Rund 1.000 KünstlerInnen und Interessierte sind der Einladung des Gebetshauses Augsburg zur SCHØN-Konferenz gefolgt. Auch Melanie Schmitt war vier Tage lang dabei. „Atemberaubend“ fand sie die Vorträge – und relevant für die christliche Welt. Ein persönliches Re­sü­mee.

Im Zug auf dem Rückweg nach Hause von der SCHØN-Konferenz kommen meine singenden und summenden Gedanken langsam zur Ruhe. Ich blicke zurück auf vier gefüllte Tage. Der Zug fährt rückwärts. Einen Platz gegen die Fahrtrichtung suche ich mir sonst nicht aus. Aber ich bin froh, im sonntagsvollen Zug überhaupt noch einen Platz ergattert zu haben. Und nun passt es: Rückschau halten im doppelten Sinne.

Felder, Himmel und Wolken fliegen in einer Geschwindigkeit von mir fort, die es unmöglich macht, die Kirschen noch zu riechen, die am Bahndamm wachsen. Augsburg ist schnell verschwunden: Wagenstandsanzeiger, Gleisnummern, verwischte Menschen, Stromkabel. Verschwunden aus meinem Miterleben sind viele großartige Menschen, die gerade noch im Kongress am Park dem Summen der Schönheit nachhorchen.

Was ist eigentlich schøn?

Vier Tage haben wir uns mit der Frage beschäftigt: Was ist eigentlich schön? Was ist Kunst? Was ist fake? Was ist das Geheimnis wahrer Inspiration, jenseits von Kitsch und Mainstream? Vier Tage Theater, Tanz, Typographie, Photographie, Musik, Malerei, Pantomime, Architektur, Design, Lyrik. Vier Tage voller Exzellenz.

Das Besondere des ohnehin so geballt Besonderen ist, dass die Künstler im Anschluss an ihre Performance von ihrem Werden und Wirken erzählen. Wie sind sie die geworden, die sie sind? Was treibt sie um? Was treibt sie an?

In zum Teil hochphilosophischen Vorträgen wird das Schöne umkreist. Johannes Hartl, Begründer des Gebetshauses Augsburg und Hauptinitiator dieser Konferenz des Schönen, gibt gleich am Donnerstagabend eine Steilvorlage. „Jedes Kunstwerk“, so Johannes Hartl, „macht eine Aussage über den Menschen und über das Sein.“ Kunst sei somit, so Hartl weiter, „viel dramatischer, als das Innerste nach außen zu kehren. Im Grunde geht es um alles.“

„Die Schöpfung ist noch gar nicht zu Ende“

Unter den vielen Spitzenkünstlern auf der Bühne gibt es nicht wenige, die vielfältige Talente haben. Sie sind in mehreren Bereichen begabt und begeistert. Eine Nachfrage unter den rund tausend Konferenzteilnehmern ergibt, dass auch hier die große Mehrheit Kreativität in gleich mehreren Bereichen auslebt. Sehr viele Hände gehen nach oben. All diese schaffenden, kreativen Hände und Köpfe und Herzen bekommen auf der Schønkonferenz immer wieder Ermutigung für ihr künstlerisches Tun, in welchem Bereich es auch sei.

Ob der Typograph Stefan Kunz es salopp formuliert mit: „Create something today, even if it sucks.“ Oder der hochpoetische Geigenbauer Martin Schleske, der nicht nur eine Physik, sondern auch eine Metaphysik des Geigenbauens vor den Teilnehmern entfaltet: „Meine Hände haben eine eigene Intelligenz, die über mein Wissen hinausgeht. In diesen Augenblicken wird nichts gewollt.“ Martin Schleske erkannte in der Betrachtung der Architektur Balthasar Neumanns, dass Kunst, die als schön empfunden wird, in der Regel einer Symmetrie folgt, also Vertrautes generiert, bis an einem gewissen Punkt das Vertraute durchbrochen wird durch Unerwartetes. Diese „Musterstörungen“ begreift er als Wesen der Schönheit. „Es gibt keine Schönheit ohne Krise“, so Martin Schleske. Er ermutigt die Teilnehmer, sich voller Hingabe ihrem Kunstbereich zu widmen: „Die Schöpfung ist noch gar nicht zu Ende. Wir sind mittendrin in dem, was geschehen kann.“ Und: „Es darf uns etwas kosten. Ich schütze meine Seele nicht durch Zufriedenheit, sondern durch Dankbarkeit.“

Martin Schleske auf der Schøn-Konferenz
Martin Schleske auf der Schøn-Konferenz (Foto: Schøn-Konferenz / Gebetshaus Augsburg)

