Das Buch Hiob gilt als Inbegriff biblischer Schwermut. Umso überraschender ist, wie viel Ironie, Sarkasmus und literarischer Hintersinn sich darin entdecken lassen.
Von Dr. Ulrich Wendel
Wenn wir eine Hitliste der schwermütigsten Bibelbücher aufstellen wollten, dann stünde wohl das Hiobbuch – noch vor ein paar verzweifelten Psalmen – ganz an der Spitze.
Hiob wird von Gott an Abgründe seines Lebens geführt, und sein Buch führt uns Leserinnen und Leser ebenfalls an Abgründe. Die Theologin Lydia Rieß, die ganz aktuell ein Bibellesebuch über Hiob herausgebracht hat, schreibt:
„Die Beschäftigung mit Hiob muss man aushalten können, denn über weite Kapitel liest man umfangreiche und teilweise schreckliche Anschuldigungen gegen Gott, finstere Weltanschauungen und erschreckende Theorien. Als Lesende werden wir aufgefordert, Hiob auf einer langen Reise zu begleiten, auf der man sich ehrlich, echt und ungeschönt mit Gott, mit eigenen Leiderfahrungen und dem eigenen Glauben auseinandersetzt.“
Solch ein Buch wäre wohl der letzte Ort, an dem man Humor, Hintersinn und Ironie erwarten würde. Doch in der Tat enthält das Hiobbuch ein paar solcher Linien. Manchmal entlocken sie uns ein Schmunzeln, manchmal rühren sie auch direkt an den theologischen Kern dieser Schrift.
Sarkasmus
Am auffälligsten sind die sarkastischen Bemerkungen, die Hiob einstreut, wenn er sich mit seinen Freunden Wortgefechte liefert: „Wahrhaftig, ihr vertretet die Menschheit und mit euch wird die Weisheit aussterben!“ (Hiob12,2). „Wenn ihr doch nur schweigen würdet, dann könnte man euch noch für weise halten!“(13,5).
Den Schwaben unter uns kommt unwillkürlich der Spruch in den Sinn: „Wenn de dei Gosch g’halda hettsch, no hett koi Sau gmerkt, dass’d bled bisch.“
Hiob sagt dasselbe nicht auf Schwäbisch, sondern auf Hebräisch. Doch auch die Freunde sind nicht zimperlich und greifen zu drastischen Worten: „Ein Hohlkopf kommt nicht zur Vernunft, genauso wenig, wie ein Wildesel als Mensch geboren wird“ (11,12). „Bist du der erste Mensch, der je geboren wurde? Kamst du zur Welt, bevor die Hügel erschaffen wurden?“ (15,7).
Hier werden grobe Keile auf einen groben Klotz gesetzt. Abgesehen von solchem Spott, der schon an der Oberfläche erkennbar ist, gibt es aber auch eine Reihe von hintergründig ironischen Stellen, denen wir nun nachgehen.
Paradoxes
Das eine sagen und das andere tun – in solch einen Widerspruch verwickelt Hiob sich, vielleicht sogar bewusst. In Kapitel 9 führt er lang und breit aus, wie aussichtslos es ist, gegen Gott einen Prozess zu führen. Dabei würde man immer den Kürzeren ziehen. „Wenn er [Gott] dich vor Gericht zieht und Anklage erhebt, weißt du auf tausend Fragen keine Antwort“ (9,2).
„Gott ist kein Sterblicher wie ich, deshalb kann ich nicht mit ihm streiten und darf ihn nicht zur Rechenschaft ziehen“ (9,32).
Das ganze neunte Kapitel ist von juristischer Fachsprache durchzogen, um zu betonen, dass Hiob diese Möglichkeit nicht offensteht. Später aber macht Hiob genau dies: Er will einen Prozess gegen Gott führen! „Ich will mit dem Allmächtigen reden, vor ihm will ich mich verteidigen. Ich habe mich auf die Verhandlung bestens vorbereitet und bin sicher, dass ich recht behalte“ (13,3.18).
„Wenn ich doch wüsste, wo ich ihn finden könnte und wie ich zu seinem Thron gelange! Ich würde ihm meinen Fall darlegen und alle Gründe nennen, die zu meinen Gunsten sprechen!“ (23,3-4).
