Steve Volke: „Es hat mir die Schuhe ausgezogen, zu sehen, wie andere Menschen leben müssen“

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Steve Volke in Tansania (Foto: Compassion)
Steve Volke, Journalist, Autor und Leiter des Kinderhilfswerks Compassion Deutschland, wächst christlich und wohl behütet auf. Die gute und die böse Welt sind klar abgesteckt. Schon früh ahnt er, dass es ein weites Land dazwischen gibt. Ein Blick darauf, wie sich seine Sicht verändert hat und warum er sich hauptberuflich gegen Armut engagiert.

Von Marietta Steinhöfel

Steve Volke ist in in den 60er und 70er Jahren in  einer frommen Umgebung aufgewachsen, wie er selbst sagt. Zu lesen gab es nicht die Tages-, sondern die „Jesus-Zeitung“, die vom Jesus-Zentrum Hamburg herausgegeben wurde. Besuche in Gaststätten waren tabu – es sei denn, das christliche Verteilheft wurde mitgenommen. Zum ersten Mal im Kino war er mit 19. Der Fernseher und damit vieles von dem, was als böse galt, blieb im elterlichen Haus, nicht sichtbar, im Wandschrank versteckt. Vom Elend der Welt wusste der Jugendliche da trotzdem schon. Die Berichte zurückgekehrter Missionare schreckten ihn mehr ab, als dass sie ihn faszinierten.

Heute reist Steve Volke als Direktor von Compassion Deutschland, einem international tätigen Kinderhilfswerk, in die Welt und stellt sich dem Anblick. Dorthin, wo die Armen und Bedürftigen sind. Nach Äthiopien, Haiti, Ecuador. Er war vor Ort in Afrikas größtem Slum Kibera, in Kenia. Er erinnert sich an den beißenden Geruch von Fäkalien, daran, wie die Fenster hochgekurbelt werden, wenn Touri-Busse durch den Pfad aus Schlamm fahren und hinter Staubwolken verschwinden. Was hat seinen Blick auf die Welt verändert?

Zeig mir wie du spielst, und ich sag dir, wie du bist

„Das war auch eine sehr schöne und behütete Zeit“, sagt der Fünfundfünfzigjährige über seine Kindheit und Jugend in der Bibelschule Wiedenest im Bergischen Land zwischen Köln und Siegen, wo er im Kreise der Bibelschüler aufwächst und sein Vater als Hausvater, Seelsorger und Verwalter tätig ist. Eine Zeit, für die er dankbar ist. Trotz des Erziehungsstils der damaligen Zeit, in dem auch viel mit Druck gearbeitet wurde. „Wir hatten einen extrem strengen Jugendleiter“, erklärt er.

Steve Volke in Uganda (Foto: Compassion)

Steve Volke sieht nicht nur schwarz-weiß. Er ist in der Lage, die Nuancen dazwischen zu erkennen. Das Bibelwissen von damals verleihe ihm bis heute Stabilität. Auch sonst, hätte er nichts zu bereuen oder zu missen. „Ich habe nicht das Gefühl, mich von irgendwas emanzipieren zu müssen“, sagt er, zieht die Mundwinkel hoch und lehnt sich im Sessel zurück. Durch die gläsernen Türen durchflutet Licht sein Büro im hessischen Marburg. An der Wand hinter dem Schreibtisch fallen sofort zwei große gerahmte Fotos ins Auge. Darauf zu sehen sind langgewachsene, drahtige Jungs in grüner Uniform. Offensichtlich aus Afrika stammend, lachend und fußballspielend. „Wenn du wissen willst, wie ein Mensch ist, spiel mit ihm Fußball“, sagt Steve Volke. Das habe er schon in seiner Bibelschulzeit oft erfahren. Wenn es mit den anderen Jungs  raus auf den Hof ging – Frauen hatten erst ab den 1975er-Jahren ihren Platz in der theologischen Bildungsstätte – fluchten selbst die Frömmsten. „Da verstellt sich keiner mehr“, sagt er lachend.

Faszination

Steve Volke hat bis zu seinem sechzehnten Lebensjahr kein einziges Buch gelesen. Außer die Bibel natürlich? „Abseits der Bibelstunden auch nicht wirklich“, gibt er zu. „Ich habe mich mehr fürs Fußballspielen als fürs Lesen begeistert.“ Dass er nach dem Wirtschaftsabitur eine Ausbildung zum Buchhändler bei der Alpha-Buchhandlung in Gießen, ehemals Pilger-Mission, beginnt, hat dann doch mit einem Buch zu tun, oder besser einer ganzen Reihe: „Die Chroniken von Narnia“ von C. S. Lewis. Nachdem ihm ein Freund den ersten Band geschenkt hat, packt es ihn dermaßen, dass er sich die restlichen sechs holt und nacheinander verschlingt.

