. Ich bete sein Wort über mir. Ich danke Gott und preise ihn im Lobpreis für das, was er ist. Er ist so unendlich treu!

Aber Sally, was antwortest du, wenn man dich fragen würde: Wie kann dieser treue Gott es zulassen, dass Floyd so etwas Tragisches passiert? Ihr seid nach Südafrika gezogen, um ihm zu dienen – in einem Alter, in dem andere in ihre wohlverdiente Rente gehen würden. Nun ist Floyd schon über zwei Jahre in diesem unklaren „Schwebezustand“ und bei dir ist der Krebs wiedergekommen. Behandelt Gott so seine Freunde?

Unglücklicherweise leben wir in einer gefallenen Welt mit Krankheit, Leiden und Not. Gott hat uns nie versprochen, dass er uns vor schweren Zeiten bewahren wird, aber er hat verheißen, dass er mit uns durch diese Zeiten geht. Ich bin nicht so heilig zu sagen, dass ich durch solche Zeiten auch gehen will, aber ich kann sagen, dass mittendrin, wenn Gott neben uns hergeht, ein Reichtum und eine Schönheit von ihm offenbar werden, die wir wahrscheinlich niemals auf andere Art erfahren würden. Seine Nähe, eine tiefe Vertrautheit mit ihm, seine Stärke und Gnade und sein liebevolles Flüstern in mein Herz … das sind alles Segnungen, die ich in dieser Zeit erlebe. Ich wünschte, ich müsste nicht durch solche Zeiten gehen. Ich wünschte, Floyd wäre gesund. Ich vermisse ihn so sehr. Ich vermisse die Kameradschaft mit ihm. Aber Gott ist bei mir, auch in Floyds „Abwesenheit“. Er hat mir bis heute geholfen, jeden Morgen aufzustehen, Entscheidungen zu treffen und Probleme anzugehen. In mir ist keine Anklage Gott gegenüber. Ich bin einfach nur so dankbar für seine Güte und Treue, dass er mir durch diese schwere Zeit hilft.

Du warst und bist Floyds engste Gefährtin und Vertraute, über so viele Jahre. Was denkst du, hätte er über diese Situation gesagt, wenn er im Voraus davon gewusst hätte?

Nachdem Floyd schon eine Zeitlang krank war, habe ich eine seiner Predigten angehört, die wir aufgenommen haben. Es war wunderbar, seine Stimme zu hören! Und dann kam ich zu der Stelle, an der er darüber geredet hat, dass wir bereit sein sollen, für das Evangelium zu leiden – zu leiden, um Gott die Ehre zu geben. In seiner Predigt sagt er, dass er bereit wäre zu leiden, wenn es Jesus Ehre bringen würde. Und er fügt auch hinzu, dass er Gottes Gnade dafür brauchen würde, weil er nicht die Stärke dafür in sich hat. Er hat dann, gemeinsam mit seinen Zuhörern, dafür gebetet. Während ich seinen Worten zuhörte, konnte ich nicht anders, als mich zu fragen, ob Gott ihn mit diesem Angebot beim Wort genommen hat. Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass Floyd gesagt hätte, dass er Gottes Güte und Führung vertraut; auch angesichts der jetzigen Situation.

Du hast auch einmal etwas davon erwähnt, worüber Floyd in seiner letzten Unterrichtsstunde vor der Erkrankung mit seinen Studenten gesprochen hat …

Ja. Es war so, dass Floyd in der Nacht mit schrecklichen Schmerzen in seinem linken Oberschenkel aufgewacht ist. Er hatte am folgenden Morgen Unterricht zu geben und wollte wirklich hingehen. Also nahm er Schmerzmittel und ging los. Er musste aber den Unterricht schon nach ein paar Minuten abbrechen, weil die Schmerzen so unglaublich stark wurden, dass er bei mir anrief und mich bat, ihn zum Arzt zu bringen. Seine letzten Sätze an die Studenten waren: „Es gibt so viele, die noch nichts von Jesus gehört haben! Wenn ich nicht weitermachen kann: Werdet ihr das Rennen zu Ende laufen?“ Er konnte ja nicht ahnen, dass er kurz darauf schon auf der Intensivstation liegen würde. Es war ein „prophetischer Aufruf“, auch wenn ihm das in dem Moment nicht bewusst war. Es war seine letzte Predigt.

Kann man sich auf so heftige Zeiten im Leben vorbereiten? Und was würdest du Menschen sagen, die gerade auch Schweres durchmachen?

Die einzige Art der Vorbereitung ist, dass wir nah an Jesus bleiben; dass wir mit ihm reden, sein Wort lesen, mit ihm in Kontakt bleiben und Zeit im Lobpreis verbringen … dass wir uns einfach voll machen mit ihm! Das ist die Vorbereitung und das ist es, wie wir durch solche Zeiten gehen können. Aber wir schaffen es nicht aus uns selbst heraus! Wir überleben dadurch, dass wir uns auf Jesus werfen und uns ganz auf seine Güte und Treue verlassen. Er ist treu und begegnete uns immer wieder in unserer Not.

Wenn du auf dein reiches Leben zurückschaust, in deiner Nachfolge Jesu über so viele Jahrzehnte: Was ist das Wichtigste, das du gelernt hast?

Da Floyd diese Frage oft gestellt wurde, zitiere ich ihn einfach. Er sagte, die größte Erkenntnis seines Lebens ist: „Jesus loves me, this I know. For the bible tells me so.“ („Jesus liebt mich ganz gewiss, denn die Bibel sagt mir dies.“) Es ist ein Kinderlied. So einfach. Aber so tiefgreifend.

Gibt es noch etwas, das dir auf dem Herzen liegt, was du uns weitergeben willst?

In schweren Zeiten wird der Feind uns seine Lügen ins Ohr flüstern. Er versucht uns einzureden, dass Gott sich nicht um uns kümmert, dass er sich nicht für unsere „kleinen Nöte“ interessiert. Ich möchte euch Mut machen, dass ihr euch gegen diese Lügen stellt! Erinnert den Feind daran, dass er besiegt ist, durch das Blut Jesu, das am Kreuz geflossen ist. Er ist ein machtloser Gegner. Sprecht die Wahrheiten Gottes aus. Sein Wort. Die Verheißungen, die er uns zugesagt hat. Die Bibel ist voll mit Versen, wie er uns in unserer Not beisteht. Ich finde es so wichtig, dass wir unser Herz und unsere Gedanken immer wieder mit dem füllen, was Gott sagt und wie er über uns denkt.

Vielen Dank, Sally!


Dieser Artikel ist zunächst in der JOYCE erschienen, die wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.