Hat Hiob hier seine frühere Meinung (Prozess mit Gott geht nicht) bewusst abgeschüttelt und sich absichtlich selbst widersprochen? Oder ist seine spätere Haltung (ich lege Gott meinen Rechtsfall dar) als „falsch“ markiert, weil er diese Möglichkeit zuvor schon ausgeschlossen hat? Was gilt denn nun?
Solche Widersprüche können ein ironisches Stilmittel sein, um zu zeigen, wie jemand sich um Kopf und Kragen redet. So ähnlich war es auch bei Mose, der Gott vorhält, er könne so schlecht reden und habe eine „schwerer Zunge“– und dann sehr eloquent ein Argument ans andere fügt, warum Gott ihn nicht berufen solle (2. Mose 4,1-13). Aber nicht nur Hiob verwickelt sich in Widersprüche – seine Freunde tun es auch. Sie geben Hiob den guten Rat, er solle sich doch an Gott wenden – mit anderen Worten: Er solle mal beten.
Der ach so schlaue Elifas rät dies (5,8), ebenso der neunmalkluge Bildad (8,5) und der gescheite Zofar (11,13). Nur eins tun diese drei nicht: Sie beten selbst mit keiner Silbe! Hiob dagegen wird am Schluss von Gott als Beter eingesetzt, der für seine drei Freunde eintreten soll (42,8-10). Auch zuvor schon sind seine Reden immer wieder mit Gebeten durchzogen. Wer das Hiobbuch aufmerksam durchliest, erkennt den Widerspruch und spürt die ironische Note.
Ein Spiel mit den Lesern
Hintersinn ergibt sich auch an den Stellen, die ihr Spiel mit uns, den Lesenden, treiben. So zum Beispiel, wenn Hiob sich wünscht, seine Worte mögen „in einer Inschrift festgehalten, in Stein gemeißelt und mit Blei noch ausgegossen [werden], lesbar für alle Zeiten!“ (19,23-24).
Als Hiob das sagt, ist ihm klar, dass dieser Wunsch utopisch ist. Wer sollte sich diese teure und aufwändige Mühe machen? Wir aber halten noch nach Tausenden von Jahren das Hiobbuch und damit auch diese Worte in unseren Händen! Und zwar auf so vergänglichen Materialien wie Papyrus (damals) bzw. Papier geschrieben.
Gemeißelte Inschriften des Alten Orients haben Jahrtausende überdauert, aber wie viele Papyrusdokumente sind zwischenzeitlich zerfallen. Nicht aber die Worte Hiobs! Als heutiger Leser möchte man ihm zurufen: Entspann dich, Hiob, es wurde alles mitgeschrieben!
Ein anderes Spiel wird mit der Frage von Elifas gespielt: „Hast du Gottes Ratsversammlung belauscht und dabei die Weisheit an dich gerissen?“ (15,8). Natürlich hat Hiob das nicht. Wir als Lesende aber sehr wohl – wir kennen den Prolog des Buches in Kapitel 1 und 2, wo wir Einblick in die himmlische Ratsversammlung genommen haben. Wieder möchte man Hiob zurufen: Lass dich nicht ins Bockshorn jagen, dieser Elifas ist längst nicht so schlau, wie er meint!
Ein unterschwelliger Bezug zum Prolog könnte auch in dieser Klage Hiobs bestehen: „Gott hat die Erde Schurken übergeben und alle Richter hat er blind gemacht. Wenn er es nicht gewesen ist, wer dann?“ (9,24).
Das Wort „Schurke“ kann auch mit „Gottloser“ oder „Frevler“ übersetzt werden – es geht um einen wirklich üblen Gesellen. Hat Hiob recht mit seiner Klage?
Aus dem Prolog wissen wir, dass Gott dem Satan freie Hand gegen Hiob gegeben hat. Da ist also tatsächlich ein ganz Böser am Werk. Fast meint man, Hiob hätte eine hellsichtige Ahnung davon, was in Kapitel 1 und 2 seines (späteren) Buches passiert ist. Aber ganz richtig ist seine Klage nicht. Denn nicht die ganze Erde ist in der Hand des Schurken. Der hat nur einen sehr begrenzten Spielraum.
