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Pfarrer, Fackel und Fanal: Oskar Brüsewitz

„Ohne Regen, ohne Gott, geht die ganze Welt bankrott“ – das Zitat stammt von Pfarrer Oskar Brüsewitz, der sich am 18. August 1976 aus Protest gegen das SED-Regime in der DDR selbst anzündete.

Von Andreas Malessa

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Ein 47-jähriger Pfarrer im Talar, verheiratet, Vater von vier Kindern, fährt am 18. August 1976 vormittags aus seinem thüringischen Dorf in die Kreisstadt Zeitz/ DDR zwischen Leipzig und Gera. Parkt den Wartburg-Kombi vor der Michaeliskirche, befestigt zwei handgeschriebene Plakate auf dem Dachgepäckträger, holt eine mit Benzin gefüllte Milchkanne aus dem Kofferraum, übergießt sich damit, zündet seinen Talar an und rennt als lebende Fackel schreiend auf die Kirche zu.

Passanten werfen ihn zu Boden, löschen die Flammen mit Decken, aber: Oskar Brüsewitz stirbt vier Tage später im Krankenhaus. „Wir klagen den Kommunismus an wegen Unterdrückung der Kirchen, in Schulen, an Kindern und Jugendlichen“ steht auf den Transparenten.

Fragil agil

Ob die Selbstverbrennung des Oskar Brüsewitz vor 50 Jahren ein „Märtyrertod gegen das DDR-Regime“ war, ein „von seiner Kirche mitverschuldeter Selbstmord“ oder „ein Weckruf für laugewordene Bekenntnisscheue“ – die Deutungen füllen inzwischen Archivkisten und Bücherregale.

Dabei gab‘s schon vor seinem spektakulären Tod ein dramatisch wechselvolles Leben: Das heute litauische Städtchen Vilkyskiai gehört am 30. Mai 1929 zum deutschen Ostpreußen, als Oskar dort in einer Schuhmacherfamilie geboren wird. Seine Kaufmannslehre muss er abbrechen, als am 7.Oktober 1944 die Evakuierung des Memellandes vor den heranrückenden Russen befohlen wird. Oskar kommt mit 15 in Hitlers „letztem Aufgebot“ zur Wehrmacht, desertiert und wird erwischt.

Zum Glück nicht von der eigenen, sondern der Sowjetarmee. Aus deren Kriegsgefangenschaft im Herbst ‘45 ins sächsische Colditz entlassen, lernt Oskar den Beruf seines Vaters: Schuhmacher!

In Melle bei Osnabrück – noch sind die Verwaltungsgrenzen der Siegermächte passierbar – wird er selbständiger Schuhmachermeister, heiratet 1951 Resi Heinisch, zieht nach Hildesheim, bekommt 1952 eine Tochter Renate und – lässt sich 1954 scheiden.

Warum siedelt er von dort „fluchtartig“ nach Weißenfels in die DDR? Wo man seit dem niedergewalzten Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953 weiß, wie das Regime mit Gegnern umgeht? Aber: Hier bekehrt sich Oskar Brüsewitz. Findet einen persönlichen, lebendigen Glauben durch Zeugnis und Vorbild seiner Gastfamilie. Er bewirbt sich am Predigerseminar Wittenberg, muss wegen psychischer Probleme das Studium abbrechen, wird zum zweiten Mal Schuhmacher und zum zweiten Mal Bräutigam.

»OHNE REGEN, OHNE GOTT, GEHT DIE GANZE WELT BANKROTT«

1955 heiratet er die Diakonisse Christa Rohland. Oskar wird vom Predigerseminar Erfurt erst abgelehnt, dann im zweiten Anlauf genommen. Am Ende seines Studiums, 1969, stirbt Sohn Matthias mit 13 Jahren. Oskar Brüsewitz wird 1970 in Wernigerode/Harz zum Pfarrer ordiniert und ins 200-Seelen-Dorf Rippicha bei Zeitz entsandt.

Kreativ aktiv

Vom ersten Sonntag an ist klar: Dieser Pfarrer sucht nicht die kleinen Lücken, die der atheistische Staat den Kirchen zugesteht, der hier geht voll auf Konfrontationskurs. Gegen die Leuchtschrift-Parolen der Partei montiert Brüsewitz im Advent ein riesiges Neonröhren-Kreuz an den Kirchturm. Gegen die Plakate „Ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein“ plakatiert Brüsewitz „Ohne Regen, ohne Gott, geht die ganze Welt bankrott“ und hängt einen Pflug hinter seinen Trabi. Vor allem Jugendlichen gefällt das.

Die Jungschar, die „Christenlehre“ – der Konfirmandenunterricht – und die Junge Gemeinde haben mehr Zulauf als die parteibefohlenen Pionier- und FDJ- Jugendtreffen. Als die Gemeinde einen „Evangelischen Kinderspielplatz“ errichtet und die Stasi droht, ihn zerstören zu lassen, will Brüsewitz mit Pfarrkollegen aus Nachbarorten eine Art Securitytruppe aufstellen. Schließlich drohen die Behörden den Eltern aller jungen Kirchgänger, ihre Kinder bekämen weder Lehrstellen noch Studienplätze, wenn sie weiter zu Brüsewitz gehen.

