Laut einer Umfrage arbeitet die Mehrheit der Pfarrer mit KI. Was bedeutet das für die Kanzel? Hätten Petrus oder Paulus ihre Predigten von ChatGPT schreiben lassen?
Petrus und Johannes werden verhaftet, nachdem Petrus jemanden geheilt hat (Apostelgeschichte 4). Was die Wachen übersehen haben: das Smartphone von Petrus! So kann er seine Rede für die Anhörung vor dem Hohen Rat von ChatGPT schreiben lassen. Sein Prompt:
„Hey ChatGPT, ich brauche dringend deine Hilfe. Ich habe durch Jesus ein Wunder getan und muss mich vor den Schriftgelehrten und dem Hohepriester rechtfertigen. Ich sitze gerade in einer Zelle. Die Rede soll kurz und überzeugend sein. Du weißt: Ich kenne mich in den Schriften nicht so gut aus wie die Theologen. Deshalb füge für die Argumentation die wichtigsten AT-Stellen hinzu, die klar auf Jesus hinweisen. Bitte beachte dabei das römische und unser Rechtssystem, damit ich mich nicht angreifbar mache. Wirklich wichtig: Achte darauf, dass ich keine wichtigen Stellen übersehe. Der Text muss sprachlich aber in meinem Stil bleiben. Es darf nicht zu hochgestochen klingen.“
Das Smartphone ist natürlich ausgedacht, die Lage aber ist echt. Im Namen Jesu hat Petrus am Tempel einen Gelähmten geheilt. Dafür werden er und Johannes über Nacht festgesetzt und müssen sich am nächsten Morgen vor dem Hohen Rat verantworten. Petrus hält dort eine Rede. Die Gelehrten wundern sich über die mutige Haltung der beiden, „denn sie merkten, dass sie ungelehrte und einfache Leute waren, und wussten auch von ihnen, dass sie mit Jesus gewesen waren“ (4,13). Sie haben mit ihren Worten ganze Überzeugungsarbeit geleistet. Hätte Petrus wohl die KI für seine Rede genutzt?
Der Papst und die KI
Wir springen in unsere Zeit: Papst Leo XIV. hat zum Thema KI-Predigten eine klare Meinung: Sonntagspredigten gehören nicht in die Hände einer Künstlichen Intelligenz. Bei einem Treffen mit mehreren hundert Priestern seines Bistums Rom hat er sich nachdrücklich dagegen ausgesprochen. Das Treffen fand hinter verschlossenen Türen statt, italienische Medien berichteten danach aus der Runde. „Eine echte Predigt schreiben bedeutet, den Glauben mit anderen zu teilen“, soll der Papst gesagt haben.
Derselbe Papst fragt aber auch selbst einmal eine KI um Rat. Vor seiner Spanienreise wollte er wissen, was er den spanischen Bischöfen sagen solle. Die Antwort begann mit: „Papst Franziskus würde sagen …“ Leo unterbrach: „Ich glaube, es gibt jetzt einen anderen Papst.“
Zwischen Schreckgespenst und Schreibhilfe
Die meisten von uns nutzen KI inzwischen für ihren Alltag. Wenn aber KI die Bibel berührt, wird es ein heißes Thema. Auf der einen Seite stehen die Kritiker. Manche sehen in der KI eine geistliche Gefahr, bei einigen fällt sogar das Wort vom Antichristen. Der katholische Theologe Michael Brendel nennt KI „eine Provokation für den Glauben“.
Auf der anderen Seite stehen die Prediger, die emsig die KI nutzen. Laut der DiRK-Studie 2026 der Macromedia Hochschule nutzen mehr als 60 Prozent der Pfarrer in Deutschland KI, am häufigsten zum Schreiben von Texten. Predigtgeneratoren im Netz werben mit der „vollständigen Predigt in 90 Sekunden“. In der Pfarrerausbildung der Zürcher Reformierten üben angehende Seelsorger Gespräche mit einem „Seelsorge-Bot“.