„Ich bin mehr so ein Selfmade-Typ – learning by doing“

Neben vielen Büchern liest Steve Volke von da an mit Vorliebe Musikzeitschriften. „Damals gab es nur zwei, die für Jugendliche im christlichen Sektor interessant waren“, berichtet er. Bei einer versucht der musikbegeisterte Zwanzigjährige sein Glück: schreibt eine Rezension und schickt sie ein. Die wird prompt abgedruckt, so wie sie ist. Das Lesen bringt ihn also zum Schreiben: 1985 macht er sich selbstständig als freier Journalist und die christliche Musikszene erhält ein neues Magazin. „iXX“ lautet der Titel der von ihm gegründeten Zeitschrift. Ein Name ohne Bedeutung, aber mit einem Sonder-Format, das auffällt. „Ich bin mehr so ein Selfmade-Typ – learning by doing“, erklärt er mit einer lässigen Bewegung aus dem Handgelenk. Er macht einfach mal, probiert aus, ohne zu wissen, was genau dabei herauskommt. Zusammen mit zwei Kollegen, einem für die Finanzen, einem fürs Layout, bringt er die Zeitschrift sechs Jahre lang heraus. Seine freien Mitarbeiter schult er, kühn und ohne Respekt zu sein: „Da sein und bereit sein“, lautete unsere Devise! Das Konzept geht auf: Das Interview mit einem namenhaften säkularen Künstler entsteht noch auf der Herrentoilette einer Raststätte.

Feine Abstufungen

Darüber hinaus schreibt er für die Zeitschrift „Neues Leben“, die der Brendow-Verlag herausgibt. Als der Verleger in den Ruhestand geht und Steve Volke den Posten als Geschäftsführer angeboten wird, erhält er damit nicht nur die Chance, die Geschichten der Romanhelden seiner Jugend zu verlegen – die Narnia-Saga –, sondern auch Werke von Autoren, die seine Zukunft prägen sollen, darunter Adrian Plass, Ronald Sider und Philip Yancey. Autoren, über die man heute, je nach Standpunkt, sagen würde, sie seien eher links-evangelikal orientiert. „Aber mit solchen Kategorien“, sagt er und deutet dabei mit zueinander gerichteten Handflächen Kästen an, so als würde eine neben der anderen stehen, „kann ich ohnehin nichts anfangen“. Auch ihn hätten die Ansichten der Schreiber herausgefordert. Man könnte sagen: Die Peripherie seines geistlichen Sichtfeldes wurde gereizt, also trat er einen Schritt zurück, um mehr sehen zu können. Was er sah? Menschen, die für das einstehen, was ihnen wichtig ist, und: „Dass die Welt nicht schwarz-weiß ist“, sagt Steve Volke. Auch die christliche nicht. Das habe er vom US-amerikanischen Schriftsteller Philip Yancey gelernt.

Klartext

Steve Volke war schon immer missionarisch unterwegs. „Nur die Methoden haben sich verändert“, erklärt er schmunzelnd. „Provozieren, aber nicht manipulieren“, lautet sein Motto. Heute nicht mehr so radikal wie früher, denn zu Jugendzeiten sei er einer von denen gewesen, die mit frommen T-Shirt-Sprüchen den Schulhof betraten. „Gott kennen ist Leben!“, hieß es da etwa in den Worten Tolstois. Auch in diesem Punkt bereut Steve Volke sein frommes Nest nicht. Im Gegenteil: Manchmal wünscht er sich etwas von seiner jugendlichen Aggressivität zurück. „Oder, nennen wir es lieber Engagement“, korrigiert er mit einem Fingerzeig. Aber man wird dann doch erwachsen. 2003 gründet er 2Steve Volke Communications“, um den Dingen, die ihm wichtig sind, einen gebührenden Rahmen zu verleihen. Neben Öffentlichkeitsarbeit, entstehen viele Bücher. Als Pressesprecher für die Evangelisations-Events ProChrist, JesusHouse und Christival geht er seinem Missionseifer nach. „Die Firma lief großartig“, sagt er rückblickend. Also gab es keinen Grund, irgendetwas zu verändern.

„Beim Lobpreis gehen die Hände nach oben.
Aber wo sind die Hände zum Nächsten?“

Steve Volke (Foto: Compassion)

Im Sommer 2006 erhält Steve Volke einen Anruf, der genau das tut. Er kommt von einem Mitarbeiter des christlichen Kinderhilfswerks „Compassion“, das weltweit Kinderpatenschaften vermittelt, um Armut zu bekämpfen. Eine Geschäftsstelle in Deutschland ist geplant. „Noch so eine Patenschaftsorganisation brauchen wir eigentlich nicht, war mein erster Gedanke.“ Und das teilt er dem Anrufer auch so mit. Die andere Seite: unbeeindruckt. Sie wolle ihm die Beweggründe darlegen. Steve Volke hat Zeit und hört zu. „Danach habe ich mich echt geschämt“, erzählt er. Ihm wird nicht nur die Möglichkeit, sondern die Notwendigkeit klar, etwas zu verändern. Er hinterfragt die vorherrschende Gemeinde-Gesinnung in Deutschland und sich selbst: „Beim Lobpreis gehen die Hände nach oben. Aber wo sind die Hände zum Nächsten?“ Steve Volke beschreibt sich selbst als einen Menschen, der Dinge zu hundert Prozent anpackt, wenn er von ihnen überzeugt ist. Dem lässt er Taten folgen: Innerhalb eines Tages unterschreibt er den Vertrag bei Compassion Deutschland als Firmenleiter und löst seine gutlaufende Kommunikationsfirma auf.