Mit einer Sache aber hat Hiob recht: Wenn Gott nicht diesem „Schurken“ den Spielraum gegeben hätte, wer dann? Letztlich geht alles, das Gute wie das Böse, auf Gott zurück. Und das ist eine theologische Kernaussage des Hiobbuchs. Zu Beginn mögen wir erschrecken, was dem Satan alles erlaubt wird. Im Rest des Buchs spielt er aber gar keine Rolle mehr! Auch nicht in der „Auflösung“ am Ende.
Dieser Schluss schlägt ja den Bogen zum Beginn: Hiobs früheres Glück und sein ursprünglicher Wohlstand werden wiederhergestellt, ja noch überboten. Dieser Bogenschlag bezieht sich aber nicht auf die Figur des Satans. Dessen Entmachtung oder Widerlegung ist nicht nötig, um alles zum Guten aufzulösen. So bedeutend ist er dann doch nicht.
Mit dieser Gesamtkonstruktion trifft das Hiobbuch gewichtige Aussagen zur Lehre vom Teufel. Und Hiob deutet diese komplexe theologische These mit einer knappen Bemerkung an – einer Bemerkung, die ihr Spiel mit den Lesern treiben will.
Hiob kapituliert – Gott gibt ihm Recht
Ein letzter hintersinniger Zusammenhang: Die Schlussphase des Buchs besteht aus gewaltigen Reden Gottes, auf die Hiob nichts mehr antworten kann. Hiob begreift, dass er trotz all seiner Rechtschaffenheit in einer ganz anderen Liga spielt als der allmächtige Schöpfer.
Folgerichtig kapituliert er: „Ja, ich habe in Unkenntnis über Dinge geurteilt, die zu wunderbar für mich sind, ohne mir darüber im Klaren zu sein. … Darum widerrufe ich, was ich gesagt habe, und bereue in Staub und Asche“(42,3.6).
Krasser kann man kaum ins Unrecht gesetzt sein. Doch dann wartet das Hiobbuch wieder mit einem vielsagenden Widerspruch auf: Gott gibt Hiob Recht! Über die schlauen Freunde urteilt Gott: „Ihr habt nicht richtig von mir gesprochen, im Gegensatz zu meinem Diener Hiob“ (42,7). Das bedeutet ja: Die formal korrekte Theologie (die sauber funktioniert, solange man sie nicht mit dem echten Leben konfrontiert) ist unwahr! Hiobs unbotmäßige Rebellion dagegen bestand aus wahren Worten – obwohl Gott Hiob widerlegt hat. Auch dies ist eine theologische Grundaussage des Hiobbuchs. Sie wird uns in Form eines Paradoxons präsentiert.
Nebenbemerkung zur Buchkomposition
Aus all diesen Beobachtungen ergibt sich nebenbei noch eine andere Schlussfolgerung. In der Bibelwissenschaft nimmt man allgemein an, der „Rahmen“ des Hiobbuchs (Prolog, Kapitel 1 und 2, sowie die Schluss-Auflösung ab 42,7) und der große Mittelteil mit den Streitgesprächen seien ursprünglich selbstständige Teile gewesen, die möglicherweise erst später zusammengefügt wurden. Dafür kann man viele Argumente ins Feld führen. Aber unter der Oberfläche bestehen doch viele Verknüpfungen zwischen den Dialog-Reden und dem Rahmenteil: in den subtilen Anspielungen und auch beim Thema „Gebet“. Die Einheit des Hiobbuches könnte doch größeres Gewicht haben als manchmal angenommen. Macht Hiob nun Witze?
Nach wie vor ist das Hiobbuch insgesamt düster. Den Trost, den es für Leidende enthält, muss man sich mühsam herauslesen (und dann kommt er auch, der Trost). Hiob macht keine Witze. Aber die Art, wie dieses Buch literarisch gestaltet ist, enthält Witz, sie ist „gewitzt“. Und das nicht als Verzierung, sondern im Dienst zentraler Botschaften.
Dr. Ulrich Wendel ist Chefredakteur von Faszination Bibel und von sela. Das Gebetsmagazin.
Bibelübersetzungen | Hiob 9,32; 12,2; 15,7.8; 42,3.6-7: Neues Leben Bibel; Hiob 9,2; 11,12; 13,3.5.18; 19,23-24; 23,3-4: Hoffnung für alle; Hiob 9,24: Gute Nachricht Bibel
Dieser Artikel ist im christlichen Magazin Faszination Bibel erschienen, das wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.
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