Nur ein weiterer Diener?
Technisch betrachtet ist die KI ein weiterer Diener des Menschen. Sie reiht sich ein neben Waschmaschine, Spülmaschine, Saugroboter und Bohrmaschine. Niemand von uns hat ein schlechtes Gewissen, weil er nicht mehr am Waschbrett steht.
Ein Unterschied bleibt allerdings: Die KI verrichtet geistige Arbeit. Die Waschmaschine entscheidet nicht, was sauber ist. Die Bohrmaschine entscheidet nicht, wo das Bild hängt. Eine KI aber formuliert Gedanken, wählt Bibelstellen aus und findet Worte für Trost. Damit rückt sie dorthin, wo bisher nur der Mensch war – nur ohne eine Seele.
Die Predigt: mehr als ein guter Text
Was heißt das für den Sonntag? Wer mit KI arbeitet, muss prüfen, was sie liefert. Wie wichtig das ist, zeigt ein Fall, über den DOMRADIO berichtet. Eine Pastorin aus Helgoland ließ sich von einer KI eine Predigt über den Verrat des Judas schreiben (Lukas 22,47–53). Die KI behauptete, Jesus habe Judas geküsst. Im Bibeltext ist es umgekehrt. Die KI entschuldigte sich umgehend. Hätte die Pastorin den Text nicht gekannt, wäre der Fehler auf der Kanzel gelandet.
Eine KI kann Bibelverse zitieren, Zusammenhänge erklären und Auslegungen vergleichen. Sie klingt dabei immer sicher, auch wenn sie Fehler macht. Sie liest die Bibel nicht so, wie ein Mensch sie liest: mit eigenen Fragen, Zweifeln und Gebeten. Mit einem Bezug zum Alltag. Mit Widersprüchen. Mit Anklagen gegen Gott. Mit der ausweglosen Situation zu Hause.
Die KI kennt alle Bibeltexte, aber nicht die Witwe in der dritten Reihe, nicht den Jugendlichen, der zum ersten Mal im Gottesdienst sitzt, und nicht die Frage, die jemand seit Wochen mit sich herumträgt.
Was würde Jesus sagen?
Jesus hat sich zu KI nicht geäußert. Aber die Evangelien erzählen, was die Menschen an seinen Reden bewegte: „Er lehrte sie mit Vollmacht und nicht wie ihre Schriftgelehrten“ (Matthäus 7,29). Die Schriftgelehrten kannten die Texte. Jesus aber sprach aus der Beziehung zu seinem Vater heraus. Diese Vollmacht gab er an seine Jünger weiter, und die Apostelgeschichte erzählt, was daraus wurde. An Pfingsten predigt Petrus in Jerusalem. Seine Zuhörer trifft es mitten ins Leben: „Als sie aber das hörten, ging’s ihnen durchs Herz“ (Apostelgeschichte 2,37). Sie fragen: „Was sollen wir tun?“ An diesem Tag lassen sich etwa dreitausend Menschen taufen (2,41).
Ich glaube, Jesus würde die KI als Hilfsmittel gut finden. Er würde es jedoch wahrscheinlich falsch finden, wenn die KI auf die Kanzel steigt. Petrus nutzte vor dem Hohen Rat keine KI und hat sie offensichtlich auch nicht gebraucht. Lustigerweise war es für alle Beteiligten offensichtlich, dass er keinen Oxford-Abschluss hatte. Trotzdem hatten seine Worte Kraft. Er war mit Jesus unterwegs gewesen und das war ausschlaggebend.
Die Kolumne „Was hätte Jesus gesagt“ ist ein Beitrag in unsere Zeit, mal humoristisch – mal tiefsinnig. Die Texte sollen zum Denken anregen: über Jesus, uns Christinnen und Christen, die Welt und wie alles in Verbindung steht. Die Texte werden im Wechsel von den Tim Bergen und Johannes Schwarz verfasst.

