Es ist eine Trauerbewältigung der besonderen Art. Anne Fleck schreibt über den (menschlich gesehen viel zu frühen) Tod ihrer Freundin und Sparringpartnerin Katharina. Sie schreibt sich von der Seele, was sie von ihr und aus ihrem Vorausgehen gelernt hat, wie sie von ihr inspiriert wurde, was sie mit Katharina verbunden und was sie beide beschäftigt hat. Sie kotzt es richtiggehend hin in einem direkten, entwaffnend ehrlichen und teilweise sehr schnodderigen Tonfall, der sich gleichzeitig auf sprachlich hohem Niveau bewegt.
Das mag widersprüchlich anmuten, aber allein schon der Titel „Zartheit und Krawall“ zielt auf diesen Gegensatz ab, der sich durch das ganze Buch zieht. „Katharina hat sich viel rumgequält, aber als das Leben wirklich bitter geworden ist, wurde es ihr oft ganz leicht ums Herz. Das war paradox, und das ist für mich ein krasses Learning. Ich mache mich zu abhängig von den äußeren Umständen. Die entscheiden nicht über mein Glück.“ (S. 136)
27 alphabetisch sortierte Abhandlungen von A wie Angekommensein bis W wie Würde sind hier versammelt. Ihre große Stärke sind die krass ungewöhnlichen Formulierungen, die sich deutlich von anderen christlichen Büchern unterscheiden. Die Autorin gibt sich nicht mit einfachen und schönrednerischen Antworten zufrieden, sie ist kritisch, sie gräbt tiefer, sie hinterfragt Begriffe, Allgemeinplätze, Glaubenssätze und nicht zuletzt sich selber.
Aus diesem Grund ist „Zartheit und Krawall“ als gemütliche Sofalektüre wenig geeignet, sondern benötigt Leserinnen und Leser, die gedankliche Herausforderungen mögen und ungewohnte Sichtweisen nicht als Affront, sondern als Horizonterweiterung betrachten. „Wir sind der Leib Christi, aber armer Jesus, manchmal sind wir schon ein sehr wehleidiger Körper mit stumpfem Geist und nicht seine Familie, die eine Kultur des radikalen Vertrauens und der Dankbarkeit populär macht. Dieses Denken in kleinen Portionen, dieses Lage-Sondieren („Wer gehört zu meiner Crowd?“) ist eine massive seelisch-geistige Behinderung für einen Christen. So was steht der Pädagogik und dem Lifestyle Jesu diametral entgegen.“ (S. 57) Wer vor solch schonungslosen Aussagen nicht schreiend davonrennt, sondern sie sich gerne noch ein zweites (und drittes…) Mal zu Gemüte führt, der sollte bei diesem Buch zugreifen. „Zartheit und Krawall“ hat mich persönlich an manchen Stellen auf eine tiefe, noch nicht dagewesene Art bewegt. Es hat sich deshalb einen Platz in meinem Herzen und auf meinem Nachttisch verdient; nicht zuletzt wegen des wunderbar schrill-bunten Covers, aber vor allem wegen seines Inhalts, der mir und meinem Glaubensleben einen nötigen Arschtritt verpasst.
Von Karin Engel
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