Reichtum, Krieg, Sinnsuche: Der Weg des Franz von Assisi war alles andere als geradlinig. Eine Predigt wurde zum Wendepunkt in seinem Leben.
Von Lydia Rieß
In einer kleinen Kirche in der Nähe des italienischen Städtchens Assisi im Jahr 1208: Ein junger Mann lauscht der Messe. Durch den Wohlstand seiner Familie stehen ihm alle Türen offen. Er kann tun und werden, was immer er möchte. Dennoch ist er ein Getriebener, ständig auf der Suche nach Sinn und Weg. Einige Stationen hat er bei seiner Suche bereits hinter sich – privilegierter Schüler, erfolgreicher Kaufmann, feiersüchtiger Junggeselle, Soldat auf der Suche nach Ruhm, Kriegsgefangener, gescheiterter Kreuzritter, Einsiedler. Ein Bibelwort, das in dieser Messe gelesen wird, spricht ihm direkt ins Herz. Es bestätigt etwas, das der junge Mann bereits begonnen hat, und schenkt ihm den Mut für weitere Schritte. Als er die Kirche verlässt, ahnt er noch nicht, dass die Folgen seiner Entscheidung noch 800 Jahre später Kreise ziehen werden.
Werdegang eines Wohlhabenden
Giovanni di Pietro di Bernardone wird 1181 im italienischen Assisi geboren. Sein Vater ist ein erfolgreicher Tuchhändler, dessen Ware nicht nur im eigenen Land begehrt ist. Während der Geburt seines Sohnes befindet er sich auf Geschäftsreise in Frankreich und bringt von dort einen Spitznamen für seinen Sohn mit, unter dem dieser für den Rest seines Lebens bekannt sein wird: Francesco, besser bekannt in seiner latinisierten Form Franziskus. Trotz seiner bürgerlichen Abstammung genießt Franziskus eine gehobene Stellung: Seine Eltern sind reich und können sich eine gute Schulbildung für ihn leisten. Diese soll ihm dabei helfen, im Geschäft seines Vaters mitzuarbeiten und es als ältester Sohn eines Tages zu übernehmen. Der Beruf liegt ihm, und entsprechend verdient er gut daran. Ebenso gut ist er allerdings im Ausgeben seines Geldes: Nicht selten ist der junge Franziskus der Mittelpunkt auf Festen mit seinen Altersgenossen.
Ritterträume
Trotz seines Erfolgs und seines bequemen Lebens ist Franziskus nicht zufrieden. Er träumt von Ruhm und Ehre – ein Ritter will er werden, am liebsten einer von denen, die unter dem Zeichen des Kreuzes ins Heilige Land ziehen. 1202 erhält er die Gelegenheit, diesen „Traum“ zu testen, als seine Heimatstadt Assisi gegen das benachbarte Perugia in den Krieg zieht. Das Ergebnis ist ernüchternd: Assisi verliert, Franziskus gerät in Kriegsgefangenschaft und kann erst ein Jahr später von seinem Vater freigekauft werden. Nicht nur sein Traum vom edlen Rittertum, auch seine allzu sichere und bequeme Weltsicht werden durch diese Erfahrung erschüttert. Er beginnt, nach einem echten Sinn für sein Leben zu suchen – nach etwas, für das es sich zu leben lohnt.
Dennoch unternimmt er zunächst einen Versuch, seinem alten Traum wieder Leben einzuhauchen. Als 1204 der Fürst Walter III. von Brienne sich auf einen Kreuzzug vorbereitet, macht Franziskus sich mit Pferd und Rüstung auf den Weg nach Apulien in Süditalien, um sich dort den Truppen anzuschließen. Auf halbem Weg verwirft er diese Entscheidung jedoch wieder. Legenden berichten von einer göttlichen Traumvision, die ihn zur Umkehr bewegt. Ob dies nun Wahrheit oder Ausschmückung ist – Franziskus spürt, dass Gott einen anderen Weg für ihn hat. Zurück in der Heimat zieht er sich aus seinem alten Leben und Freundeskreis zurück. Er sucht zunehmend die Einsamkeit und Kontemplation. Bei einer Reise nach Rom mischt er sich, angewidert vom Geiz der Reichen, unter die Bettler und bittet gemeinsam mit ihnen um Almosen.