Martin Schleske spricht auf eine so innige, durchdachte und berührende Weise von seinem Kunsthandwerk, dass die 39-jährige Eva aus der Umgebung von Wien ergriffen seufzt: „Ich bin wie versteinert. Ich muss jetzt erst mal noch hier sitzen bleiben.“ Eva selbst malt und tanzt, ihr Mann Alex verdient sein Geld als Goldschmied und spielt außerdem Gitarre auf semiprofessionellem Niveau. Ich habe die beiden gleich am ersten Tag in der Straßenbahn kennen gelernt und es dauert keine 24 Stunden, bis wir voneinander sagen können: Wir haben miteinander geredet und gelacht, gegessen, gebetet und geweint. Die Schønkonferenz verbindet Menschen miteinander, deren Herz für die Kunst schlägt und für den größten Künstler überhaupt: den lebendigen Gott. Oder wie die Designerin Eva Jung es ausdrückt: „Wir sind kreativ. Gott ist k/Kreativer.“ Auch sie gibt den Konferenzteilnehmern Fragen mit, die jeder für sich selbst beantworten muss: Wo und warum ist die göttliche Kreativität in uns vielleicht auf der Strecke geblieben? Kann es sein, dass gerade Christen sich bisweilen vor Kreativität fürchten, weil Kreativität auch immer etwas Wildes, Gebrochenes hat?

In vielen Menschen löst die SCHØN-Konferenz etwas aus: Mut, weiterzugehen und weiter zu gehen; Lust, Neues zu wagen, ein großen Berührtsein von etwas, von dem sie spüren, dass es größer ist, als sie selbst und dass es seinen Ausdruck finden kann in Formen, Farben, Klängen, Mustern, Bewegungen, …

Atemberaubend

Was auf der SCHØN-Konferenz geboten wird, an Performances und Gedankenreichtum, ist wirklich atemberaubend. Manchmal wünsche ich mir eine Pausetaste. Die Zeit anhalten. Es nicht vorbeigehen lassen. Erst einmal verarbeiten, was mir da geboten wurde und was so viel in Gang gesetzt hat bei mir und bei anderen.

Vielleicht wäre das eine Idee, falls es (hoffentlich), nochmals eine SCHØN-Konferenz geben sollte – eine Pausetaste. Geht nicht? Ach, das traue ich euch zu, liebes Schøn-Team! Oder vielleicht kleine, schøne Zelte im Park, in die man sich ein Weilchen zurückziehen kann, um existentielle Fragen mal kurz zu durchdenken und zum Weiterträumen?

Im Bahnhof Stuttgart habe ich die Skizzen dieses Rückblickes beendet. Ich fange an, eine Liste zu verfassen mit Dingen, die ich in meinem Leben nach der „SCHØN“ nun konkret angehen möchte. Ich schreibe die ersten Worte, als der Zug sich wieder in Bewegung setzt. Der Zug hat die Fahrtrichtung gewechselt. Jetzt geht es vorwärts. Crazy. Das passt so zu dieser Konferenz: Gott spricht sehr kreativ und sehr konkret in Menschenleben hinein. Die Fahrt und den Blick nun vorwärts gerichtet, verfasse ich meine Liste:

  • weiter Collagen machen, so wie sie aus meinem Herzen kommen
  • nicht vergessen: I’m no longer a slave to fear, I am a child of God
  • wieder mehr schreiben
  • mit Eva und Alex in Kontakt bleiben – Ausstellung in Niederösterreich?
  • meinen Mann ermutigen, seine eigene Ausdrucksform zu finden
  • falls es noch eine SCHØN gäbe, wagen, mich dort zu melden, um mit darüber nachzudenken, wie sie aussehen könnte

Da bin ich, schreibend. Und da werde ich sein: Schnipsel meines Lebens zusammenfügend zu Collagen, Alltägliches ablichtend, weiterschnippelnd, weiterklebend, weiterschreibend. Vernetzt, mit anderen Christen, Schönheit atmend. Vernetzt nach oben, mit dem größten Kreativen ever. Dankbar.

Von Melanie Schmitt


Melanie Schmitt gestaltet gerne Collagen und benutzt dazu Schnipsel, die ihr das Leben zuträgt. Bilder von ihrer Kunst gibt es in ihrem Glittertinblog und bei Instagram. Außerdem feilt sie regelmäßig an Texten für das Kindergottesdienstmagazin Kleine Leute – Großer Gott.

–> Hier noch einige Impressionen von der Schøn-Konferenz (alle Fotos: SCHØN-Konferenz/ Gebetshaus Augsburg).