Das Buch Maleachi gehört zu den „kleinen Propheten“ des Alten Testaments und richtet sich an Israel nach dem Exil. Seine Botschaft ist überraschend aktuell – und unbequem.
Von Lydia Rieß
Im Gegensatz zu Propheten wie Jeremia und Jesaja sind die Bücher der „kleinen Propheten“ eher kurz. Insgesamt umfassen die Darstellungen eine Zeitspanne von rund 300 Jahren. Die meisten dieser kleinen Propheten befassen sich mit der Gottlosigkeit und der daraus resultierenden sozialen Ungerechtigkeit im Volk Israel.
Im Namen Gottes sagen sie sein Gericht voraus, das sich schließlich durch den Angriff der Babylonier und die Verschleppung des Volkes als Kriegsgefangene ins Exil verwirklicht (597 v. Chr.).
Manche der kleinen Propheten sprechen auch vom Gericht über die Völker ringsum Israel, die Gottes Volk angegriffen haben. Die letzten drei Bücher, zu denen auch Maleachi gehört, sprechen in die Zeit nach dem Exil, in der die Israeliten wieder zurück in ihrer Heimat sind.
Man weiß nicht genau, ob Maleachi ein Name oder eine Bezeichnung ist, denn übersetzt bedeutet es »Mein Bote« oder »Bote Gottes«. So oder so wird dadurch klar: Hier spricht Gott selbst zu seinem Volk. Auch jetzt übt er Kritik am Verhalten des Volkes und konzentriert sich dabei vor allem auf die Führungspersonen. Darüber hinaus verkündet Gott seinem Volk aber auch eine heilsame Zukunft.
Die besondere Stellung Israels
Maleachi 1,1-5: Das Buch beginnt mit einer Gegenüberstellung von Esau und Jakob, zwei Personen vom Anfang des Alten Testaments, aus denen nach biblischem Zeugnis die Völker Edom bzw. Israel hervorgegangen sind. Gottes Aussage, dass er Jakob/Israel liebt, aber Esau/Edom hasst, ist dabei so zu verstehen, dass er Israels besondere Stellung hervorhebt: Obwohl Edom und Israel »Brüder« sind, hat Israel einen Bund mit Gott geschlossen, während Edom sich abgewandt hat und eigene Wege gegangen ist.
Verantwortung vor Gott
Maleachi 1,6–2,9: Aber auch Israel hat sich von Gott abgewandt. Wegen ihrer Selbstgerechtigkeit, der Unterdrückung der Schwachen und des Götzendienstes musste das Volk durch die Zeit des Exils gehen.
Nur so konnten sie erkennen, dass ihr Status als Gottes erwähltes Volk nicht bedeutet, dass sie sich alles erlauben können. Aber auch jetzt, wo das zerstörte Land samt Hauptstadt und Tempel wieder aufgebaut wurde, läuft noch einiges schief im Volk.
Gott richtet sich in erster Linie an die Priester. Ihre Aufgabe ist es, das Volk zu Gott zu führen, zu lehren, Opfer zu bringen und ein gutes Vorbild zu sein. Stattdessen führen sie das Volk aber auf schlechte Wege und geben irritierende Ratschläge. Hier wird deutlich: Jeder einzelne Mensch ist für sich selbst vor Gott verantwortlich, aber gerade die Menschen in hohen Positionen können nicht auf ihre besondere Stellung pochen. Stattdessen stellt Gott die große Verantwortung in den Vordergrund, die mit ihrer Position einhergeht.
Reflexionsfrage: Wo trägst du Verantwortung? Wie übst du sie aus?
Treu bleiben
Maleachi 2,10-16: Dann spricht Maleachi das Thema Ehe an, denn auch hier geht es um Verantwortung. Die Israeliten hatten nach dem Exil den Götzendienst endlich hinter sich gelassen. Aber weil manche Männer nun ausländische Frauen heiraten und diese ihre Religion mitbringen, kehrt der Götzendienst zurück.
Ebenso kritisiert Gott durch Maleachi die Männer, die sich willkürlich von ihren Frauen scheiden lassen – ein egoistisches Verhalten, da Frauen in dieser Zeit vollkommen auf die Versorgung durch einen Ehemann angewiesen waren und Geschiedene selten einen neuen Mann fanden. Gott erklärt anhand dieses Fehlverhaltens, warum die Opfer der Israeliten bei ihm kein Gehör finden: Religiöse Pflichterfüllung ist wertlos, wenn im eigenen Alltagsleben weiterhin Egoismus und Ungerechtigkeit herrschen.
Reflexionsfrage: Was bedeutet es für dich, Gott im Alltag zu folgen? Wo bist du in Versuchung, ihm »Opfer« zu bringen, um ihn gnädig zu stimmen, statt dich mit ihm gemeinsam auch mit unbequemen Themen auseinanderzusetzen?
Geläutert wie Gold
Maleachi 2,17–3,12: Metalle werden in der Regel als Erze aus dem Boden geholt und müssen erst zerkleinert, geschmolzen und von Verunreinigungen befreit werden. Das Ziel dieses Läuterungsprozesses ist ein reines Metall im bestmöglichen Zustand, frei von Stoffen, die es brüchig oder glanzlos machen.
Genau das will Gott auch für sein Volk: Er will sie frei machen von allen »Verunreinigungen« wie Ungerechtigkeit, Hartherzigkeit oder Götzendienst und sie zu Menschen machen, die ihr volles Potenzial entfalten können. Dieser Prozess kann hart sein, aber das Ergebnis ist ein unbelastetes und liebevolles Miteinander, und genau das wünscht sich Gott. Erst wenn das Volk sich auf diesen Prozess einlässt, wird auch die Beziehung zwischen ihnen und Gott heilen. Gott verspricht seinem Volk, dass sie seinen vollen Segen erleben, wenn sie ihm wieder von ganzem Herzen nachfolgen.
Reflexionsfrage: Was bedeutet es für dich, von Gott »geläutert« zu werden?
Hoffen auf Gerechtigkeit
Maleachi 3,13-24: Maleachi spricht vom »Tag des Herrn«, an dem Gott Recht sprechen wird. Ein gutes Gerichtsverfahren dient dazu, willkürliche Rache zu verhindern, Unrecht zu klären, Betroffene zu entschädigen, Unschuldige freizusprechen und Verhältnisse herzustellen, die Versöhnung und Neuanfang für alle ermöglichen.
Hier werden die Menschen aber auch vor die Wahl gestellt: Wenn sie ihre Ungerechtigkeit einsehen und bereuen, können sie Freispruch finden. Halten sie dagegen daran fest, wird Gott sie verurteilen und ihren Opfern Gerechtigkeit verschaffen.
In Kapitel 3 findest du auch Prophetien, die auf die Zeit des Neuen Testaments hinweisen. Der Bote, der Gott den Weg bereiten wird (Maleachi 3,1) und der die Herzen von Eltern und Kindern einander wieder zuwenden wird (3,23-24), ist Johannes der Täufer. Seine Aufgabe wird es sein, Jesus und seine Botschaft anzukündigen.
Reflexionsfrage: Was macht es mit dir, zu wissen, dass Gericht Gerechtigkeit bedeutet?
Lydia Rieß ist evangelische Theologin, Autorin und Übersetzerin.
Dieser Artikel ist in dem christlichen Jugendmagazin Teensmag erschienen, das wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.