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Das spaltet die Gemeinde. In pragmatische „Leisetreter“ und opferbereite „Bekenner“, findet Oskar und sagt das auch. Die Gottesdienste leeren sich, der innergemeindliche Unmut wächst. Nicht alle, erst recht nicht die Oberkirchenräte in Magdeburg, wollen zäh verhandelte Gefälligkeiten des Staates, ihre diplomatischen Etappensiege, durch einen schrillen Radikalinski kaputtgemacht kriegen. Ohnehin belächelt mancher großintellektuelle Amtsbruder den „Schusterpastor“ vom Lande. Am 16. August 1976 hat Oskar Brüsewitz einen Brief seiner Kirchenleitung in den Händen, er möge sich doch nach einer anderen Pfarrstelle umsehen. „Ich werde dann gehen“, nickt er seinem Kollegen in Zeitz zu.

Kompliziert interpretiert

Als am 26. August 1976 rund 400 Trauernde, darunter 70 Pfarrer in Talaren, zur Beerdigung nach Rippicha strömen, kontrollieren und fotografieren die Agenten der Staatssicherheit fast jede und jeden. Probst Bäumer spricht in seiner Grabrede von „dunklen Netzen einsamer Gedanken“, in die sich Oskar Brüsewitz verstrickt habe, und lässt doch eine Art schuldbewusster Solidarität anklingen. Hätte sich die Kirche schützender vor ihn stellen müssen?

Am 31. August erscheint in der Partei- und Propagandazeitung „Neues Deutschland“ ein hämischer Nachruf: Der zu Pädophilie neigende Wahnsinnige habe sich halt selbst verbrannt.

Dieser Artikel schließt die Reihen der Brüsewitz-Fans und der Brüsewitz Skeptiker innerhalb der Kirche. Und motiviert sogar 35 kirchenferne DDR Dissidenten, wie die Sängerin Bettina Wegner, zu einem Protestschreiben ans Zentralkomitee der SED. Wofür drei ins Gefängnis kommen und Wolf Biermann („es war eine Republikflucht in den Tod“) drei Monate später nach Westdeutschland ausgebürgert wird. Ein Schulterschluss von Marxisten und Christen, Kompromisslern und Radikalen, eine erste Wurzel der Wende von 1989

Der damalige Oberkirchenrat und spätere Ministerpräsident Manfred Stolpe: „Oskar Brüsewitz war ein Vorbote des Systemwechsels“. Wenig hilfreich für DDR-Gemeinden, dass westdeutsche Scharfmacher im Kalten Krieg, auch evangelikale, in ihren Blättern ganz berauscht von der Tapferkeit dieses Märtyrers schwärmen.

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Während die Historikerinnen und Zeitzeugen, sogar Witwe Renate Brüsewitz-Fecht, in ihren Biografien und Erinnerungsbüchern rätseln: Ein „Märtyrertod“ war es nicht, denn kein Gegner hat ihn ermordet. Ein „Freitod“ auch nicht, denn die Zwänge, die er empfand, trieben ihn dazu. „Wahnsinnig“ war die Aktion erst recht nicht, denn alles war sorgfältig geplant.

Eine „Aufopferung“ also, ein „Fanal“? Vielleicht sah sich Oskar Brüsewitz als eine Art Prophet aus dem Alten Testament. Jesaja lief nackt herum, Jeremia trug ein Joch auf den Schultern. Sie wussten, dass sie mehrheitlich Kopfschütteln ernten würden. Aber sie setzten ein unvergessliches Zeichen.

Vor 50 Jahren, am Morgen des 18. August gibt Oskar Brüsewitz einer Nachbarin seinen Abschiedsbrief an den Pfarrkonvent Zeitz: „Nach meinem Leben habe ich es nicht verdient, zu den Auserwählten zu gehören. Meine Vergangenheit ist des Ruhmes nicht wert. Obwohl der scheinbar tiefe Friede, der auch in die Christenheit eingedrungen ist, zukunftsversprechend ist, tobt zwischen Licht und Finsternis ein mächtiger Krieg. Wahrheit und Lüge stehen nebeneinander.“

Andreas Malessa ist Hörfunkjournalist bei ARD-Sendern, evangelischer Theologe, Buchautor von Sachbüchern, Biografien und satirischen Kurzgeschichten.

LESETIPP: »Ich werde dann gehen. Erinnerungen an Oskar Brüsewitz« (EVA Leipzig) von Karsten Krampitz, Lothar Tautz und Dieter Ziebarth.

Dieser Artikel ist in dem christlichen Männermagazin MOVO erschienen. MOVO wird vom SCM Bundes-Verlag herausgegeben, zu dem auch Jesus.de gehört.

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QuelleMOVO

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