Neue Horizonte

„Als Compassion in unser Leben gedrungen ist, haben wir einen ganz neuen Blickwinkel auf die Welt bekommen“, so beschreibt Steve Volke die Entwicklung, die dann ihren Lauf genommen hat. Denn sie hat nicht nur seinen Lebensstil nachhaltig verändert, sondern auch den seiner Familie, seiner Frau und der vier Töchter. „Früher bin ich gerne mit meiner Frau schick essen gegangen, dann haben wir es so richtig krachen lassen!“, erzählt der Familienvater – heute in dieser Form für ihn undenkbar. Angefangen hat es mit der ersten Auslandsreise für Compassion im Jahr 2007 nach Haiti.

Steve Volke (Foto: Compassion)

„Es hat mir die Schuhe ausgezogen, zu sehen, wie andere Menschen leben müssen“, berichtet er über die Eindrücke. Sein Verständnis von arm und reich wird neu geordnet. Obwohl sich die journalistische Tätigkeit durch sein Leben zieht, schreibt er die Erlebnisse seiner Reisen nicht auf. Sie scheinen so prägend, dass sie einen Negativabdruck in seinem Gedächtnis hinterlassen. „Glaube hat nichts mit wirtschaftlichen Mitteln zu tun“, sagt er und erinnert sich noch genau an einen Regentag: Er sitzt mit den einheimischen Kindern eng beisammen in einer Hütte, als erst die Regentropfen auf das Blechdach donnern und dann die Wassermassen durch die offene Tür ungehindert ihre Füße umfließen. Jedes Kind schnappt sich einen Holzstuhl und hält ihn über den Kopf, im Chor stimmen sie ein Lied an, „Kumbaya, my lord“ („Gott, komm und hilf“).

Die Grauabstufungen einer nicht schwarz-weißen Welt, sind auf seinen Reisen und in der Begegnung mit Christen aus anderen Ländern deutlich erkennbar. Als der Jahreswechsel 1999/2000 unter deutschen Christen für Hysterie und Weltuntergangsszenarien sorgte, befand man sich auf einem anderen Teil der Welt, in Äthiopien, erst in den 90er-Jahren. „Sie richten sich nach einem völlig anderen Kalender aus, das war mir zuvor nie wirklich bewusst!“, sagt er. Ein treffendes Bild dafür, dass die Welt im Auge des Betrachters liegt und es sich lohnt, den eigenen Standpunkt nicht überzubewerten. Mit dieser Haltung jedenfalls kommt Steve Volke nach Deutschland zurück.

Prägende Jahre

Armut hat viele Gesichter. Steve Volke beschreibt sie vor allem als Hoffnungslosigkeit. Sie brennt sich in Kinderköpfe ein mit dem Gedanken: Es ändert sich ja doch nichts. Fehlendes Licht, das doch notwendig ist, um Farben entstehen zu lassen. Das will der deutsche Compassion-Leiter durch sein Engagement für bedürftige Kinder ändern, Licht und Hoffnung bringen. Möglicherweise ein Grund, weshalb er in seinem Hobby, der Fotografie, gerne mit Licht spielt und Motive in kräftigen Farben bevorzugt.

Er ist überzeugt: „Sich selbst entdecken, das verändert!“ Denn er hat es selbst gesehen: Das einst perspektivlose Mädchen Bethlehem, Familie Volkes erstes von insgesamt elf Patenkindern, ist heute 19 Jahre alt und studiert Jura. Weil sie in frühen Jahren erfahren durfte, dass Menschen über Ländergrenzen hinweg an sie glauben und sie unterstützen. Mit dem Blick eines stolzen Vaters betrachtet Steve Volke auch die Entdeckungsreise seiner eigenen Töchter: Die beiden jüngeren, Zwillinge, machen gerade ein Freiwilliges Soziales Jahr im Ausland – in San Francisco und Ghana. Die Zweitjüngste hat längere Zeit in Kolumbien gelebt, wo sie sich in einem Projekt für Arme engagiert hat. Entdecken bedeutet: Auf etwas stoßen, das zuvor unbekannt war. Steve Volke lernt sehen, gemeinsam mit den Kindern dieser Welt.


Literatur-Tipp

In seinem Buch Der Sehendmacher – wie Jesus mein Herz und meinen Weltblick veränderte (Gerth Medien) erzählt Steve Volke, was er in seinem eigenen Leben und auf seinen Reisen in die ärmsten Regionen der Welt erlebt hat.