Unter Bettlern
Für Franziskus ist es der Beginn seiner Suche nach dem Weg, auf dem Gott ihn gebrauchen will. Für seinen Vater hingegen ist es eine Schande. Sein Sohn, ein junger Mann aus angesehenem Haus, ein ehrbarer Kaufmann, unter den Bettlern? Zudem duldet er nicht, dass Franziskus Waren und Geld aus seinem Geschäft verschenkt. Auch später, als Franziskus nicht nur erbettelte Mittel verwendet, um mehrere verfallene Kirchen zu renovieren, sondern sich auch erneut an der Kasse seines Vaters bedient, schreitet der Vater ein und zerrt seinen Sohn sogar vor Gericht. Franziskus entscheidet sich daraufhin zu einem radikalen Schritt: Auf dem Domplatz entkleidet er sich vollständig und verzichtet mit dieser symbolischen Geste auf sein Erbe und seinen Anteil am Familiengeschäft.
Von nun an lebt Franziskus als Einsiedler außerhalb der Stadtmauern. Er bettelt, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, und kümmert sich um Aussätzige. Mit diesem Lebensstil will er Buße tun für seinen bisherigen Lebenswandel.
Berufung durch Bibelwort
Aber erst eine Predigt in einer kleinen Kirche im Jahr 1208 ließ aus dieser vagen Suche eine klare Berufung werden. Besonders drei Verse sprechen Franziskus mitten ins Herz:
„Teilt eure Gaben genauso großzügig aus, wie ihr sie geschenkt bekommen habt! Tragt kein Geld bei euch. Und nehmt auch keine Tasche mit, kein zweites Hemd und Sandalen und auch keinen Wanderstab. Zögert nicht, Gastfreundschaft anzunehmen, denn wer arbeitet, verdient auch, dass man ihm zu essen gibt“ (Matthäus 10,8-10).
Von diesem Zeitpunkt an beschließt Franziskus, ein Leben in bewusster Armut zu leben. Obwohl er sich weiterhin als Teil der Kirche sieht und ihr gegenüber gehorsam sein möchte, betont er, dass er keinen Mittler zwischen sich und Gott oder dem Evangelium braucht. Entsprechend lehnt er neben materiellem Besitz auch jegliche Titel oder Machtpositionen ab. Er zieht barfuß und nur in einer einfachen Kutte gekleidet durch das Land und ermahnt seine Mitmenschen, ihre Sünden zu bekennen und Gott zu lieben. Auch das Verhältnis zwischen Mensch und Schöpfung ist ein wichtiges Thema für ihn und findet häufig Niederschlag in Texten und Hymnen, die er über die Jahre hinweg verfasst. Manche lehnen ihn für seine ungewöhnliche Haltung ab. Andere schließen sich ihm an. Eine Bewegung hat begonnen.
Die Gemeinschaft entsteht
1208 stellt der Abt der Benediktinerabtei am Monte Subasio Franziskus und seinen Weggefährten die kleine Kirche Portiuncula zur Verfügung. Er und seine geistlichen Brüder leben in einfachen Reisighütten auf dem Gelände. Seine neue Lebensgemeinschaft nimmt Gestalt an. Die Mitglieder verdienen sich ihren Lebensunterhalt durch Betteln oder handwerkliche Arbeit. Als Lohn akzeptieren sie kein Geld, nur Nahrungsmittel und sonstige Dinge, die sie unmittelbar zum Leben brauchen.
1209 reist Franziskus mit zwölf seiner Gefährten – eine vermutlich sehr bewusst gewählte Anzahl – nach Rom zu Papst Innozenz III., um seinen Orden der Minderen Brüder offiziell von der katholischen Kirche anerkennen zu lassen. Die erste Fassung seiner franziskanischen Regel ist verloren gegangen, aber die Grundlage war vermutlich dieselbe wie auch später: Er und seine Brüder wollen ihr Leben als Buß- und Wanderprediger verbringen, in bewusster Armut leben und sich allein am Evangelium orientieren – ein Gedanke, den Martin Luther gut 300 Jahre später ebenfalls in seinem „sola scriptura“ hervorhebt. Darüber hinaus suchen und brauchen sie keine Strukturen.
Sein Gesuch ist nicht ohne Risiko, da gerade in dieser Zeit viele Lebensgemeinschaften der Ketzerverfolgung zum Opfer fallen. Entsprechend raten ihm manche, sich lieber einem bereits bestehenden Orden anzuschließen. Franziskus lehnt diesen Gedanken ab. Tatsächlich erhält er 1210 eine vorläufige Genehmigung und 1215 schließlich die offizielle Anerkennung. In den folgenden Jahren breitet sich seine Bewegung rasch in ganz Europa aus – bereits 1230 erreicht sie das fast 2000 Kilometer entfernte Riga an der Ostsee.
Versuch einer Friedensmission
1219 beschließt Franziskus, ein altes Kapitel noch einmal aufzuschlagen: Er reist nach Palästina, um sich erneut einem Kreuzzug anzuschließen – diesmal jedoch nicht als Soldat, sondern als Friedensstifter. Im Lager des muslimischen Heeres und vor dem Sultan Al-Kamil predigt er in der Hoffnung, den Sultan zu bekehren und so die bevorstehende Schlacht zu verhindern. Dafür ist er sogar bereit, den Märtyrertod zu sterben. Dabei ist sein Ziel vor allem Frieden und weniger die Heidenmission. Der Sultan zeigt sich beeindruckt von Franziskus, nimmt seine Botschaft jedoch nicht an. Die Schlacht findet statt und Franziskus kehrt geschlagen nach Hause zurück. Dennoch ist es ein klares Zeugnis für seine Lebensbotschaft und das Wesen seines Ordens: Nicht durch Waffengewalt und Heldenruhm, sondern durch Frieden und Evangelium soll die Welt verändert werden.
Rückzug
Auch zuhause warten Konflikte auf Franziskus. Viele der Brüder wünschen sich klarere Ordensregeln, die über eine Orientierung an den Evangelien hinausgehen. Der neue Papst will dem Orden zudem eine hierarchische Ämterstruktur aufzwingen, die seiner Lebensweise nicht gerecht wird. Gleichzeitig setzt er Ugo dei Conti di Segni, den Kardinal von Ostia, als Kardinalprotektor des Ordens ein. Letzteres scheint Franziskus nicht zu stören – zum einen hat er kurz zuvor 1220 die Leitung seines Ordens bereits an Petrus Catani abgegeben, einen seiner frühesten Weggefährten, zum anderen schätzt er den Kardinal. Für Franziskus wird deutlich, dass die Bewegung, die er nur wenige Jahre zuvor gegründet hat, sich nicht ganz so entwickelt, wie er es sich gewünscht hat. Zudem verschlechtert sich seine Gesundheit zunehmend, nicht zuletzt aufgrund einer Augenkrankheit, die er sich in Palästina eingefangen hat, aber auch durch sein strenges Fasten und seinen asketischen Lebensstil. Er zieht sich immer mehr aus seiner eigenen Gemeinschaft zurück, zunächst innerlich, schließlich auch äußerlich, und bewohnt eine kleine Felsnische auf dem Berg La Verna.
Die Augenkrankheit lässt ihn schließlich erblinden. 1226 lädt der Bischof von Assisi ihn in seinen Palast ein, womöglich aus Sorge um seine Gesundheit. Doch Franziskus spürt, dass sein Leben sich seinem Ende entgegenneigt. Zwei Tage vor seinem Tod bittet er darum, zur Portiuncula-Kirche getragen zu werden. Er möchte sein Leben dort beenden, wo seine Bewegung begonnen hat.
Nachwirkung, nicht aufzuhalten
Sein Tod und Begräbnis sind einfach und unspektakulär wie sein Leben selbst. Aber etwas bleibt: Die Bewegung, die er ins Leben gerufen hat, wächst weiter und gewinnt neue Formen. Anhänger seines Ordens kümmern sich besonders in Städten um Arme und Bedürftige und sind dort deshalb nicht nur willkommen, sondern geradezu essenziell. Ihr Verzicht auf Besitz (und damit oftmals auf eigene Gebäude und feste Kloster oder Ordenssitze) sorgt dafür, dass sich ihr Auftrag der praktischen Hilfe über die Jahrhunderte bewahrt. Entsprechend wählt auch der 2013 gewählte Papst den Namen Franziskus, um zu betonen, dass er sich sowohl dem Thema Armut als auch der Bewahrung der Schöpfung besonders verpflichtet fühlt.
Was Franz von Assisi mit seiner Bewegung schuf, war nicht perfekt, und seine Betonung der Armut war gewiss eine einseitige Auslegung des Evangeliums. Doch seine Anliegen bleiben bemerkenswert: das Evangelium über jegliche Struktur zu stellen, den Menschen direkt zu dienen, praktisch zu helfen, die Schöpfung zu bewahren und sich so nah am Wort Gottes zu halten wie nur möglich. Dieses Wort Gottes war es (in der Gestalt des Matthäusevangeliums), das entscheidende Impulse für Franziskus und seine Bewegung gegeben hatte. Seine Anliegen erwuchsen aus einem aufrichtigen Wunsch, Gott nahe zu sein und seine Liebe zu den Menschen zu bringen. Nicht ohne Grund existiert diese Bewegung bis heute – und verfolgt noch immer denselben Geist der Demut, Bescheidenheit und Dienstbereitschaft.
Lydia Rieß ist evangelische Theologin, Autorin und Übersetzerin.
Dieser Beitrag ist im Magazin Faszination Bibel erschienen, das wie Jesus.de ein Angebot des SCM Bundes-Verlags ist.
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